Maher Arar «Folterknechte assen meine Schweizer Schokolade»

  • Aktualisiert am 02.01.2012
  • BEAT KRAUSHAAR UND HENRY HABEGGER

BERN – Der Kanadier Maher Arar (34) flog von der Schweiz nach New York. Dann veschleppte ihn die CIA in ein syrischen Gefängnis. Dort wurde er gefoltert. Was weiss der Schweizer Inland-Geheimdienst (DAP) über den Folter-Fall?

Maher Arar machte mit Frau und Kindern Ferien in Tunesien. Da erreichte ihn ein E-Mail seines Arbeitgebers. Man brauche ihn in Kanada, hiess es darin.

Am 25. September 2002 flog Arar von Tunesien nach Zürich. Er kaufte Schokolade und übernachtete in einem Hotel in der Nähe des Flughafens Kloten. Tags darauf flog er mit American Airlines von der Schweiz Richtung Kanada – mit Zwischenhalt in New York.

Dort begann für den in Syrien geborenen Kanadier Arar der Albtraum. Er wurde beim Zwischenhalt schon erwartet – von FBI und CIA. Zwölf Tage wurde Arar anschliessend in New York festgehalten und pausenlos verhört.

Die Amerikaner verdächtigten ihn, der Al Kaida von Osama Bin Laden anzugehören. Beweise dafür fehlten. Während seiner Haft verlangte Arar wiederholt, dass man ihn entweder nach Kanada bringe oder zurück in die Schweiz.

Brisant: Wenn ein Staat einer Person die Einreise verweigert, muss er nach internationalem Recht dorthin zurückgeschickt werden, von wo er angereist ist. In Arars Fall ist dies die Schweiz.

Doch CIA und FBI dachten nicht daran. Stattdessen wurde der Kanadier mit einem CIA-Folterflugzeug nach Washington geflogen. Und von dort via Rom ins jordanische Amman. Dort wurde Arar in Ketten gelegt und bereits auf der Fahrt ins syrische Folter-Gefängnis mehrfach geschlagen.

Arar: «Dort durchsuchten sie mein Gepäck und assen meine Schokolade, die ich in Zürich gekauft habe». Dann begann für den unschuldig im Folter-Gefängnis sitzenden Arar das Märtyrium. Arar: «Sie schlugen mich mit einem schwarzen Elektro-Kabel, verpassten mir Elektro-Schocks und schlugen mich mit den blossen Fäusten. Wenn ich nicht selber gefoltert wurde, musste ich mir die Schreie von anderen gefolterten Mitgefangenen anhören».

Das Martyrium dauerte 10 Monate und 10 Tage. Wenn er nicht gerade gefoltert wurde, vegetierte Arar in einer kleinen Zelle vor sich hin. Am 5. Oktober 2003 wurde der Kanadier freigelassen und in ein Flugzeug gesteckt, dass ihn nach Kanada brachte.

Der Fall Arar löste dort nicht nur ein grosses Medienecho aus, sondern auch eine öffentliche Untersuchung. Das Ergebnis: Arar ist unschuldig und wurde von der CIA bewusst nach Syrien gebracht, um ihn dort der Folter auszusetzen. Arar hat unterdessen Klage gegen den ehemaligen Justizminister John Ashcroft und andere US-Beamte eingereicht.

Noch nicht geklärt ist, welche Rolle die Schweiz im Fall Arar spielte. Wurde er in Zürich vom Inland-Geheimdienst in Zusammenarbeit mit dem FBI und dem CIA beschattet? Bekam die USA Informationen von den Schweizern? Auf eine entsprechende Anfrage von BLICK hüllten sich die Geheimdienstler in Schweigen.

Jetzt interessiert sich aber die parlamentarische Geschäftsprüfungsdelegation GPDel für den Folter-Fall. «Sollte sich herausstellen, dass Dienststellen des Bundes dabei eine Rolle gespielt haben, werden wir beim zuständigen Departementsvorsteher Informationen einholen», sagt GPDel-Sekretär Philippe Schwab.

Interessieren sollte der Fall Arar auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. Immerhin verstiessen die Amerikanern gegen internationales Recht, weil sie Arar nicht zurück in die Schweiz schickten.

Maher Arar wurde 10 Monate und 10 Tage festgehalten.- Reuters

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