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Samstagmorgen in Berlin-Hermsdorf: Gegen 10 Uhr besammeln sich zwölf Patienten im Alter zwischen 26 und 59 Jahren im Hausteil von Garik R.* (50). Für eine «Gruppentherapie».
«Facharzt für Allgemeinmedizin», steht auf einer grossen Tafel vor dem Haus, in dem Psycho-Arzt R. mit seiner Frau Elke (41) und seinen drei Kindern lebt und eine eigene Praxis betreibt. «Tiefen-
psychologisch fundierte Einzel- und Gruppentherapie» und «Hilfe bei spirituellen Krisen» verspricht der gebürtige Russe gegen Bares.
Bei der Therapie am Samstag geht es nicht um Wehwehchen. Die Patienten kommen zu Garik R., um eine «Psycholyse» über sich ergehen zu lassen. Wollen ihr Unterbewusstsein anzapfen, unter R.s Anleitung einen bewusstseinserweiternden Drogenrausch erleben. Das soll gegen existenzielle Ängste und Suchterkrankungen helfen.
Wie das geht, das hat Garik R. in der Schweiz gelernt. Beim umstrittenen Solothurner Psychiater Samuel Widmer (60), der freie Liebe propagiert und praktiziert, was ihm den Titel «Sex-Guru von Nennigkofen» einbrachte. «Ja, er war bei uns im Seminar», sagt Widmer über Garik R. «Er hat bei uns vor etwa acht Jahren eine Ausbildung für Dekonditionierung, Mind¬fee-ling und Energiearbeit gemacht.»
Hauptbestandteil des Kurses: der Drogen-Einsatz – oder «Psycholyse», wie Widmer die Therapie nennt. «Mit Substanzen wollen wir den Patienten den Zugang zum Unterbewusstsein erleichtern. Das habe ich ihm beigebracht.» In der «Therapeutisch-tantrisch-spirituellen Universität Nennigkofen-Lüsslingen» (siehe Seite 4).
Widmer blieb mit R. in Kontakt. «Ich mochte ihn, er ist ein zurückhaltender, ängstlicher Typ. Er war dabei, ein Meditationsseminar für uns zu organisieren.»
Daraus wird jetzt wohl nichts. Der ärztlich verordnete Drogen-Trip in Berlin geht gründlich schief. Laut «Bild» mischt R. für jeden der zwölf Patienten je einen persönlichen Drogen-Cocktail. Verabreicht die Substanzen als Trunk und in Spritzen.
«Solche Gruppentherapien sind auch bei uns üblich», sagt Samuel Widmer. «Zehn bis zwölf Personen sind normal. Wichtig ist, dass die Sitzung in einem ruhigen Raum stattfindet.»
Doch mit den Berliner Drogen-Cocktails stimmt etwas nicht. «Einige Teilnehmer reagierten körperlich, mussten sogar erbrechen», sagt Carsten Müller, Sprecher der Berliner Polizei.
Dann stirbt der mit 59 Jahren älteste Patient, Joachim K. Um 15.21 Uhr ruft einer der Patienten verzweifelt die Feuerwehr an. Der Notarzt kommt, versucht, den Mann wiederzubeleben. Vergeblich. Seine letzte Gruppentherapie verlässt Joachim K. als Leiche.
Bei zwei weiteren Patienten gelingt die Reanimation. Die Ärzte versetzen sie ins Koma. Im Spital stirbt der eine, der 28-jährige Marcel K. Den zweiten (55) behalten die Ärzte im künstlichen Tiefschlaf.
Noch am Samstagabend schaltet sich die Mordkommission des Landeskriminalamts ein. Der Verdacht: Garik R. hat ein vorsätzliches Tötungsdelikt begangen.
Der Psycho-Arzt ist teilweise geständig. «Er hat eingeräumt, den Patienten unterschiedliche Substanzen verabreicht zu haben», sagt Polizeisprecher Carsten Müller. Laut «Bild» mischte Garik R. nicht nur Ketamin und Ephedrin, wie er es an Widmers Uni in der Schweiz gelernt hat. Sondern auch die verbotenen Substanzen LSD und MDMA (Ecstasy) – und teilweise auch Amphetamine (Speed).
Den Inhalt des tödlichen Drogen-Cocktails will die Polizei noch nicht bestätigen. «Die toxikologischen Untersuchungen werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen», so Polizeisprecher Müller.
*Name der Redaktion bekannt
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Samuel Widmer (60) lehrte den Psycho-Arzt die Drogen-Therapie. (Marcel Bieri)