Gerichts-Psychiater Josef Sachs erklärt Massenmörder Anders Breivik: «Das Gefängnis macht ihn nur noch extremer»

Der Massenmörder Anders Breivik sitzt derzeit vor Gericht, weil er findet, er werde im Gefängnis ungerecht behandelt. Dabei ist seine Zelle grösser als manch einem seine Wohnung. Josef Sachs erklärt, warum Breivik so dreist ist.

Anders Breivik sues Norway over violating his human rights play
Breivik ist voll von sich überzeugt und macht den Hitlergruss beim Eintreten ins Gericht. LISE ASERUD

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Josef Sachs 2008#Josef Sachs 2008 play
Dr. med Josef Sachs, ehemaliger leitender Arzt Forensische Psychiatrie, Königsfelden. KARL-HEINZ HUG

Herr Sachs, als Anders Behring Breivik gestern den Gerichtssaal betrat, salutierte er mit dem Hitlergruss. Auch am zweiten Prozesstag zeigte er keine Spur von Einsicht oder Reue. Warum nur?

Josef Sachs: So ungewöhnlich ist das nicht. Wer denkt, Breivik hätte sich in den ersten Jahren nach seinem Massenmord im Gefängnis hintersinnt, täuscht sich. Das Gegenteil passierte: Seine Weltanschauung wurde noch unverrückbarer.

Warum denn das?

Er sieht sich als Märtyrer. Dass er für seine Tat eingesperrt wurde, gibt ihm umso mehr das Gefühl, die Welt ticke nicht mehr richtig und müsse durch seine radikale Denkweise «gerettet» werden. Denn er glaubte ja, mit seinem Massenmord eine gute Tat für die Gemeinschaft und seine «Rasse», wie er sagt, vollbracht zu haben. Deshalb wurde Breivik ja auch lebenslang verwahrt – man sperrt ihn ein, weil er als unheilbar gilt und eine Gefahr darstellt.

Aber wird er mit den Jahren einsichtiger?

Schwer einzuschätzen. Sehr wahrscheinlich passiert genau das Gegenteil – er wird noch extremer. Denn seit dem Tag seiner Tat ist er ein bekannter Mann: Wenn er spricht, hören ihm nun tausende zu. Das giesst Öl ins Feuer. Breivik hat jetzt eine Bühne. Und einige applaudieren sogar, was ihn umso mehr bekräftigt, an seinen Überzeugungen festzuhalten.

Mit dem Applaus sprechen Sie die «Fanpost» an – die 600 Briefe, die vom Gefängnispersonal abgefangen wurden?

Genau. Es gibt überall auf der Welt Gleichgesinnte – selbst wenn die Gemeinsamkeit noch so schlimm und brutal ist. Durch seine Tat wurde er weltweit bekannt. Millionen Menschen wissen von ihm. Darunter sitzen auch viele Leute, die gleich denken wie er.

Welche Rolle spielt dabei das Internet, die weltweite Vernetzung?

Breivik stiess schon vor seiner Tat auf Zustimmung in seinen Ideen. Immer irgendwo – und meistens online. Schaut man in seine Biografie, kann man eine entsprechende Entwicklung herauslesen. Er fixierte sich immer mehr auf seine Ideen und blendete alle anderen Meinungen aus. Dies nicht zuletzt auch in der Gemeinschaft – im virtuellen Netzwerk, bestehend aus Leuten der ganzen Welt, die ihre rassistischen Ansichten übers Internet teilten. Denn übers Internet haben es Menschen mit «extremen» Interessen oder Vorlieben heute sehr einfach, Gleichgesinnte zu finden. Es funktioniert quasi über das Hashtag-Prinzip.

Nun wird aber seine ganze Kommunikation strikt kontrolliert.

Ja, aber wie man sieht, findet er immer wieder einen Weg, um seine Anschauungen publik zu machen und möglicherweise Leute zu mobilisieren – so traurig es auch ist. Wie etwa der laufende Prozess; dieser wird zur Bühne, zum Diskussionsthema. Irgendwo auf der Welt bestimmt auch für Leute, die seine brutalen Taten befürworten. Zwar waren heute keine laufenden Kameras dabei, als er seine Erklärung abgab. Aber die Journalisten schrieben ja trotzdem mit.

Ist Breivik eigentlich nicht krank? Braucht er keinen Vormund? 

Nein, den braucht er nicht. Er gilt als urteilsfähig und zurechnungsfähig. Wenn er nicht zurechnungsfähig wäre, könnte man ihn nach norwegischem Recht nicht bestrafen. Es war ihm damals auch wichtig, offiziell als zurechnungsfähig zu gelten.

Warum?

Sonst hätte man ja sagen können «der spinnt», was ihn verletzt hätte. Er wollte in seinem Tun zu 100 Prozent ernst genommen werden.

Es scheint nach solch einer Tat dreist, jetzt den Staat zu verklagen, um für mehr Freiheit und Luxus im Gefängnis zu plädieren. Er scheint schon ein bisschen in seiner eigenen Welt zu leben.

