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Mit 22 Jahren schreibt Natascha Kampusch ein Buch über ihre Gefangenschaft im Verlies des 36-jährigen Wolfgang Priklopil. Die Auszüge, die «Bild» exklusiv publiziert, dokumentieren den Leidensweg der heute 22-Jährigen.
«Mein Blick fiel auf einen weissen Lieferwagen. Er stand in der Parkspur auf der rechten Strassenseite und wirkte in dieser ruhigen Umgebung seltsam fehl am Platz.» Vor dem Lieferwagen stand ein Mann – Priklopil? Kampusch beschreibt ihn als schlank, nicht sehr gross, ziellos umherblickend: Als würde er auf etwas warten und wüsste nicht worauf.
«Der Mann strahlte etwas Schutzbedürftiges aus»
Kampusch verlangsamte ihre Schritte, wurde steif. «Als ich mich dem Mann bis auf etwa zwei Meter genähert hatte, sah er mir in die Augen. In diesem Moment schwand meine Angst.» Der Mann hatte blaue Augen und wirkte mit seinen etwas zu langen Haaren wie ein Student in einem alten Fernsehfilm aus den 1970er-Jahren. «Das ist ein armer Mann, dachte ich, denn er strahlte so etwas Schutzbedürftiges aus», schreibt Kampusch.
Dann sei alles sehr schnell gegangen. In dem Moment, als sie mit gensenktem Blick den Mann habe passieren wollen, packte er sie an der Taille und hob sie durch die offene Türe in den Lieferwagen. «Habe ich mich gewehrt? Hab ich versucht, seine perfekte Inszenierung zu stören? Ich muss mich gewehrt haben, denn am nächsten Tag hatte ich ein blaues Auge.»
Nackte Pritsche, Toilette ohne Deckel
Am nächsten Tag war Kampusch in einem Keller in Strasshof. In einer blauen Wolldecke eingeschnürt trug Priklopil die 10-Jährige die Treppe hinunter in den kleinen, kahlen Raum, dessen Wände mit Holz verkleidet waren und der Boden aus hellem Laminat. Im Raum eine nackte Pritsche an der Wand, in der Ecke eine Toilette ohne Deckel und ein Doppelwaschbecken aus Nirosta.
Fehlplanung bei der Entführung?
Gemäss den Erzählungen von Kampusch hätte alles anders kommen sollen. «Werde ich jetzt missbraucht?», hatte sie ihn im Lieferwagen gefragt. «Dazu bist du viel zu jung. Das würde ich niemals tun», habe er geantwortet und hinzugefügt, dass er sie jetzt in einen Wald bringen und den anderen übergeben würde. Dann habe er mit der Sache nichts mehr zu tun.
Im Föhrenwald stellte Priklopil den Motor ab und telefonierte. Etwas schien schiefgegangen zu sein, denn der 36-Jährige schimpfte vor sich hin: «Die kommen nicht, die sind nicht hier!», erinnert sich Kampusch. Ihr Entführer habe verängstigt gewirkt, gehetzt. Dann stieg er ein, startete den Motor und fuhr wieder los.
Zahnbürste, Zahnpasta und Haarbürste
«Im Keller sah er mich an, wie ein stolzer Besitzer seine neue Katze betrachtet – oder schlimmer: wie ein Kind ein neues Spielzeug.» Kampusch habe ihn angefleht, sie gehen zu lassen. Doch es war zwecklos. Als der Täter die Pritsche von der Wand geschraubt hatte, fragte er sie, was sie alles brauchte. «Eine Haarbürste, eine Zahnbürste, Zahnpasta und einen Zahnputzbecher», war ihre Antwort. Dann fuhr ihr Entführer nach Wien, um aus seiner dortigen Wohnung eine Matratze zu holen. «Ich hätte alles getan, damit er blieb oder mich mitnahm: alles, nur um nicht allein zu sein.» (jes)