Frankreich-Experte erklärt die Stichwahl am Sonntag «Die Franzosen haben eine tiefe Abneigung gegen Sarkozy»

PARIS - Eine miserable Woche erlebte Nicolas Sarkozy. Am Sonntag droht ihm die Abwahl. Frankreich-Experte Norbert Wagner erklärt, warum sich das Blatt gewendet hat und was ein neuer Präsident für Folgen hätte.

  • Publiziert: 04.05.2012
  • Von Sidonia Küpfer

Tag für Tag geht es abwärts für Sarkozy: Am Dienstag empfahl Rechtsaussenpolitikerin Marine Le Pen (43) ihren Anhängern (immerhin 18 Prozent) sich ihrer Stimme zu enthalten bei der Stichwahl zwischen Nicolas Sarkozy (57) und seinem sozialistischen Herausforderer, François Hollande (57).

Am Mittwoch der nächste Tiefpunkt. Im TV-Duell mit seinem Gegner hätte der redegewandte Sarkozy punkten müssen. Doch Hollande wehrte sich überraschend gut.

Am Donnerstagabend der wahrscheinlich entscheidende Rückschlag. Der Kandidat der liberalen Zentrumspartei UDF François Bayrou (9,1 Prozent beim 1. Wahlgang) stellte sich öffentlich auf die Seite von Hollande.

Die jüngste Umfrage von heute Freitag ist deutlich: Hollande liegt mit über 52 Prozent komfortabel vor Sarkozy, der nur auf rund 47 Prozent kommt.

Blick.ch sprach vor der Entscheidung am Sonntag mit Experte Norbert Wagner. Er leitet das Auslandsbüro Frankreich in Paris der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Herr Wagner, es läuft alles gegen Sarkozy. Geben Sie ihm noch eine Wahlchance?
Norbert Wagner: Die Chance ist sehr klein, aber noch vorhanden. Man weiss natürlich nicht, wie die beiden Seiten ihre Wähler mobilisieren. Hollandes Lager könnte sich in falscher Sicherheit wähnen.

Besteht diese Gefahr?
Wagner:
Hollandes Lager wirkt sehr siegessicher. Und Hollande selbst hat ja bekanntlich im TV-Duell 16 Mal «Ich als Präsident der Republik» gesagt. Im Gegensatz dazu konnte Sarkozy den Abstand in den letzten Wochen stetig verringern. Und schliesslich gilt es auch zu bedenken, dass sich die Umfrageinstitute vor dem ersten Wahlabend massiv verschätzt haben. Andererseits gibt es Anzeichen dafür, dass Sarkozys Lager bereits die Ära nach ihm plant.

Wann hat Sarkozy Ihrer Meinung nach die Wahl verloren?
Wagner:
In der ersten Phase seiner Präsidentschaft. Die Wahl ist ein Referendum über seine ersten Jahre als Präsident. Viele Franzosen hegen ihm gegenüber eine tiefsitzende Abneigung, die aus dieser Zeit rührt. Die konnte er im Wahlkampf nur leicht abbauen.

Worin bestehen denn diese Abneigungen?
Wagner: Das lässt sich nicht ganz genau festmachen. Manche Franzosen halten ihm beispielsweise vor, dass er 2007 seinen Wahlerfolg in der teuren Brasserie Fouquet‘s an den Champs-Elysées feierte. Das ist ein gutes Restaurant, aber auch keineswegs ein völlig überrissenes Gourmetlokal, wie es jeweils dargestellt wurde. Ich halte das für Hypokrisie.

Was noch?
Wagner: Frühere Präsidenten hielten sich stärker aus der Alltagspolitik zurück. Sarkozy spielt eher die Rolle des Präsidenten und Premierministers. Wenn man sich in alles einmischt, macht man sich auch mehr Feinde und man ist für alles verantwortlich. Früher schickte man in heiklen Angelegenheiten den Premier voraus und wenn es schief ging, konnte man ihn auch absetzen. Sarkozy ist ein sehr aktiver Typ, der gerne viel arbeitet und gerne viel selbst macht. Das kann für das Land gut sein. Das zeigt sich auch daran, daß er eigentlich eine sehr erfolgreich Bilanz seiner Amtszeit vorweisen kann.

Sarkozy gilt als begnadeter Redner. Doch im Wahlkampf half ihm das nur wenig. Warum?
Wagner:
Ich habe Sarkozy mehrmals live erlebt: Er redet ausgesprochen gut. Man merkt, dass die Inhalte von ihm kommen und daß er die Details sehr genau kennt. Sarkozy war auch im TV-Duell viel entspannter als Hollande, der krampfhaft an seinem Text hing und immer wieder stockte. Ich bin nicht der Meinung, dass ihm das im Wahlkampf nicht half. Im Gegenteil: Sarkozy legte einen Steigerungslauf hin und verringerte den Abstand zu Hollande. Doch die Hypothek von anfänglich 10 Prozentpunkten Unterschied war offenbar zu gross.

