Zurück aus Haiti Das Protokoll des Grauens

  • Aktualisiert am 03.01.2012
1 / 8 Bildern
Bildinformation einblenden

Maja Loncarevic (41) hat die Hölle in Haiti überlebt. Zusammen mit anderen Schweizern konnte sie am Freitag in die Dominikanische Republik ausreisen. Die Schweizer Hilfswerk-Mitarbeiterin hat exklusiv für SonntagsBlick ein Protokoll über ihre persönlichen Erlebnisse des Erdbebens geschrieben. Ein Protokoll des Grauens, das unter die Haut geht. Lesen Sie hier die authentische Version, die Maja Loncarevic in ihrem Hotelzimmer in Santo Domingo niedergeschrieben hat.

Maja Loncarevic über den Augenblick des Bebens

Ich war in Carrefour, einem Vorortviertel von Port-au-Prince, nahe des Epizentrums. Zusammen mit meiner lokalen Projektpartnerin besuchte ich eine Schule für Dienstmädchen. Wir waren gerade angekommen und sassen im Büro der Schulverantwortlichen. Sie hatten die Kinder frühzeitig entlassen, weil sie befürchteten es könnte regnen. Die Mädchen waren gerade dabei, den Schulhof zu verlassen. Zuerst gab es ein lautes Stöhnen, das aus dem Erdinneren kam, ein unglaubliches Geräusch. Gleich darauf beginnt die Erde zu beben. Wir liefen alle raus in den Hof, die Kinder wollten sich im Haus verstecken, wir holten alle raus und legten uns auf den Boden. Alle hielten sich an den Händen und begannen zusammen zu singen und zu beten. Die Erde bebte unglaublich, als ob sich der Boden unter uns meterweise verschob, hin und her. Einige Mädchen waren in totaler Panik und schrien und weinten. Eine Frau rannte mit erhobenen Armen und laut «Jesus, Jesus» schreiend auf die Strasse. Überall war Staub, der Himmel war ganz schwarz geworden, es war wie ein Bild der Hölle. Danach gingen wir auf die Strasse. Das Nachbarhaus war zusammengefallen, eine Frau stand mit blutendem Kopf da. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was geschehen war. Meine Projektpartnerin Kettely sagte, sie hatten es vorausgesagt, schon seit 2 Jahren hatten sie es vorausgesagt. In diesem Moment hatte ich gar keine Gefühle. Es ging ums nackte Überleben. Wir standen da und berieten, ob es sinnvoll wäre, jetzt mit dem Auto zurück ins Zentrum zu fahren. Ich überlegte, wie gefährlich es ist, falls Häuser zusammenfallen oder die Strasse plötzlich aufreisst. Auch war es mir unklar, ob es überhaupt schon vorbei war mit dem Beben. Das Gefühl war, als ob der Horror erst grad begann. Das Ausmass der Katastrophe war uns zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst.

