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Klartext Konziliant im Ton, hart in der Sache: Igor Bratchikov im Salon der russischen Botschaft.- Sabine Wunderlin
In der russischen Botschaft am Berner Brunnadernrain sind die Baumeister am Werk. Der Eingangsbereich und der Empfangssalon sollen neu gestaltet werden. Es ist schliesslich der erste Eindruck, der zählt. Dies, sagt Hausherr Igor Bratchikov, gilt auch für Russlands Aussenpolitik. Eine Statistenrolle auf der Weltbühne ist für Moskau schlicht inakzeptabel.
Herr Botschafter, eine grosse Schweizer Zeitung hat die russische Staatsführung im Zusammenhang mit der Kaukasus-Krise als Halbstarke bezeichnet.
Igor Bratchikov: Entweder lässt sich dieser Journalist manipulieren, was ich nicht ausschliessen möchte. Oder er versteht nicht besonders viel von Russland und dem Kaukasus.
Immerhin ging es mit der Anerkennung von Südossetien und Abchasien erstaunlich schnell.
17 Jahre lang, länger als im Kosovo, hat man auch unter der Schirmherrschaft internationaler Organisationen mit den Georgiern zu verhandeln versucht. Sie sehen, was dabei herauskam.
Georgien fürchtete um seine territoriale Integrität. Offenbar nicht zu Unrecht.
Saakaschwili hat mit seinem Angriffsbefehl auf die russischen Blauhelme in Südossetien eine krasse Aggression im Sinne der UN-Charta begangen. Er selbst hat dem Prinzip der territorialen Integrität Georgiens den Todesstoss versetzt.
Das war Saakaschwili ganz allein?
Diejenigen, die das georgische Militär ausgebildet und aufgerüstet haben, sind mit verantwortlich.
Sie reden von den USA?
Diesen Namen haben Sie genannt. Das georgische Militärbudget stieg in den vergangenen fünf Jahren um das 30fache. Die Armee wurde von ausländischen Beratern ausgebildet. Selbst die Angriffswaffen kamen von aussen. Und jetzt bringen US-Kriegsschiffe angeblich humanitäre Hilfe.
Was meinen Sie damit?
Die Nato und die USA selbst sagen doch, dass sie beim Wiederaufbau der georgischen Streitkräfte helfen wollen. Man sollte aufhören, das georgische Regime zu hätscheln.
Und Russland sollte seine Truppen aus dem georgischen Kernland abziehen.
Der Rückzug ist beendet. Es gibt nur diese Pufferzone an der Grenze zu Südossetien und Abchasien, die von einer kleinen Zahl russischer Soldaten kontrolliert wird.
Sie sagen, Moskau wolle den Dialog. Gleichzeitig heisst es, man brauche die Nato nicht. Auch auf die EU oder die OSZE sei zu verzichten. Das ist ein Widerspruch.
Wir sagen nur, dass wir diese Organisationen nicht mehr brauchen als die uns.
Die Krise droht aus dem Ruder zu laufen.
Immer, wenn geschossen wird, hat die Diplomatie versagt. Die Hauptschuld liegt aber nicht bei uns.
Sondern?
Ich will nicht sagen, dass die USA das alles so gewollt haben. Aber an ihrer Mitschuld habe ich keinen Zweifel.
Und was hätten die USA mit dieser Strategie bezweckt?
Alles deutet auf den Versuch hin, Russland einzukesseln. Unsere legitimen Sicherheitsinteressen werden systematisch verletzt. Man muss sich immer auch in die Lage des Anderen versetzen.
Russland empfindet die Nato also Bedrohung?
Was sollen wir denken, wenn die Nato immer neue Mitglieder möglichst nahe an unseren Grenzen aufnehmen will? 1000 russische Soldaten in Transnistrien gefährden angeblich die militärische Sicherheit in Europa und gleichzeitig sollen je 5000 amerikanische Spezialeinheiten in Bulgarien und Rumänien keine Bedrohung sein? Wenn US-Raketen in Polen aufgestellt werden und 18 Nato-Kriegsschiffe auf einmal ins schwarze Meer einlaufen – wie soll man das denn verstehen?
