«Er war sehr gruselig»

  • Publiziert: 18.04.2007, Aktualisiert: 14.01.2012

BLACKSBURG (USA) – Cho Seung-Hui (23) richtete am Montag ein Massaker an. Ähnlich Verstörendes hatte der Englisch-Student in seinen Theaterstücken beschrieben.

Noch immer sucht die Polizei fieberhaft nach den Motiven des Amokläufers von Blacksburg. Sie wurden aber bei den Ermittlungen gestört: Heute Mittwoch wurde das Büro des Campus-Präsidenten mit bewaffneten Sicherheitskräften abgeriegelt, angeblich wegen einer Bombendrohung, wie CNN mitteilte. Der Verdacht erwies sich als unbegründet.

Der Amokschütze ist weiterhin eine undurchsichtige Gestalt, da er mit niemandem Kontakt pflegte. Langsam formt sich aber ein düsteres Psychogramm eines Einzelgängers. Seine Mitbewohner berichten von einer nicht existierenden Kommunikation zwischen ihnen und dem Südkoreaner: «Oft sass er einfach nur da, starrte vor sich hin – Antworten kamen nur einsilbig», erzählt Joseph Aust. «Er konnte mir nicht in die Augen schauen», so sein Mitbewohner gegenüber «ABC».

Im vergangen Herbst schrieb der 23-jährige Einzelgänger in einem Uni-Kurs Theaterstücke, deren gewaltsamer Inhalt Professoren und Studenten erschreckte. Seine Figuren griffen andere mit Kettensägen an und warfen Hämmer, wie ein Mitschüler berichtete.

Seine «Kreatives Schreiben»-Lehrerin Nikki Giovanni bekam Angst vor dem stillen Schüler: «Es war nicht Poesie, es war furchterregend.» Sie erzählte, dass einige Schüler nicht mehr im Unterricht erschienen. Die Begründung: «Er war sehr gruselig und machte Fotos von den Mitschülern.»

Chos Stücke wirkten mit ihrer «perversen, makabren Gewalt» bisweilen «wie aus einem Alptraum», schrieb der Ex-Student Ian MacFarlane in einem Blog. Cho habe den Einsatz von Waffen beschrieben, die er sich selbst nicht einmal hätte vorstellen können.

Die Leiterin der Fakultät für Englisch an der Technischen Hochschule in Blacksburg, Carolyn Rude, erklärte, die Direktorin der Fachschaft Kreatives Schreiben habe ihn als «mit Problemen belastet» beschrieben. Cho sei an den psychologischen Dienst verwiesen worden.

«Er hat Anlass zur Sorge gegeben», sagte Rude. «Beim kreativen Schreiben enthüllen Menschen manchmal Dinge, von denen man nicht weiss, ob sie sich das ausdenken oder ob das vielleicht wahr sein könnte.»

Was genau die Tat am Montag auslöste, bleibt weiter unklar. Der aus Südkorea stammende Englischstudent hinterliess aber ein achtseitiges Schreiben, in dem er nach Angaben aus Ermittlerkreisen gegen reiche Kinder und Religion schwadronierte. «Ihr habt mich dazu gebracht, dies zu tun», schrieb Cho an einer Stelle. Das Ende sei nahe und es müsse noch eine Tat vollbracht werden.

Er war in psychiatrischer Behandlung

Der Amokläufer von Blacksburg war vor seiner Bluttat polizeilich bekannt und in psychiatrischer Behandlung, wie die Polizei heute mitteilte. Cho Seung Hui habe 2005 zwei Studentinnen massiv belästigt, sagte ein Sprecher. Einer der Frauen habe er mit Anrufen und E-Mails derart nachgestellt, dass die Polizei gerufen wurde.

Ebenfalls Ende 2005 riefen Chos Eltern bei der Universität an, weil sie sich Sorgen über eine Selbstmordgefährdung ihres Sohnes machten. Der aus Südkorea stammende Englischstudent sei daraufhin in eine psychiatrische Einrichtung gebracht worden.

Cho im Internet?

Als Einzelgänger war Cho Seung-Hui, dessen einziges bekanntes Hobby Musikdownloads war, oft im Internet anzutreffen – oder eben nicht. Bis jetzt fehlen nämlich so typische Hinweise, wie ein Eintrag auf einer Social Network Seite wie Myspace oder Facebook. Und unzählige Blogger und Surfer sind seit dem Amoklauf bemüht, Cho Seung-Hui virtuell aufzuspüren. Bisher ergebnislos. Fälschungen gibt es allerdings zuhauf: Auf Myspace wurden seit dem Amoklauf einige neue makabre Profile eröffnet – und durch die User kräftig beschimpft. Ein Myspace-Eintrag ist allerdings echt: Der des ersten Opfers Emily Hilscher.
play Seine Theaterstücke waren Oden an die Gewalt: Amokläufer Cho Seung-Hui. (AP)

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