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Blick: Als Sie vor zwei Wochen von der Begnadigung des Holocaustleugner-Bischofs hörten, was ging da in Ihnen vor?
Pater Christian Rutishauser: Meine erste Reaktion waren totale Konsternation und Unverständnis. Ich weiss ja, dass Antisemitismus in der Kirche nicht salonfähig ist, auch nicht im Vatikan. Warum hat der Papst das gemacht? Für mich ein grosses Fragezeichen.
Haben Sie jetzt eine Erklärung?
Der Vatikan bemüht sich um die Aussöhnung mit der traditionalistischen Pius-Bruderschaft. Der Holocaustleugner war ein Kollateralschaden – zu Lasten der Juden.
Kannten Sie die abstrusen Theorien des Bischofs Williamson?
Nein, bis zu dem Zeitpunkt nie davon gehört.
Aber dass der Antisemitismus in diesen Kreisen verbreitet ist, konnte man schon lange wissen.
Es ist jedem bekannt, dass diese Gruppierung eine antijüdische Theologie vertritt, wie sie bis zum Konzil in der Kirche salonfähig war. Der jüngste Skandal um den Holocaustleugner hat insofern sogar etwas Gutes. Das kam wieder mal ans Licht und ist viel tragischer als die absurden Äusserungen eines Einzelnen.
Wie bitte? Was ist daran gut?
Eben, dass die bei den Pius-Brüdern weit verbreitete antijüdische Grundhaltung wieder einmal klar zum Ausdruck kam. Es geht ihnen nicht einfach um die lateinische Messe, sondern um den neuen Kurs der katholischen Kirche seit dem Konzil. Deshalb ist es für mich umso tragischer, dass der Papst ohne Vorbedingungen diesen Leuten entgegenkommt.
Ist der Papst zu weit gegangen?
Ja, weil keine Bedingungen für die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe gestellt wurden. Die Reihenfolge, zuerst die Exkommunikation aufzuheben und dann Verhandlungen zu führen, ist nicht zu verantworten.
Was wären nötige Vorbedingungen gewesen?
Unbedingt ein positives Verhältnis zum Judentum, zur Ökumene und zur Glaubens- und Gewissensfreiheit. Das wäre die Basis für einen späteren Versöhnungsprozess.
Das hört sich alles sehr logisch an. Nur: Warum sieht das der Papst nicht ein?
Der Papst ist in allem, was er sagt, auch eine politische Figur und muss immer auch die politischen Konsequenzen von dem bedenken, was er sagt. Das hat Benedikt noch immer nicht begriffen. Er ist nicht mehr der Theologieprofessor Josef Ratzinger.
Was muss er tun, wenn Williamson von seiner Holocaustleugnung nicht abrückt?
Ich kann mir vorstellen, dass es zu einer Spaltung innerhalb der Pius-Bruderschaft kommen könnte: zwischen Leuten, die sich wieder Rom annähern wollen, und den ewigen Sektierern. Wenn Williamson nicht widerrufen sollte, kann es nur einen Weg geben: Die Kirche muss sich von ihm wieder trennen. Mit einem Holocaustleugner kann es keine kirchliche Gemeinschaft geben.
Reicht das, um das Feuer im Dach des Vatikans zu löschen?
Nein. Der Papst muss ein glaubhaftes Zeichen setzen, dass es ihm ernst ist mit dem christlich-jüdischen Dialog. Auf der geplanten Israel-Reise im Mai hat er Gelegenheit dazu – vielleicht die letzte.
Ist sonst der Dialog am Ende?
Zumindest in einer sehr tiefen Krise, welche der Vatikan zu verantworten hat.
Können Sie erklären, woher eigentlich der immer wieder neu aufkeimende christliche Antijudaismus kommt?
In der alten Theologie ging man davon aus, dass mit Jesus die Rolle der Juden als Volk Gottes auf die Kirche übergegangen sei. Jetzt war die Kirche das auserwählte Volk, die Juden blieben «verstockt» zurück. Das letzte Konzil hat damit radikal gebrochen: Es sieht Kirche und Judentum Schulter an Schulter. Man kann nicht oft genug betonen: Jesus war Jude, Maria und die Apostel waren Juden und keine Christen. Das sagt eigentlich alles.
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Jesuit Rutishauser. Papst muss die politischen