ANNECY - Die Polizei hofft, bald mehr Klarheit über die Hintergründe des Massakers von Annecy zu haben. Denn die ältere Tochter Zainab ist aus dem Koma erwacht und soll bald vernommen werden.
Auf einem Waldweg bei Chevaline (F) töteten die Killer mit mehreren Schüssen vier Menschen. Lange tappten die Ermittler im Dunklen.
Eine Spur führte zum Bruder des getöteten Saad al Hilli (50). Die beiden sollen sich in einem Erbschaftsstreit befinden, in dem es auch um Immobilienbesitz in der Schweiz geht (Blick.ch berichtete). Zahid bestritt dies bisher: «Ich pflegte ein gutes Verhältnis mit meinem Bruder». sagte er.
Ein Brief, den eine Freundin der Familie der französischen Polizei zeigte, beweist nun das Gegenteil. «Zaid und ich kommunizieren nicht mehr miteinander. Er ist ein Kontrollfreak und verhielt sich bereits hinterhältig, als unser Vater noch lebte», schrieb Saad al Hili am 16. September letzten Jahres.
«Ich muss ihn jetzt aus meinem Leben löschen. Das ist traurig, aber ich muss mich auf meine Frau und meine zwei bezaubernden Töchter konzentrieren», heisst es weiter.
Eine andere Spur tönt da doch geheimnisvoller: Saad al Hilli soll als Ingenieur aus dem Irak für ein Satelliten- und Weltraumunternehmen gearbeitet haben. Der Vater könnte wegen der Arbeit an einem geheimen Auftrag für eine der grössten Verteidigungsfirmen Europas getötet worden sein, spekuliert die englische Zeitung «Mail on Sunday». Dabei soll es sich um ein Satelliten-Projekt gehandelt haben.
Das Projekt soll mit dem «European Aeronautic Defence and Space Company» – Europas grösster Luft- und Raumfahrtkonzern – verknüpft sein. Saad al Hilli soll dabei Zugang zu wertvollen Informationen gehabt haben.
Mussten der Vater und seine Familie deshalb sterben?
Auch die französische Polizei hat eine neue Spur. Im Auto der getöteten fanden die Ermittler zwei Handys. Diese sollen neue, wichtige Hinweise bringen: Per GPS können die Beamten nun herausfinden, wo genau sich Familie al Hili in den Tagen vor dem Drama aufhielt. Auch die letzten Telefonanrufe und SMSen werden analysiert.
Auch die englische Polizei war derweil nicht untätig. Beamten durchsuchen derzeitig das Haus der Familie im Süden Londons.
Fest steht: Die Opfer wurden mit jeweils zwei gezielten Kopfschüssen hingerichtet. Das bestärkt den Verdacht, dass Saad al Hilli und seine Familie Opfer von Auftragsmördern wurden.
Die Kronzeugin des Massakers ist Zainab, die siebenjährige Tochter der Familie. Sie wurde heute aus dem künstlichen Koma geholt, ihr Zustand ist stabil. Die Beamten hoffen, dass sie Zainab bald vernehmen können. «Vielleicht kann sie uns Angaben zur Anzahl der Täter geben, oder zu ihrer Hautfarbe», sagt der zuständige Staatsanwalt Eric Maillaud.
Noch ist unklar, ob sie Zainab überhaupt erinnern kann. Das Mädchen wurde von einer Kugel in der Schulter getroffen und «mit unglaublicher Gewalt» auf den Kopf geschlagen.
Zur Zeit stehen zwölf Polizisten vor dem Spital, in dem Zainab liegt – einer davon rund um die Uhr vor ihrem Zimmer.
Ihre vierjährige Schwester Zeena ist inzwischen wieder in England. Ein Onkel und eine Tante haben das Mädchen abgeholt. «Sie sagte uns alles, was Kinder in diesem Alter beschreiben können», so Maillaud.
Zeena meinte etwa, dass sie die ältere Frau nicht so gut kannte. «Sie meinte auch, dass sie nichts sah, weil sie sich unter den Beinen ihrer Mutter versteckte», so Maillaud. Zeena ist stark traumatisiert. (abü/dra)
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