Kostete Sarkozy der Kampf um die Stimmen der Wähler von Marine Le Pen Stimmen? Nicht wenige kritisierten dies als Anbiederung an die extrem rechte Partei.
Wagner:
Sowohl Sarkozy als auch Hollande buhlten um die Le-Pen-Wähler. Hollande erklärte, er wolle Präsident aller Franzosen werden und er verstehe die Protestwähler. Bei Sarkozy nahm man dies aber stärker wahr. Er hatte eine schwierige Aufgabe, denn er wollte die Le-Pen-Wähler und die Zentrumswähler abholen. Das ist ihm nicht in ausreichendem Umfang gelungen. Marine Le Pen hat einen Drittel echte Front-National-Wähler, das sind im Grunde genommen extrem Rechte. Dann hat sie aber auch einen Drittel linke und einen Drittel rechte Protestwähler auf sich vereint. Das macht sie für beide Kandidaten interessant.

Was wird anders, sollte Hollande am Sonntag tatsächlich Präsident werden?
Wagner:
Er wird dann beispielsweise bald nach Brüssel fahren und mit den übrigen Staats- und Regierungschefs verhandeln. Er fordert ja Nachverhandlungen beim Fiskalpakt und mehr Wachstumsinitiativen für Europa. Ich gehe davon aus, dass ihm die EU bei den Wachstumsinitiativen etwas entgegenkommen wird. Doch Hollande wird keinen neuen Fiskalpakt erwirken.

Und in der Innenpolitik?
Wagner:
Innenpolitisch ist das schwer abzuschätzen, da er im Wahlkampf oft konkrete Festlegungen vermied. Hollande wird einige gesellschaftspolitische Projekte angehen, die man spüren wird. Er sagte im Wahlkampf, er wolle das Kommunal-Wahlrecht für Migranten, die seit fünf Jahren in Frankreich leben. Und er kündigte an, 60'000 zusätzliche Lehrer anzustellen. Außerdem will er die von Sarkozy durchgesetzte Rentenreform (Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre) rückgängig machen. Wie er das und anderes finanzieren will, ist allerdings die Frage. Er wird finanzpolitisch rasch mit der Realität konfrontiert werden. Denn Frankreich muss bis Ende Jahr noch viele Anleihen aufnehmen, um alte Kredite abzulösen. Sollte Frankreich beim Rating noch ein A verlieren, dann wird das richtig teuer.

 

Alle Kommentare (16)

  • Franzel  Anliker , Bern , via Facebook
    für frankreich hoffe ich auch, dass sarkozy gewinnt, sollte er verlieren, geht es wohl nicht mehr lange, und frankreich reiht sich an griechenland, spanien usw ein
    • 05.05.2012
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  • Carlo  Schenkel , Duggingen
    Norbert Wagner schreibt: "Sarkozy war auch im TV-Duell viel entspannter als Hollande, der krampfhaft an seinem Text hing und immer wieder stockte." Diese Empfindung entspricht allerdings gar nicht meiner Wahrnehmung!
    • 05.05.2012
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  • Esther  Goop , Ebikon
    Ich hoffe sehr, dass Sarkozy gewinnt, sonst sehe ich rot.
    • 05.05.2012
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  • Hugo  Ehrismann
    Tatsache ist doch das sich der Hollande von der Merkel nicht diktieren lässt so wie der Sarkozy das seit Jahren tut.Wenn sich kein europäisches Volk gegen die Merkel erhebt landet Europa irgendwann in einer Diktatur.Wie die Diktatorin dann heissen würde muss wohl nicht näher erläutert werden.
    • 05.05.2012
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    • Heinz  Koilinger
      Sie haben wohl schlecht geträumt wie sooft vor ihren "aufregenden" Kommentaren. Zum Glück gibts ja die CH zur Rettung Europas...:-
      • 05.05.2012
      • als Kommentar auf Hugo  Ehrismann
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  • Hugo  Ehrismann
    Warum machen die meisten Schreiberlinge denn so ein Affentheater hier?Ist bei uns nicht besser - alle versprechen dem Volk alles und wenn sie dann gewählt sind haben sie alles Versprochene per sofort wieder vergessen oder haben wir einen Bundesrat der sich wirklich für das kleine Volk einsetzt mit Taten?Nein das haben wir nicht - also sollten wir zuerst vor der eigenen Türe wischen.
    • 05.05.2012
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