Die fremden Mächte in Syrien Was ändert sich mit dem Einmarsch der Türken?

In Syrien tummeln sich lokale Kräfte, Regional- und Weltmächte. Neu sind die Türken mit Bodentruppen präsent.

Syrien: Neu sind türkische Bodentruppen in Syrien stationiert play
Die Türken haben mit Bodentruppen ins syrische Kampfgebiet eingegriffen. Ismail Coskun/AP

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Was im Zuge des «Arabischen Frühlings» 2011 mit Protesten gegen das Regime von Baschar al-Assad begann, ist zum blutigsten Krieg der neueren Geschichte geworden. Im Vielvölkerstaat Syrien tobt nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern auch ein vertrackter Regionalkonflikt. Ohne fremde Mächte, die sich gegenseitig hochschaukeln, wäre der Konflikt wohl längst vorbei. Doch steter Waffennachschub, finanzielle und personelle Unterstützung halten die Gewalt am Leben. Mit dem Einmarsch des Nato-Mitglieds Türkei verkompliziert sich die Lage weiter.

Am 24. August hat Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Operation «Schutzschild Euphrat» eingeleitet. Erklärtes Ziel ist die Säuberung des türkisch-syrischen Grenzgebiets vom sogenannten Islamischen Staat (IS) und der syrischen Kurdenmiliz YPG. In den Augen Ankaras ist die YPG eine terroristische Organisation. Im eigenen Land ist der Konflikt mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK), die bereits seit 1984 für kurdische Autonomie kämpft, wieder voll entflammt. Nichts fürchtet Erdogan mehr als die Errichtung eines Kurdenstaats direkt vor seiner Haustüre.

Grundsituation

Die Hauptkonfliktlinie verläuft zwischen dem Assad-Regime und verschiedenen Rebellengruppen. Auf der Seite des verbündeten Baschar al-Assad griff die schiitische Schutzmacht Iran in den Konflikt ein und die sunnitischen Golfstaaten auf der Seite der ebenfalls sunnitischen Oppositionsgruppen. Auch Russland beteiligte sich und unterstützte Assad, während sich die USA für die Rebellengruppen engagierten, was den Konflikt weiter befeuerte.

Daneben spielen auch die syrischen Kurden eine wichtige Rolle. Sie übernahmen die Kontrolle über die von ihnen bewohnten Gebiete im Norden. Die Kurden kämpfen gegen den IS, für den das Syrien-Chaos ein fruchtbarer Nährboden war. Nachdem sich die jihadistische Organisation von der al-Kaida gelöst hatte, trat sie mit Wucht auf die Weltbühne. Bis im Sommer 2014 eroberte der IS grosse Gebiete in Syriens Osten und im Nordirak.

Stark vereinfachend könnte man sagen, dass auf Syriens Boden eigentlich vier Parteien kämpfen: Das Assad-Regime, die zersplitterten Rebellengruppen, die Kurden und der IS. Die Rebellengruppen stellen aber überhaupt keine einheitliche Kraft dar und auch der IS ist teilweise nicht ganz klar davon zu trennen. Jedenfalls stehen hinter all diesen lokalen Kriegsparteien mächtige Staaten, die eigene Interessen verfolgen und für das ununterbrochene Blutvergiessen mitverantwortlich sind.

Aktuell im Fokus: Die Kurden

Die Kurden sind ein Volk von 30 bis 35 Millionen Menschen, das heute über vier Staaten verteilt lebt: Türkei, Iran, Irak und Syrien. Grund für diesen Umstand ist die britisch-französische Grenzziehung nach der Zerschlagung des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg («Sykes-Picot-Abkommen»). Im Schatten des Kriegs haben die syrischen Kurden 2014 im Norden eine autonome Selbstverwaltungszone «Rodschawa» ausgerufen. Regiert wird die Zone von der Partei der Demokratischen Union (PDU) und deren YPG-Milizen. Diese Milizen kämpfen zusammen mit anderen lokalen Gruppen als Syrische Demokratische Kräfte (SDF) erbittert gegen den IS und konnten in den letzten Monaten Gebietsgewinne erreichen.

Syrien: Neu sind türkische Bodentruppen in Syrien stationiert play
US-Vizepräsident Joe Biden und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Treffen im August. KEYSTONE/EPA PRESIDENTIAL PRESS OFFICE/TURKISH PRESIDENTIAL

Mit der neuen türkischen Militäroperation sollen sie jetzt hinter den Euphrat zurückgedrängt werden. Die USA unterstützen dies: Aussenminister Joe Biden hat die Kurden aufgefordert, sich hinter den Fluss zurückzuziehen. Allerdings waren die Kurden (beziehungsweise die SDF) bisher die wichtigsten Partner der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den IS, weshalb sie sich verraten fühlen.

Türkei

Die Türkei hatte sich zunächst wie auch andere sunnitisch geprägte Staaten gegen Assad engagiert, aber immer auch gegen die Kurden gekämpft. Unterdessen hat sich die Politik gegenüber Assad geändert. Ankara hat sich mit Russland verständigt und ist nun anscheinend bereit, Assad wenigstens zu dulden. Um die Kurden zu vertreiben, arbeiten die Türken mit Rebellengruppen wie der sogenannten Freien Syrische Armee (FSA) und islamistischen Kräften zusammen. Bisher sind die Kurden und die FSA nur vereinzelt zusammengestossen. Nun ist eine neue Front eröffnet worden. Daneben bekämpft Ankara gemeinsam mit der FSA auch den IS, aber im Fokus stehen eindeutig die Kurden.

