Torfbrände sorgen für Nebel des Grauens Extreme Todesrate in Moskau

  • Aktualisiert am 20.01.2012

Moskau versinkt wegen der schlimmsten Torfbrände seit Jahrzehnten im Umland im giftigen Smog. In der russischen Hauptstadt mit ihren mehr als zehn Millionen Einwohnern macht sich Angst breit.

Moskaus giftiger Smog hat seinen Brandgeruch längst auf jedes Bett gelegt. Die Menschen in der grössten Stadt Europas finden kaum noch Luft zum Atmen ─ und das bei der grössten Hitzeglut, die die Stadt seit mehr als 140 Jahren heimsucht.

Die Metropole versinkt in einem düsteren Nebel, der so brenzlig riecht, dass einem übel wird. Der brandige Dunst beisst in den Augen, trocknet den Rachen und reizt die Schleimhäute in der Nase. Schutzmasken sind nicht mehr zu haben: «Es ist entsetzlich. Keiner sagt, wie schädlich dieser Dreck für die Gesundheit ist, weil die wohl Panik verhindern wollen. Aber ich bleibe nur noch zu Hause », sagt der 28-jährige Moskauer Alexej.

Reizhusten und Hautausschläge

Nur noch wenige wagen sich ohne Mundschutz aus dem Haus. Wer keine Maske hat, benutzt feuchte Tücher oder bastelt aus Verbandsmull oder Watte einen Atemschutz. Besonders Kinder leiden immer stärker. Besorgte Mütter suchen Ärzte auf, weil ihre Töchter und Söhne schwere Hautausschläge und Reizhusten bekommen.

Älteren Menschen mit Atembeschwerden empfehlen die Behörden schon seit Tagen, lieber zu Hause zu bleiben. Die Todesrate in Moskau stieg allein im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 50 Prozent auf mehr als 14000 Menschen.

Der Verschmutzungsgrad sei «sehr hoch», heisst es offiziell. Allein der Gehalt an giftigem Kohlenmonoxid in der Luft sei fast siebenmal höher als zumutbar. Hinzu kommt eine extreme Feinstaubbelastung.

Die Stadt im Ausnahmezustand

Immer mehr Menschen spüren die Gesundheitsfolgen: Abgeschlagenheit und Unwohlsein, hoher Blutdruck und vor allem schwere Kopfschmerzen. Medizinische Notdienste sind seit Tagen im Dauereinsatz.

In Moskau sind immer wieder Menschen mit Feldbetten auf der Strasse zu sehen ─ sie ziehen um, in klimatisierte Büros oder zu Freunden, die bessere Luft haben.

Einige Arbeitgeber in Moskau bestätigten, dass sie ganzen Familien aus den besonders verpesteten Teilen der Stadt Unterschlupf gewähren. Die Unruhe wächst. Die Stadt hat Massenveranstaltungen untersagt. Vergnügungsparks haben ihren Betrieb eingestellt.

Alle Polizeistreifen sind angewiesen, mit Blaulicht zu fahren, damit Bürger sie leichter erkennen können. Die Polizisten sollen auch die Erste Hilfe rufen und haben selbst Medikamente und Wasser dabei.

Sonne nur noch kleiner Punkt

Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow erholt sich derweil in den Ferien ─ doch beschreibt nun sogar der vorzeitig vom Schwarzen Meer zurückgekehrte Präsident Dmitri Medwedew die Lage als «fürchterlich».

Die Sonne über der Stadt ist nur noch als kleiner heller Punkt zu sehen. Der Verkehr auf den Flughäfen ist schwer beeinträchtigt, der Smog ist zudem sogar bis tief in die Moskauer Metro vorgedrungen. Er ist längst zu einem Nebel des Grauens geworden. Zwar empfehlen Ärzte, die Stadt zu verlassen. Doch für die meisten gibt es kein Entrinnen.

Diplomaten reisen ab

Wegen des giftigen Qualms in Moskau sind die ersten Diplomaten aus der russischen Hauptstadt abgereist. Polen, Österreich und Kanada hätten einige Mitglieder ihres diplomatischen Personals und deren Familien in die Heimat geschickt, heisst es. Das Aussendepartement in Bern rät Reisenden, sich von einem Arzt beraten zu lassen, falls sie gesundheitliche Bedenken haben. (snx)

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