«Geborgte» Frau

  • Publiziert: 29.08.2006, Aktualisiert: 02.01.2012

WIEN – Ein Nachbar hat Natascha Kampusch schon vor ihrer Flucht gesehen. Gehandelt hat er jedoch nicht. Denn der Entführer, Wolfgang Priklopil, hatte eine Ausrede parat.

Seit rund eineinhalb Monaten habe er eine junge Frau «hin und her huschen» sehen, erklärte Josef Jantschek gestern Abend in der ORF-Sendung «Thema». Josef Jantschek war der Nachbar des Enführers von Natascha Kampusch, Wolfgang Priklopil.

«Der Wolferl hat eine neue Freundin», habe er zu seiner Frau gesagt. Nur habe er sich gewundert, warum die Frau immer durch die Garage ins Haus ging, erzählt Jantschek auf «orf.at».

Als Priklopil einmal bemerkte, dass der Nachbar die beiden beobachtete, schickte er Natascha schnell weg. Jantscheks Folgerung: «Die dürfte ein bisserl jünger sein, vielleicht will er nicht, dass man sie sieht.»

Jantscheks Neugier war erwacht. Er sprach den Nachbarn auf seine «neue Freundin» an. Doch dieser verneinte. Priklopil erklärte, dass er die Frau von einem Freund «ausgeborgt» habe und sie «aus Jugoslawien» komme. Sie helfe ihm bei Haushaltsarbeiten.

Obwohl Jantschek das «Ausborgen» einer Frau nicht für ungewöhnlich hielt, hakte er noch einmal nach. Er könne ihm ja die Frau einmal vorstellen. Auf diese Aufforderung antwortete Priklopil nicht.

Der Nachbar beobachtete die zwei auch bei «Ausflügen». Er habe Natascha und Priklopil zusammen im Auto gesehen, erzählte Jantschek. «Sie ist vorne rechts gesessen.» Sie habe freundlich, aber blass gewirkt.

Als Jantschek von der achtjährigen Gefangenschaft von Natascha erfuhr, konnte er sich das zuerst nicht vorstellen. In einer kommenden Befragung von Natascha soll überprüft werden, ob die Aussagen des Mannes stimmen.

Höchstens zehn Jahre Haft für Entführer

Hätte Wolfgang Priklopil, der Entführer von Natascha, sich nach deren Flucht nicht das Leben genommen, hätte er eine milde Strafe erhalten: Bei einer Verurteilung hätten ihm höchstens zehn Jahre Haft gedroht. Da er keine Lösegeldforderungen stellte, gilt seine Tat nicht als erpresserische Entführung, sondern als Freiheitsentziehung. Deshalb will das österreichische Justizministerium nun handeln: «Wir haben bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Lücke zwischen erpresserischer Entführung und blosser Freiheitsentziehung schliessen soll», erklärte ein Sprecher der Justizministerin Karin Gastinger.

Ausbildung und PR-Berater

Natascha Kampusch will eine Ausbildung beginnen. Der Wiener Rechtsanwalt Günter Harrich will dazu beitragen, dass die junge Frau in fünf Jahren «halbwegs vernünftig leben kann». Er beschrieb Kampusch als zarte und intelligente Frau. Auf Wunsch seiner Mandantin kaufte er ihr einige Kosmetika. Weil die 18-Jährige derzeit über kein Geld verfügt, sprang der betreuende Psychiater Max Frisch mit einer kleinen Summe ein. Das Entführungsopfer hat inzwischen auch einen PR-Berater, bei dem über 70 Anfragen internationaler Medien eingingen. Die Anfragen – hauptsächlich aus Europa, aber auch USA und Asien – betreffen vor allem Interviews mit Natascha und aktuelle Fotos des Teenagers.

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