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Ihren Entführer hat sie stets in Schutz genommen. Er habe sie gut behandelt. In ihrem Buch legt Natascha Kampusch erstmals offen, welches Leid ihr Wolfgang Priklopil wirklich zugefügt hat.
«Ich war von der Aussenwelt komplett abgeschnitten. Kein Laut drang herein. Die Luft war muffig und legte sich über mich wie ein feuchter Film, den ich nicht abstreifen konnte. Das einzige Geräusch war das Klappern des Ventilators, der durch ein Rohr an der Decke Luft vom Dachboden über der Garage in mein Gefängnis blies. Das Geräusch war die reine Folter: Tag und Nacht surrte es von nun an durch den winzigen Raum, bis es schrill wurde und ich mir verzweifelt die Hände an die Ohren presste, um es auszusperren. Wenn der Ventilator heiss lief, begann es zu stinken.»
Kampusch wollte einen Gutenachtkuss
Natascha Kampusch bat Priklopil einmal, bei ihr zu bleiben, sie ordentlich ins Bett zu bringen und ihr eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. «Ich wünschte mir von ihm sogar einen Gutenachtkuss, wie meine Mutter ihn mir gab. Alles, um die Illusion der Normalität zu wahren.» Priklopil spielte mit.
Aus ihrer Schultasche holte er ein Leseheft, legte sie auf die Matratze, deckte mich mit einer dünnen Decke zu. Dann begann er zu lesen: «Die Prinzessin auf der Erbse, Teil 2». Am Ende gab er ihr einen Kuss auf die Stirn.
«Was ging in ihm vor, als ich nackt vor ihm stand?»
Im Verlies gab es nur das Doppel-Waschbecken und kaltes Wasser. «Er brachte mir warmes Wasser in Plastikflaschen nach unten. Ich musste mich ausziehen, in eines der Becken setzen und die Füsse in das andere stellen.»
Anfangs übergoss er sie dann einfach mit dem warmen Wasser. Später kam er auf die Idee, kleine Löcher in die Flaschen zu stechen. So entstand eine Art Dusche. «Wegen der beengten Lage musste er mir beim Waschen helfen; es war ungewohnt für mich, nackt vor ihm zu stehen, einem fremden Mann. Was wohl dabei in ihm vorging?
Ich musterte ihn unsicher, aber er schrubbte mich ab wie ein Auto. Es lag weder etwas Zärtliches noch etwas Anzügliches in seinen Gesten. Er pflegte mich, wie man ein Haushaltsgerät instand hält.»
Folter gegen die Tränen
Mit zwölf habe Kampusch die Pubertät erreicht. Von da an behandelte Priklopil sie, als ob sie schmutzig, abstossend sei. Er begann sie zu schlagen, gegen das Schienbein oder in die Seite.
Mit 14 Jahren liess er sie erstmals in seine Wohnung. Nur mit Unterhosen und einer Mütze bekleidet, musste sie putzen. Mit der leichten Bekleidung wollte er verhindern, dass sie fliehen wollte. Wenn es ihm nicht sauber genug war, schlug er sie bis zu 200 Mal.
Wie Kampusch in ihrer Biographie schreibt, hasste es ihr Entführer, wenn sie weinte. Dann taucht er ihren Kopf ins Waschbecken oder drosselte sie, bis sie fast ohnmächtig wurde.
Umarmung des Entführers
Zur gleichen Zeit zwang er die 14-Jährige, bei ihm im Bett zu schlafen. «Es ging nicht um Sex», sagt Kampusch. Priklopil habe nur kuscheln wollen. Auch sie hatte das Bedürfnis nach körperlicher Nähe. «Ich brauchte den Trost einer Berührung, das Gefühl menschlicher Wärme. Er hatte grosse Probleme mit Nähe, mit Berührungen. Aber nach einigen Versuchen schafften wir es, einen Modus zu finden.»
Selbstmord als Ausweg?
Trotzdem lebte Kampusch in ständiger Angst. Mit 15 wurden die Schläge regelmässig. Also begann sie sich selber ins Gesicht zu schlagen, bevor er ihr zuvorkam. Mehrere Mal wollte sie sich im Verliess das Leben nehmen. Mit Kleiderstücken erwürgen, mit einer Nadel die Pulsadern aufschneiden oder den Keller in Brand setzen. Ihr Überlebenswille sei aber immer stärker gewesen.
Nach acht Jahren floh Kampusch, während Priklopil sein Auto wusch. (jes)