Iran und Hizbollah

Der Iran pflegt eine langjährige Beziehung mit dem syrischen Regime, die bis auf die Islamische Revolution von 1979 zurückgeht. Damals suchte der neue schiitische Gottesstaat politische Verbündete, die er bei Syriens regierender alawitischer Baath-Partei fand. Heute liefert der Iran Geld, Waffen und militärische Beratung. Zudem kämpfen iranische Revolutionsgarden für das Regime. Dabei geht es um die Vorherrschaft in der Region. Hauptgegner ist vor allem der grosse Rivale Saudi-Arabien. Teheran finanziert und unterstützt auch die libanesische Hizbollah, deren Kämpfer ebenfalls für Assad im Einsatz stehen. Das jüngste Vorgehen der Türkei gegen die Kurden kommt dem Iran zupass. Dank Erdogans Strategieänderung hat das Assad-Regime einen mächtigen Feind weniger.

Russland

Ein Ziel von Russlands Präsident Wladimir Putin ist es sicherlich, auf der internationalen Bühne wieder ernst genommen zu werden. Die Russen haben eine Militärbasis in Syrien. Aus geostrategischen Überlegungen unterstützen die Russen Assad. Auch der IS wird angegriffen. Moskau will vor allem seinen Einfluss in der Region behalten. Das neue Vorgehen der Türkei und die Absprache mit Putin stärken die Position von Russland.

Golfstaaten

Stark beteiligt ist Saudi-Arabien, das mit dem Iran um die Vorherrschaft in der Region konkurriert. Die sunnitisch-wahhabitische saudische Monarchie unterstützt verschiedene Rebellengruppen, die gegen das Assad-Regime kämpfen. Darunter befinden sich auch viele islamistische Milizen wie zum Beispiel die salafistische Formation Ahrar al-Scham. Die kleinen Golfstaaten Katar, Bahrain, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien teilen die Position von Saudi-Arabien in vieler Hinsicht. Gemeinsam mit westlichen Mächten sind diese Länder aber auch Teil der Anti-IS-Koalition. Die Neuausrichtung der Türken dürfte den Zielen der Golfstaaten schaden, da Assads Position gestärkt worden ist.

USA 

Die Vereinigten Staaten haben ambivalente Interessen in Syrien. Einerseits wollen die kriegsmüden Amerikaner nicht zu tief in den Konflikt hineingezogen werden. Andererseits spielen sie wegen ihrer langen Präsenz in der Region eine wichtige Rolle und sind auch nicht unschuldig an der schwierigen aktuellen Situation. Die USA haben sich auf die Seite der Rebellen gestellt – obwohl da vor allem islamistische Gruppen kämpfen – und fordern den Rücktritt von Assad. Diese Strategie ist auch gegen die alten Feinde Iran und Russland gerichtet, obwohl zuletzt zumindest im Fall von Iran eine leichte Verbesserung der gemeinsamen Beziehungen festzustellen war. Im parallelen Kampf gegen den IS haben die Amerikaner bisher vor allem mit den Kurden zusammengearbeitet. Der Einmarsch des Nato-Bündnispartners Türkei, der sich vor allem gegen die Kurden richtet, bringt die Vereinigten Staaten in ein Dilemma. Es scheint, als ob Amerika die SDF und damit die Kurden jetzt im Regen stehen lässt.

Publiziert am 04.09.2016 | Aktualisiert am 05.09.2016
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10 Kommentare
  • Peter  Aebi , via Facebook 04.09.2016
    Natürlich! Jetzt will auch Erdogan vom syrischen Oel profitieren. Biden hat bereits seine Oelfelder mit seinen Logenbrüdern aufgeteilt. Nun können sie das Land gemütlich ausplündern! Oel hat es ja genug!
  • Alex  Stör 04.09.2016
    Vollständigkeitshalber ist zu ergänzen, dass Russland vom Syrien um Hilfe gebeten wurde. Alle andere Mächte, welche in Syrien mit Waffen und Soldaten präsent sind, verletzen derer Souveränität ohne UNO Mandat.
  • Rocco  Martignoni , via Facebook 04.09.2016
    Die USA ist nicht anders als ein Natie welche in Alle Bereichen andere Länder mit oder Ohne Krieg in ihre besitz wollen nehmen .Der EU versucht das selbe mit der Schweiz und der USA übernimmt wenn die TIPP Verträge angenommen wurden ,was niemals darf passieren der EU. Der USA ist xxx gefährlicher als Russland mit Putin.
  • Thomas  Zürcher 04.09.2016
    Warum ist gerade dieses Land so umkämpft? Warum ist Syrien sowohl für nichtislamische als auch für radikalislamische Kräfte so wichtig? Der Syrienkrieg ist wahrlich kein klassischer Bürgerkrieg, sondern vielleicht ein für die Zukunft Eurasiens entscheidender Weltordnungskrieg, in dem Mächte und Kräfte kämpfen, die unterschiedliche geopolitische bzw. geostrategische und wirtschaftliche Interesse und zum Teil völlig entgegengesetzte religiöse und weltanschauliche Überzeugungen haben.
  • Heinrich  Z aus Zürich
    04.09.2016
    Wichtig ist ja mal der Händedruck und das Lächeln in die Kamera. Was will man mehr? Herr Erdogen ist da zwar noch nicht so fröhlich, das ist bei allen Anfängern auch nicht so geübt.