Libyen-Geisel über Gaddafi «Es gibt wohl doch Gerechtigkeit»

ZÜRICH - Vor fast anderthalb Jahren kam die Libyen-Geisel Rachid Hamdani frei. In einem Interview spricht der 70-Jährige über die Zeit danach – und den Niedergang des Diktators Gaddafi.

  • Publiziert: 10.06.2011, Aktualisiert: 20.01.2012
play Rachid Hamdani wurde zusammen mit Max Göldi in Libyen festgehalten – aus Rache für die Festnahme Hannibal al-Gaddafis in Genf. (Keystone)

Mit Genugtuung verfolgt der Waadtländer derzeit Gaddafis Abstieg: «Es gibt wohl doch Gerechtigkeit», beschreibt Hamdani seine Gefühle. «Vielleicht nicht für mich persönlich, aber ich denke dabei an all die Menschen, die jahrelang unter der Herrschaft Gaddafis gelitten haben.» Wie ein Sieg fühle sich das an. «Ich sage mir, dass er jetzt bezahlt für das, was er getan hat.»

Doch die Nachrichten brächten auch die Erinnerungen und Gefühle von damals wieder hoch. Manchmal, so erzählt Hamdani, stünden ihm Tränen in den Augen.

«Leben auf Kopf gestellt»

Bis heute kann der der 70-Jährige keinen Schlussstrich unter die Ereignisse ziehen. Das Gefühl, ein Opfer von Ungerechtigkeit gewesen zu sein, lässt ihn nicht los. «Diese willkürliche Haft hat mein Leben auf den Kopf gestellt», sagt Hamdani. «Körperlich, moralisch und finanziell.»

Die Hilfe eines Psychologen habe er aber nicht in Anspruch genommen. Er will alleine darüber hinwegkommen – und mit Hilfe seiner Frau.

Traumatisch und stärkend

So traumatisch die Geiselhaft war – es hat den Ingenieur auch gestärkt: «Ich hätte niemals gedacht, dass ich all das, was ich in diesen 583 Tagen ertragen habe, aushalten könnte.» Er habe gelernt, dass jeder Mensch in sich eine grosse körperliche und mentale Kraft trage, mit der man auch aussergewöhnliche Situationen überstehen könne.

Um mit der Geschichte endlich abschliessen zu können, wünscht Hamdani sich vor allem eines: Gerechtigkeit. Er will ein Urteil. Eines, das Max Göldi und ihn zu Opfern erklärt und Konsequenzen für den Staat Libyen nach sich zieht.

«Der Einzige, der zahlt»

Die Ankündigung von dieser Woche, dass die Bundesanwaltschaft gegen Libyen bald eine Strafuntersuchung wegen Geiselnahme und Erpressung einleiten will, hat Hamdani erleichtert: «Es ist für einen Schweizer Bürger beruhigend zu wissen, dass man sich auf seine Regierung verlassen kann.»

Doch eines wurmt den 70-Jährigen noch, wie er auch in einem vorigen Interview betonte: Er glaubt, dass alle, die in die Libyen-Affäre verwickelt waren, gut aus ihr herausgekommen sind – ausser ihm selbst. Sogar die Schweiz habe ihr damals gezahltes Lösegeld wieder bekommen, wie Hamdani gerade erfahren hat.

«Ich will nicht im Namen von Max (Göldi, Anm. d. Red.) sprechen, aber im Grunde habe ich das Gefühl, dass ich der Einzige bin, der für damals zahlt», sagt Hamdani. «Ich hoffe, dass der Gerechtigkeit noch vor meinem Tod Genüge getan wird.» (kra)

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