Es gibt ja zwei Gutachten zu Breivik: Das eine weist eher auf eine Schizophrenie hin, das andere auf eine Persönlichkeitsstörung. Auf jeden Fall hat er einen unkontrollierbaren Fanatismus. Dazu kommt dann noch die politische Gesinnung, ein grosses Misstrauen gegen alles in der Welt sowie ein ständiges Gefühl von Bedrohung. Mischt man das alles zusammen, hat man den Todes-Cocktail vor sich. 

Und dann wird gleich geschossen? 

Nein, es braucht auch eine starke narzisstische Veranlagung. Breivik meint, der Retter des Abendlandes zu sein. Seine jetzige Inhaftierung macht ihn in seinen eigenen Augen noch zu einem «wichtigeren» Menschen. Deshalb ist in absehbarer Zeit nicht mit Einsicht zu rechnen.

Ist sein Gang vor Gericht nun ein strategischer Zug, um wieder im Gespräch zu sein? 

Es stimmt zwar, dass für ihn das schlimmste wäre, würde er in Vergessenheit geraten. Doch seine Anklage gegen den Staat ist kein strategisch durchdachter Zug, um «PR» zu erhalten. Dieser Schritt kommt bei ihm aus einem tiefen Gefühl heraus – er fühlt sich wirklich ungerecht behandelt, er meint es ernst. Und klagt deshalb an. (kmm)

Publiziert am 16.03.2016 | Aktualisiert am 18.03.2016
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Er verklagt Norwegen wegen «unmenschlicher Behandlung» Breivik begrüsst das Gericht mit Hitler-Gruss

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  • Pascal  Meier 17.03.2016
    Nun Anders Breivik, ist wie sein Name schon sagt vor allem eins, Anders. Es erscheint mir doch wichtig, dass wir berücksichtigen, dass er für uns auch etwas Anderes ist, ein Ausländer. Es kann sein, dass wir seine Religion nicht kennen und er uns mit seinen blonden Haaren und seinem hastigen Getue ein bisschen Anders vorkommt. Trotzdem sollten wir ihm eine Chance geben, und jeder der ihn verurteilt weil er Anders ist, ist dann vor allem eins: Ein Rassist und Faschist!
  • Heinz  Meier 17.03.2016
    ja, ja, diese psychiater...hebt sich jemand hervor, so sind es mit sicherheit diese.
    auch psychiatrische vorhersagen und berichte sind genau so falsch, wie die ansichten diese anders breivik.
    nur gibt es einen unterschied, dass berichte solcher psychiater anerkannt und steuergeldverschwendung ist, und mal ganz abgesehen von dessen verantwortung gleich null ist.
  • Max  Brüllhardt 17.03.2016
    eine Frage: der Herr Doktor Sachs lässt sich in einer breiten Analyse über Breivik aus und hat wahrscheinlich kein Wort mit ihm gesprochen. Ich frage mich woher er das alles weiss. Funktioniert so Psychiatrie? Leider offensichtlich schon; sowas wird auch bei uns im Land praktiziert. Heisst übrigens nicht dass ich jetzt Breivik gut finde. Ich wünschte mir Blick wäre da etwas kritischer.
  • Ernst  Schaffhauser aus Bodensee
    17.03.2016
    Ich werde nie verstehen warum man um einen massenmörder ein solches Theater macht, er hat kaltblütich Menschen ermordet, mit ihm sollte oder müsste man genau gleich verfahren, er kostet den Staat eine Unmenge Geld, Psychiater verdienen sich nun dumm und dämlich, am Ende wird er verwahrt werden und geniesst aus seiner Sicht ein schönes Leben in einemfeudalen heim für verwahrte, verstehe wer will, ich will es nicht verstehen
  • Antonio  Andreano , via Facebook 16.03.2016
    Ich finde das gut, dass selbst so kaputte Massenmörder wie Breivik noch ihre Schau abziehen dürfen und den (in diesem Fall norwegischen) Staat vor Gericht zitieren und sich über die miese Qualität ihres Hotels beschweren dürfen. Viel eindrücklicher kann man doch den Leuten gar nicht mehr vor Augen führen, wie komplett "birreweich" die Strafvollzugsbehörden in Skandinavien, aber auch hier bei uns geworden sind. Eine einzige Perversion das ganze kranke System.
    • marco  martini aus Rohr
      17.03.2016
      Antonio Andreano nicht vergessen: es gibt nie eine Sicht der Dinge, mindestens zwei. Genauso denkt der Breivik "Eine einzige Perversion das ganze kranke System" Damit meint er unsere Lebensweise wie wir multi kulti leben. Es gibt auf der Welt immer ein pro und contra. Ich bina auch nicht auf der seite von Breivik aber wir sollten immer wissen dass es auch andersdenkene gibt.
    • Rolf  Gruber 17.03.2016
      Und das schlimmste ist, dass man diesem Psychokiller auch im Blick noch tagelang und seitenbreit eine Plattform gibt. Das ist doch genau das was er will. In die Versenkung, Deckel drauf und Schluss ist.