Über die ersten Stunden nach dem Beben

Die ersten Stundne nach dem Beben waren das reinste Chaos. Die Leute rannten kopflos umher, alle Menschen waren auf den Strassen. Alle versuchten, ihre Familienangehörigen zu finden. Es gab Leute, die sich einfach mitten auf die Strasse setzten, sich an den Händen hielten und gemeinsam beteten und sangen. Andere versuchten mit Autos oder zu Fuss möglichst rasch von den engen Quartieren auf den Hügeln runter zur Hauptstrasse am Meer zu kommen. Verletzte wurden weg transportiert – von Hand, auf Motorfahrzeugen, auf Autos. Irgendwann waren alle Strassen verstopft und es gab kein Durchkommen mehr. Wir mussten das Auto abstellen und zu Fuss mit allen Menschen weiter den Weg suchen. An der Hauptstrasse unten brannte eine Tankstelle, in der Nähe stand ein Elektrizitätswerk. Mir gingen alle möglichen Horrorszenarien durch den Kopf: wo gingen die Leitungen durch? Was wenn die Tankstelle explodiert? Was kann mit Stromleitungen nach einem Erdbeben passieren? Wie kommen wir am schnellsten zurück und wohin überhaupt? Was steht noch? Wohin können wir gehen? Die beiden Mitarbeiterinnen aus unserem Projekt waren ganz verzweifelt. Beide hatten ihre Familien und Kinder zu Hause zurückgelassen und konnten niemanden erreichen. Sie liefen alleine weiter, um so rasch wie möglich zu ihren Häusern zu kommen. Unterwegs sah ich dramatische Szenen: Kinder schrieen in Panik und suchten ihre Eltern, ein kleiner Junge versuchte verzweifelt, mit den Händen in einer Ruine zu graben, um seine Angehörigen auszugraben. Die Menschen riefen immer wieder «Jesus, Jesus» und liefen mit erhobenen Händen schreiend herum. Es war der blanke Horror. Je näher wir dem Stadtzentrum kamen, desto klarer wurde uns, dass das Ausmass des Bebens hier noch viel schlimmer war als im Vorort. Jedes zweite Haus schien zusammegefallen zu sein. Überall waren Menschen auf der Strasse und liefen in alle Richtungen. Wir gingen weiter Richtung Zentrum unserer Partnerorganisation, um zu schauen, ob das Haus noch steht. Im Quartier waren unzählige Häuser zusammengestürzt. Menschen, die meine Projektpartnerin kannten, kamen uns entgegen und berichteten, was ihnen passiert war. Wir hatten den Eindruck, dass wirklich niemand verschont geblieben war. Das Zentrum aber schien intakt (erst am nachfolgenden Tag haben wir gesehen, dass der ganze hintere Teil des Gebäudes eingestürzt war). Als wir zum Hotel kamen, konnten wir nicht glauben, dass es noch stand. Sie hatten Liegestühle im Freien aufgestellt wo wir all die folgenden Nächte schliefen. Es war unvollstellbar, im einem geschlossenen Raum zu übernachten. Schon nur auf die Toilette zu gehen und die Türe zu schliessen, war fast unmöglich.

Über die Tage danach

Es ist ein totales Drama. Die Menschen campieren alle auf den Strassen mit dem Allernötigsten. Es gibt keine Toiletten, die Notdurftt wird auf der Stasse erledigt. Die Leute suchen mit baren Händen nach den Vermissten in den Trümmern. Sie versuchen auch ihr Hab und Gut aus den Trümmern zu bergen, um wenigstens noch etwas zu haben. Überall sind noch Menschen eingeschlossen und die Angehörigen versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Per Megaphon versuchte ein Mann Leute zu mobilisieren, um zu Hilfe zu kommen, um einen Angehörigen aus einer Ruine zu befreien. Am zweiten Tag lagen bereits überall Leichen in den Strassen herum, nur mit einem Leintuch bedeckt. Der Gestank war unerträglich. Vor dem Hotel lag ein kleiner Junge tot zwischen zwei Kartons, ohne Angehörige, ohne niemand. Im Leichenhaus stapeln sich die Leichen bergweise. Niemand weiss, was mit ihnen tun. Am dritten Tag begannen die Menschen, die Leichen auf der Strasse zu verbrennen – aus Panik vor Krankheiten. Alle die konnten, hatten sich Masken besorgt oder ein Tuch umgebunden, um den beissenden Geruch von Kot und verwesenden Leichen zu ertragen. Die Beschaffung von Nahrungsmitteln wird immer schlimmer. Die Preise sind schon unglaublich in die Höhe geschnellt. Glücklicherweise wurde begonnen, Wasser und Reis zu verteilen. Die Leute kämpfen darum. Im Stadion sind die Verletzten hingebracht worden und warten seit dem Beben auf medizinische Hilfe. Von den Spitälern steht noch eines und dieses ist restlos überfuellt und komplett überfordert. Bei jedem Nachbeben scheint die ganze Stadt aufzuschreiben, darauf folgt Singen und Beten.