Könnte es sein, dass der Kreml das Gefühl für die Weltpolitik verloren hat?
Im Gegenteil beweist die russische Regierung viel Fingerspitzengefühl. Und zwar nicht nur in Georgien. Präsident Medwedew hat erst vor kurzem einen juristisch bindenden allgemeinen Sicherheitsvertrag für Europa unter Einbeziehung der USA angeregt. Das wird hier bei Ihnen einfach verschwiegen. A propos: noch im Juli haben wir Georgien ein juristisch bindendes Abkommen mit Abchasien und Südossetien vorgeschlagen, das auch den Verzicht auf Gewalt enthalten sollte. Warum hat Georgien nicht unterzeichnet?
Vielleicht hat Georgiens Präsident sich verschätzt?
Am 22. Juni 1941 hat Hitler einen Krieg gegen die Sowjetunion begonnen, in dem er Russland von den Russen befreien wollte. Saakaschwili wollte Südossetien von den Osseten befreien.
Ihre Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist kein Zufall. Droht ein neuer globaler Konflikt?
Wir sehen die Gefahr, dass ein kleiner Diktator einen grossen Krieg anzetteln kann, wenn man ihn nicht rechtzeitig stoppt. Die Provokationen von Herrn Saakaschwili haben Europa gegen Russland aufgehetzt. Und Russland gegen die Vereinigten Staaten. Das kann zu grossem Unglück führen.
Sie stellen Vorbedingungen für die Wiederaufnahme des Dialogs?
Wir werden keinen Monolog abhalten. Und wir werden auch keine Vorbedingungen akzeptieren, wie wir sie jetzt schon hören. Das wird Russland nicht tun. Es war seit dem Ende des Kalten Kriegs ein grober Fehler des Westens, dass er Russland nicht ernst genommen hat. Ist es zuviel verlangt, dass Russland als
gleichberechtigter Partner anerkannt werden will?
Der Bundesrat will im Rahmen einer vergrösserten OSZE-Mission bis zu acht zusätzliche Militärbeobachter in die georgische Krisenregion schicken. Wäre das für Moskau akzeptabel?
Das müssen Sie Tiflis, aber auch die unabhängigen Regierungen von Südossetien und Abchasien fragen.
In erster Linie müsste wohl mit Moskau geredet werden?
So ist das in unserer heutigen Welt. So eng sind wir alle heute miteinander verflochten. Deswegen sind all diese Drohungen, dass man die Verbindungen und Beziehungen kappen könnte, ein zweischneidiges Schwert.
Wie wird sich diese Krise entwickeln?
Viel wird davon abhängen, dass die westlichen Politiker genug Erfahrung haben, um die politischen Hitzköpfe zu beruhigen, die jetzt wieder einen Kalten Krieg beginnen wollen. Wir vertrauen in die Vernunft der amerikanischen Politiker und in Europa. Trotz allem.
Sie wollen sagen, dass wir uns einen Nicht-Dialog mit Russland gar nicht leisten können?
Genau das. Und dabei sollte die europäische Sicherheit an erster Stelle stehen. Denn die macht uns Russen wirklich Sorge. Es geht nicht nur darum, die Dinge zu besprechen, die den westlichen Partnern Sorge machen. Sondern auch darüber, was uns beunruhigt. Das wäre der Anfang eines echten Dialogs. Solange die Menschen miteinander reden, schiessen sie nicht.»
Das ganze Interview mit Botschafter Igor Bratchikov können Sie heute im SonntagsBlick lesen.
Und jetzt? Auslandsredaktor von Dohnányi und Botschafter Bratchikov im Gespräch.- Sabine Wunderlin