Exklusiv-Interview mit Erwin Sperisen «Drogen-Kartell wollte mein Kind in Stücke schneiden»

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • Von Henry Habegger

GENF - Ex-Polizeichef Erwin Sperisen (40), der in Guatemala wegen schwerer Verbrechen gesucht wird, weist jede Schuld von sich.

Herr Sperisen, Sie waren von 2004 bis 2007 Polizeichef von Guatemala, und gegen Sie werden schwere Vorwürfe erhoben.
Erwin Sperisen: Diese Anschuldigungen sind Teil einer politischen Kampagne. Und nächstes Jahr sind Wahlen in Guatemala.

Die Vorwürfe werden immerhin von einer internationalen Uno-Kommission erhoben!
Die Kommission ist sehr umstritten. Anfang Jahr traten vier oder fünf Mitglieder des Untersuchungsteams zurück. Sie sagten, sie würden manipuliert. Die Kommission wird politisch missbraucht.

Aber die Vorwürfe an Sie ...
... müssen erst bewiesen werden! Sie sind Unsinn, darum gibt es ja auch keine Beweise.

Die Vorwürfe sind gravierend: Aussergerichtliche Hinrichtungen, Drogenhandel, Korruption, Geldwäscherei, Erpressung, Chef einer kriminellen Organisation.
Ich weiss bis heute nicht, was mir genau vorgeworfen wird. Ich wurde noch von keiner Justizbehörde kontaktiert bisher. Ich bemühe mich via Anwalt um Akteneinsicht in Guatemala.

Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Das alles ist genau das, was ich als Polizeichef bekämpfte. Jetzt dreht man den Spiess um und wirft mir das vor. Das Gleiche passiert den Leuten in Mexiko, die gegen Drogen- und Menschenhandel kämpfen.

Haben Sie je kriminelle Aktionen angeordnet oder daran teilgenommen?
Nein, nie! Das garantiere ich. Ich habe nie irgendwelche Missetaten, Tötungen, aussergerichtliche Tötungen angeordnet oder daran teilgenommen. Ich hatte nichts zu tun mit Drogenhandel. Ich hielt mich immer an meine Prinzipien.

Was meinen Sie mit «meine Prinzipien»?
Ich bin Christ. Ich meine christliche Prinzipien.

Christliche Prinzipien ... Sie waren in Guatemala Mitglied der El-Shaddai-Kirche?
Nein. Sie sind die dritte oder vierte Person, die mich das fragt, aber es stimmt nicht.

Kennen Sie Harold Caballeros, den Führer dieser Kirche?

Natürlich kenne ich ihn. Guatemala ist ein kleines Land. Und meine Mutter ist eine Freundin seiner Schwiegermutter. Aber das ist auch alles.

Laut Berichten hat Caballeros Todesschwadrone innerhalb der Polizei Guatemalas als «heilige Unternehmung» bezeichnet.
So ist das also: Weil ich Christ bin, weil Caballeros Christ ist und Pastor ist und weil er als Präsident Guatemalas kandidierte, heisst das automatisch, dass ich in seine Kirche ging und er Dinge unterstützte, die gegen christliche Prinzipien verstossen? Das ist doch Unsinn. Zudem glaube ich nicht, dass Caballeros so etwas gesagt hat.

2007 schrieb die «New York Times», dass die Polizisten in den Todesschwadronen Mitglieder evangelikaler Kirchen seien.

Dieser Artikel ist unglaubwürdig. Er nennt nur anonyme Quellen.

Laut Berichten sollen Sie selbst sich als «demütigen Diener» von Caballeros bezeichnet haben.
Wo soll ich das denn gesagt haben? Ich habe das nie gesagt.

Angeblich in Ihrer Fernsehsendung in Guatemala.
Ich hatte eine wöchentliche Sendung bei einem religösen Sender, das stimmt. Aber ich informierte über die Polizeiarbeit. Ich hielt keine Predigten, ich bin ja kein Pastor.

Wenn Sie unschuldig sind: Warum sind Sie in die Schweiz geflohen?

Ich bin 2007 nicht vor der Justiz geflohen. Damals gab es in Guatemala noch gar keine Anklage gegen mich, sondern nur Gerede. Ich kam in die Schweiz, weil mein Leben in Gefahr war.

Erklären Sie das genauer.
2006 versuchte die Drogenmafia, meinen Sohn zu töten. Laut meinen Informationen wollten sie ihn aus der Schule entführen und in Stücke schneiden. Sie wollten mich so erpressen, damit ich aufhörte, sie zu bekämpfen. Darum kamen meine Frau und meine Kinder im November 2006 in die Schweiz.

Sie blieben noch in Guatemala?

Vorerst ja. Meine Arbeit war mir wichtig. Aber 2007 hatte ich Informationen, dass sie auch mich töten wollten.

Wer wollte Sie töten?
Haben Sie vom guatemaltekischen Drogenbaron Juancho Leon gehört, der 2008 umgebracht wurde? Nach meinen Informationen war er von Drogenkartellen beauftragt worden, mich zu töten.

Wenn Sie unschuldig wären, hätten Sie doch alles Interesse, dass die Sache aufgeklärt wird?

Das habe ich ja! Aber in Guatemala erhalte ich keinen fairen Prozess, und meine Sicherheit ist nicht gewährleistet. Darum bin ich bereit für einen Prozess in der Schweiz. Ich habe dem Genfer Generalprokurator Daniel Zapelli schon am 12. August mitgeteilt, dass ich der Justiz zur vollen Verfügung stehe.

Wovon leben Sie in der Schweiz?
Meine Frau hatte eine Stelle als 3. Botschaftssekretärin bei der Uno-Mission Guatemalas in Genf. Letzte Woche erhielt sie aber wegen meines Falls die Kündigung. Unterschrieben vom Staatspräsidenten und vom Aussenminister persönlich. Darum suche ich jetzt Arbeit.

Was wollen Sie denn arbeiten?
Ich weiss nicht so recht. Es ist für mich schwierig, eine Stelle zu bekommen, solange diese Vorwürfe im Raum sind.

Wo wohnen Sie in Genf?
Bei meinen Eltern. Auch das zeigt doch, dass ich nicht im Drogenhandel war: Sonst hätte ich sicher Geld auf irgendwelchen Konten.

Sie wollen sich nicht fotografieren lassen. Warum nicht?

Wegen meiner Kinder, die 10, 8 und 4 Jahre alt sind. Ich will nicht, dass sie in der Schule Probleme bekommen wegen mir.

Sie sind Mitglied der EVP. Wie kam das?
Der Pastor meiner lateinamerikanischen Genfer Kirche, sie heisst «Casa de Dios», nahm mich zu einer Versammlung der EVP mit.

Möchten Sie hier politisch aktiv werden, sich in ein Amt wählen lassen?

Wenn ich die Chance erhalte, etwas für die Schweiz zu tun: Ja.

Wollen Sie nicht zurück nach Guatemala?

Dort leben möchte ich nicht mehr. Ich würde gern in der Schweiz bleiben, das ist ein schönes Land, in dem man sich sicher fühlt.

Gegen den Genfer Erwin Sperisen, den ehemaligen Polizeichef von Guatemala, erhebt die Uno schwere Vorwürfe.- ZVG

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