Über die Situation in ihrem Hilfsprojekt Iamaneh*, das ausgebeuteten Strassenmädchen hilft

Das Haus ist teilweise zerstört, von den Mädchen wissen wir noch nichst, es wird auch schwierig sein, sie zwischen all den Menschen irgendwo in der Stadt zu finden. Am Montag planen die Projektmitarbeiterinnen auf die Suche zu gehen und zu schauen, was ihre unmittelbaren Bedürfnisse sind. Die Projektmitarbeiterinnen scheinen Glück gehabt zu haben, es ist niemand ums Leben gekommen, aber die meisten haben ihre Häuser verloren. Unsere Projektpartnerin Kettely hat kein Dach mehr über dem Kopf. Auch sie campiert mit ihrer 96 -jährigen Mutter auf der Strasse und hat noch zu Essen für etwa 2 Tage. Es ist eine sehr schwierige Situation, weil die Leute aus dem Projekt selbst so bedürftig sind und man gleichzeitig auch den Strassenmädchen und überhaupt allen Menschen, denen es noch schlimmer ergangen ist, zu Hilfe eilen sollte...

Über den Umgang mit dem Elend, das die Menschen umgibt

Es ist grauenvoll, ich bin einfach Zeugin, ohne wirklich etwas tun zu können. Meine Aufgabe schien, Informationen und Bilder zu sammeln, um möglichst genau auch die Bedürfnisse der Menschen erfassen zu können. Ich hatte ständig das Bedürfnis, etwas zu tun um zu helfen, aber es schien unmöglich. Wo beginnen? Wasser kaufen und verteilen? An wen? Es reicht nie für alle. Helfen zu graben, helfen Verletzte zu betreuen ohne medizinischen Background und Hilfsmittel? Es ist paralysierend, deshalb habe ich auch beschlossen, zurückzukehren, da ich denke, persönlich von der Schweiz aus mehr tun zu können. Emotionen sind aber auch nur erst teilweise aufgekommen. Ich denke, wir stehen alle noch unter Schock und funktionieren einfach. Im Hotel war ein Mädchen mit ihrer Mutter, die auch ihr Haus verloren hatten und zusammen mit uns dort schliefen. Ich habe meine Zeit dem Mädchen gewidmet, das offensichtlich auch sehr traumatisiert war. Ich habe mit ihr gespielt und spielerisch Häuser gebaut, um der Zerstörung etwas konstruktives entgegenzusetzen. Ich habe sie im Arm gehalten und sie getröstet. Ich habe ihr Wärme, Aufmerksamkeit und Geborgenheit gegeben. Das war mein ganz kleiner Beitrag.

Über die Solidarität vor Ort und der Hilfe, die die Welt jetzt leisten muss.

In diesem Moment kam es nicht darauf an, ob jemand Schweizer ist oder einer anderen Nationalität angehört. Alle, die überlebt und das Gleiche erlebt hatten, waren wichtige Ansprechpersonen und Solidaritätspartner in dieser schwierigen Situation. Wir waren uns alle sehr nahe und haben uns gegenseitig Beistand geleistet. Es ist sehr schwierig, die Gefühle einzuordnen. Ich fühle mich hier in Santa Domingo wie abgeschnitten von dem, was mich die letzten Tage umgeben hat und fürs ganze Leben prägen wird. In Port-au-Prince war ich mit Menschen zusammen, die das Gleiche mit mir teilten. Wir sprachen über das, was diese Katastrophe für die Menschen bedeutet, was getan werden muss, wie Hilfe möglich ist, was wir tun können und müssen. Wir waren wie eine Schicksalsgemeinschaft. Nun bin ich weg und komme nach Hause, wo niemand das mit mir teilt. Ich freue mich zwar riesig auf meine Kinder und meine Familie und Freunde, aber es wird sicher schwierig sein, mit der Distanz und dem Privileg, draussen zu sein, umzugehen. Ich wünschte, ich könnte mein Glück und meine Luxussituation den Menschen zur Verfügung stellen, die es so viel dringender brauchen als ich.

