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Afghanistan-Experte Jürgen Todenhöfer: «Der Westen macht die Taliban stark»

In Afghanistan werden die Stimmen der Wahl ausgezählt. Hochrechnungen gibts noch keine. Blick.ch bat den Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer um eine Einschätzung der aktuellen Lage.

Aktualisiert um 00:21 | 22.08.2009
Seit Jahrzehnten aktiv: Jürgen Todenhöfer besucht 1980 ein Flüchtlingslager in Afghanistan. (Ullstein)
Seit Jahrzehnten aktiv: Jürgen Todenhöfer besucht 1980 ein Flüchtlingslager in Afghanistan. (Ullstein)
BLICK: Herr Todenhöfer, Afghanistan hat gewählt. Der Wahltag wurde überschattet von Anschlägen der Taliban, die schon in den vergangenen Wochen so stark wie schon lange nicht mehr aufgetreten waren.
Jürgen Todenhöfer:
Die Taliban sind so stark, weil der Westen das Afghanistan-Problem vor allem mit militärischen Mitteln zu lösen versucht. Der Westen gibt 14-mal mehr für das Militär als für Entwicklungshilfe aus. Der Westen macht die ­Taliban stark!

Immerhin sind die Wahlen ein Meilenstein auf dem Weg zu einem demokratischen Afghanistan.
Ich bin sehr für Wahlen in Afghanistan und für eine demokratische Entwicklung. Doch diese muss eine afghanische Seele haben. Allerdings ist der Spielraum jedes afghanischen Präsidenten zurzeit relativ klein. Die USA treten immer mehr als Besatzer auf und lassen der afghanischen Politik wenig Spielraum.

Hat denn die westliche Militärpräsenz die Lage der Menschen nicht verbessert? Zur Wahl gingen ja auch überdurchschnittlich viele Frauen.
Die US-Strategie, mit massiven Bombardements Sicherheit zu schaffen, ist gescheitert. Nur auf dem Papier hat sich vieles verbessert. Man verliert in Menschenrechtsfragen seine Glaubwürdigkeit, wenn man in regelmässigen Abständen Dörfer in Schutt und Asche legt.

Doch vor der militärischen Intervention des Westens waren die Frauen absolut rechtlos.
Bei den Frauenrechten gibt es logischer- und glücklicherweise Fortschritte. Schlimmer als die Taliban konnte man es ja auch nicht machen. Aber das reicht nicht. Das wichtigste Menschenrecht ist ein Leben in Würde, und genau das haben wir den Afghanen zu keinem Zeitpunkt der letzten acht Jahre ermöglicht. Afghanische Eltern wollen als Erstes, dass ihre Familie etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf hat und dass sie in Sicherheit leben kann. In all diesen Bereichen sieht es auch nach fast acht Jahren Krieg düster aus.

Sie plädieren für einen Abzug der westlichen Truppen? Versinkt das Land dann nicht noch mehr im Chaos?
Wir sollten so schnell wie möglich einen Plan zum stufenweisen Rückzug vorlegen. Ein viel grösseres Chaos als jetzt wird es nicht geben.

Sie wollen den Taliban das Land wieder überlassen?
Die Taliban würden durch einen Abzug, vor allem der USA, in zwei bis drei Jahren ihren Lieblingsfeind und damit ihre Existenzberechtigung verlieren. In der Zwischenzeit müssen wir zügig die afghanischen Sicherheitskräfte verstärken. Zum Beispiel auch, indem wir sicher­stellen, dass ein Mitglied der Nationalarmee als Sold nicht nur einen Bruchteil dessen bekommt, was ein Taliban erhält.

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Der Experte, der den Kindern hilft

Politiker, Buchautor, Entwicklungs­helfer: Jürgen Todenhöfer. (Ullstein)
Politiker, Buchautor, Entwicklungs­helfer: Jürgen Todenhöfer. (Ullstein)

Jürgen Todenhöfer (68) war über zwanzig Jahre
Manager eines europäischen Medienunternehmens. Zuvor war er 18 Jahre lang Abgeordneter des deutschen Bundestages und Sprecher der CDU/CSU für Entwicklungspolitik und Rüstungskontrolle. Er schrieb drei Bestseller über den Afghanistan- und den
Irakkrieg. Mit seinem Honorar errichtete er ein Kinderheim in Afghanistan. Ein Kinderkrankenhaus im Kongo ist zurzeit im Bau. Mit dem Autorenhonorar für sein neustes Buch «Warum tötest du, Zaid?» unterstützt er in Jerusalem ein israelisch-palästinensisches Versöhnungsprojekt (MEET) und hilft schwer verletzten irakischen Flüchtlingskindern. Das Interview wurde schriftlich geführt, Jürgen Todenhöfer weilt ­derzeit in Afghanistan.

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