Kampusch-Biographie «Er fesselte mich im Bett an sich»

  • Publiziert: 09.09.2010, Aktualisiert: 03.01.2012

WIEN - Mit Kabelbindern fesselte Wolfgang Priklopil «seine» Natscha an sich. Und warum sie auch die Kassiererin im Drogeriemarkt nicht um Hilfe bitten konnte.

Über ein halbes Jahr nach ihrer Entführung durfte Natascha Kampusch erstmals den Keller verlassen und in die Wohnung von Wolfgang Priklopil. «Wenn du schreist, dann muss ich dir etwas antun. Alle Ausgänge und Fenster sind mit Sprengfallen gesichert», hatte der Entführer zu ihr gesagt.

Im Schlafzimmer sperrte er die Tür hinter sich zu und platzierte den Schlüssel auf dem Schrank, der so hoch war, dass er selbst nur auf Zehenspitzen hinaufreichte. «Für mich war er damit unerreichbar. Dann legte er sich zu mir und fesselte mich anden Handgelenken mit Kabelbindern an sich», schreibt Kampusch in ihrer Biographie «3096 Tage».

Kampusch: «Er wollte kuscheln»

Eine «Sexbestie» sei er aber nicht gewesen. Doch über diesen Teil ihrer Gefangenschaft will Kampusch nicht schreiben – es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den sie sich noch bewahren möchte.

«Doch so viel will ich sagen: Der Täter war in vielerlei Hinsicht eine Bestie und grausamer, als man es sich überhaupt ausmalen kann – doch in dieser war er es nicht. Natürlich setzte er mich auch kleinen sexuellen Übergriffen aus, sie wurden Teil der täglichen Drangsalierungen – wie die Knüffe, die Fausthiebe, die Tritte im Vorbeigehen gegen das Schienbein. Doch wenn er mich in den Nächten, die ich oben verbringen musste, an sich fesselte, ging es nicht um Sex. Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern liess, wollte kuscheln. Kontrolliert, mit Kabelbindern gefesselt, ein Halt in der Nacht.»

Kabelbinder schnitten ein, der Rücken tat weh von den Schlägen

Kampusch hätte schreien können. Aber sie brachte keinen Ton heraus. «Ich lag neben ihm auf der Seite und versuchte, mich möglichst wenig zu bewegen. Mein Rücken war, wie so oft, grün und blau geschlagen – er tat so weh, dass ich nicht darauf liegen konnte, die Kabelbinder schnitten ins Fleisch. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken und verkrampfte.»

Allein liess Priklopil seine «Sklavin» nicht gerne. Auch als er wenige Tage später mit Natascha in den Drogeriemarkt fuhr, zischte er ihr noch eine Drohung ins Ohr: «Kein Wort. Sonst sterben alle da drin.»

Polizisten merkten nichts: «Eine gute Fahrt.»

Zwei Artikel durfte sich das Mädchen aussuchen. Mit einem Röhrchen Wimperntusche und Pfefferminzöl ging sie an die Kasse. «Eine dickliche Frau sass dahinter. Als sie mich freundlich grüsste, zuckte ich zusammen. Es war das erste Wort, das ein Fremder seit über sieben Jahren an mich gerichtet hatte. Sie um Hilfe zu bitten kam mir nicht in den Sinn. Der Täter stand, wie ich dachte, bewaffnet nur Zentimeter neben mir.»

Auf dem Heimweg gerät Priklopil in eine Polizeikontrolle. Der Blick der Polizisten streift sie kurz. In ihrem Kopf habe sich ein Wort geformt: HILFE! «Ich hatte es so deutlich vor Augen, dass ich gar nicht glauben konnte, dass der Polizist nicht reagierte.» Die Polizisten wünschten ihrem Entführer noch eine gute Fahrt.

An einem Skiausflug war Kampusch das erste Mal seit ihrer Gefangenschaft allein mit einem anderen Menschen. Ins öffentliche Klo der Skihütte konnte ihr Priklopil nicht folgen, ohne aufzufallen. Als sie die blonde Frau vor dem Spiegel ansprechen wollte, kam nur ein leises Piepen aus ihrem Mund. «Sie lächelte mich freundlich an, drehte sich um – und ging. Sie hatte mich nicht verstanden.» (jes)

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