Was noch wichtig ist, ist die Frage der Hilfe: es dauerte unglaublich lange, bis Hilfe angelaufen ist. Die Menschen in Port-au-Prince sind komplett abgeschnnitten von Informationen. Es gibt kein Signal, dass ihr Staat etwas für sie tut. Die ersten Tage gab es überhaupt keinerlei organisierte Intervention. Und die Menschen selbst waren zu traumatisiert, um sich zu organisieren. Es ist ganz wichtig für die Menschen, zu wissen, dass die Hilfe jetzt eintrifft und die Welt Anteil nimmt und sich um sie kümmert. Auch wenn ich mir im Moment noch überhaupt nicht vorstellen kann, wie es nun weitergehen soll. Das Ausmass ist immens und neben der ersten Hilfe mit medizinischer Versorgung, Nahrung und Wasser sowie Shelter und Bergung von Vermissten und Toten weiss ich ueberhaupt nicht, wie der Wiederaufbau anlaufen soll. Wie können all diese Trümmer entfernt werden? Wie baut man eine komplett zerstörte Stadt wieder auf, wo die Menschen selbst überhaupt keinerlei Mittel haben? Wie baut man eine Stadt wieder auf, deren Infrastruktur vollkommen zerstoert ist?

Über Momente des Glücks inmitten der Hölle von Haiti

Ja, zum Glück, sonst wäre es nicht auszuhalten. Wenn jemand erfährt, dass Angehörige noch leben. Wenn man in Trümmern die Stimmen von Überlebenden hört. Wenn jemand lebend geborgen werden kann. Wenn endlich Hilfe kommt wie z.B. die belgischen Suchtrupps mit Hunden. Wenn endlich Wasser verteilt wird. Im ganzen Elend habe ich auch zwei unglaubliche Begegnungen gemacht: beim Stadium traf ich auf eine ganz junge Mutter mit einem Neugeboreren, sie war am Stillen und hat mich angestrahlt. Das Baby musste während oder nach dem Erdbeben geboren worden sein. Im Quartier beim Projekt traf ich eine Familie mit neugeborenen Zwillingen. Was für ein Wunder. Sie waren die einzigen mit einem richtigen Bett, einer improvisierten Wiege. Das hat mich unglaublich tief berührt.

Bearbeitet von Simon Beeli und Beat Kraushaar

*www.iamaneh.ch/

Ausreise über den Landweg

Am Freitag reisten die ersten zehn Schweizer von Haiti in die Dominikanische Republik aus. Das EDA hat den Transport über den Landweg organisiert. Gestern folgte eine weitere Zehnergruppe, wie EDA-Pressesprecher Erik Reumann sagt. Inzwischen ist ein Careteam in Santo Domingo eingetroffen. Von etwa 60 der rund 200 Schweizer, die in Haiti leben, fehlte gestern immer noch jede Spur.

Chef der UNO-Mission in Haiti tot gefunden

Der Leiter der UNO-Mission «Minustah» in Haiti, Hédi Annabi, ist tot aus den Trümmern im Erdbeben- Katastrophengebiet geborgen worden. Das teilten die Vereinten Nationen am Samstag in New York mit.

Ausser ihm wurden auch sein Vertreter Luiz Carlos da Costa und der amtierende UNO-Polizeichef in Haiti, Doug Coates, unter dem eingestürzten Christopher Hotel in der Hauptstadt Port-au-Prince gefunden.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte in einer ersten Stellungnahme, er sei «zutiefst betrübt». Der Algerier Annabi sei «eine Ikone der UNO-Friedensdienste» gewesen und habe sein Leben voll und ganz den Vereinten Nationen gewidmet.

Nach Angaben von Regierungschef Jean-Max Bellerive wuden bereits mehr als 25000 Tote geborgen und beerdigt. «20000 Leichen wurden vom Staat geborgen, da sind die von der «Minustah», von Hilfsorganisationen und Freiweilligen eingesammelten Leichen nicht mitgezählt, die noch mal 5000 oder 6000 ausmachen», sagte Bellerive heute in Port-au-Prince. (SDA)
Maja Loncarevic arbeitet für das Basler Hilfswerk Iamaneh.

Top 3

1 Neues Bild aufgetaucht Hier sitzt Breivik nach seinem Massenmord in...bullet
2 Date-Foto und Dementi Wirbel um Schettino und die Blondinebullet
3 Bestien im Blutrausch So brutal sind Hundekämpfe in Pakistanbullet

Ausland