
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Ganze 1500 Seiten lang ist das Manifest, das Anders Behring Breivik (32) kurz vor den Anschlägen in Norwegen ins Internet stellte. Das Machwerk mit dem Titel «2083 – eine europäische Unabhängigkeitserklärung» gibt Einblick in seine wirre Welt. Seine politischen Ideen, sein Privatleben, sein Terror-Tagebuch.
«Ich mag klassische Musik und Pop. Meine Lieblingsstadt ist Budapest, mein wertvollster Besitz sind mein iPod und meine Breitling ‹Crosswind›. Meine liebste Kleidermarke ist Lacoste, mein Eau de Toilette ‹Chanel Platinum Egoiste›. Ich habe kein Lieblingsessen, alle Kulturen haben hervorragende Gerichte. Mein Lieblingsbier ist Budweiser, mein Lieblingsbuch ‹1984› von George Orwell. Die zwei Personen, die ich am liebsten treffen möchte, sind Wladimir Putin und der Papst.»
So stellt sich der Mann, der in Norwegen mindestens 93 Menschen tötete, selber vor.
Der Steckbrief gehört allerdings zu dem wenigen Normalen, das Breivik verfasste.
Denn er wähnte sich im Krieg. Gegen die Gleichstellung der Frau, gegen den Islam und vor allem gegen die Politiker. Die würden seiner Ansicht nach nicht entschlossen genug gegen die von ihm ausgemachten Übel vorgehen. Die nannte er dann «Kulturmarxisten» und die wollte er auslöschen.
Er selber bezeichnet sich als «Tempelritter», ruft andere dazu auf, sich ihm anzuschliessen. Er glaubt, die Organisation werde bis 2083 in Europa wieder eine konservative Gesellschaft ohne Muslime schaffen.
Und zwar mit Gewalt!
Minutiöse Planung
Schon vor neun Jahren, so beschreibt Breivik, begann er die Anschläge zu planen.
«Die erste Phase dient dazu, die Operation zu finanzieren. Ich gründete eine Firma, hatte sieben Angestellte in fünf Ländern und setzte vier Millionen norwegische Kronen um. Wir haben Programmier-Dienstleistungen angeboten.»
Dann muss er allerdings finanzielle Rückschläge in Kauf nehmen, an der Börse verspekuliert er 250000 Euro, wie er selber erklärt. Er «macht eine Pause» und spielt ein Jahr lang intensiv Computerspiele. «Jetzt habe ich noch das Minimum an Mitteln, um meine Aufgabe zu erfüllen. Etwas mehr als 250000 Euro.»
Zurück zur Mutter, doch die merkt nichts
Er zieht zu seiner Mutter, um Geld zu sparen. «Mein Mutter hat das akzeptiert. Sie glaubt, ich schreibe an einem Buch. Ich zahle ihr monatlich 450 Euro für die Miete und das Essen. Früher hätte ich das nie gemacht, weil es meinem Image schadet. Natürlich glauben manche Leute, ich sei ein Freak, weil ich in diesem Alter wieder zu Hause wohne. Einem Tempelritter muss das aber egal sein. Es zählt nur die Mission.»
Im August 2010 begann er, sich Waffen zu beschaffen. «Ich will ein AK-47, eine Glock und Splittergranaten. Ich fahre nach Prag, ich kann nicht sagen, dass ich mich auf den Trip freue. Ich habe gehört, dass Prag eine extrem gefährliche Stadt sei, voller brutaler Krimineller. Ich habe das Auto vorbereitet, die Rücksitze ausgehöhlt, um die Waffen und die Granaten unterzubringen. Mein Auto, ein Hyundai Atos, ist Mist, ich hoffe, dass er nicht mitten auf der Autobahn stehen bleibt.»
Seine Schutzweste näht er selber: «Ich wurde in der Primarschule in den Näh- und Strickunterricht gezwungen. Man wollte damals Buben feminisieren. Ein marxistische Idee, um die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern herzustellen. Rückwirkend bin ich froh, dass ich in den Nähunterricht musste. Welche Ironie, dass eine Fähigkeit, die ich erlernen musste, um die Verweiblichung Europas voranzutreiben, jetzt dazu benutzt wird, das Patriarchat wieder herbeizuführen.»
Seine Mutter kriegt nichts von den Aktivitäten des Sohnes mit. «Es ist überhaupt nicht schwer, sie zu täuschen. Man braucht zwar viele Ausreden und auch Zugang zum Estrich und zum Keller. Dort habe ich in den Wänden drei USB-Sticks mit Informationen versteckt. Man muss zwar aufpassen, dass man nicht erwischt wird, wenn man mit jemandem zusammenlebt. Aber ich habe die Schutzwesten und die Waffen im Wald vergraben.»
Seine politische Überzeugung versucht er zu verheimlichen. «Man muss so tun, als ob man politisch korrekt sei oder wenigstens moderat. Man sollte sich auch normal anziehen und auf Internetforen nicht allzu viel veröffentlichen. Sonst fällt man der Regierung vielleicht auf.»
Über seine Familie schreibt er: «Mein Vater hatte drei Kinder aus einer früheren Beziehung, meine Mutter brachte eine Tochter mit in die Ehe. Ich war ein Jahr alt, als meine Eltern sich scheiden liessen. Wir lebten damals in London, mein Vater war Diplomat. Meine Eltern waren nicht politisch aktiv, meine Mutter eine moderate Feministin. Ich habe keine schlechten Kindheitserlebnisse. Mit meinem Vater habe ich nicht mehr gesprochen, seit ich 15 war. Ich wollte ihn vor fünf Jahren kontaktieren, aber er wollte mich nicht treffen.»
Eine Freundin hat Breivik nicht. «Manchmal macht mich eine Frau an, ich bin zurzeit ja total fit und fühle mich super. Aber ich möchte keine Beziehung, weil es meine Pläne verkomplizieren und meine Operation gefährden würde. Ich habe 2000 Euro für ein Top-Escort-Girl auf die Seite gelegt. Die will ich eine Woche bevor ich meine Mission ausführe ausgeben.»
Agrar-Firma zur Tarnung beim Bombenbau
Breivik gründet eine neue Firma, die angeblich Melonen und Gemüse anbaut. «Das ist wichtig, damit man es nicht verdächtig findet, wenn man plötzlich Chemikalien und Dünger bestellt.»
Im April 2011 startet er die Suche nach einem Miet-Bauernhof. «Petter, der Besitzer, will seinen Hof für zweieinhalb Jahre vermieten. Er muss ins Gefängnis. Weshalb, will er nicht sagen. Aber ich glaube, er hat Marihuana angebaut. Er und seine Freundin fanden mich ganz toll.»
Auf dem Hof will er die Bomben herstellen. «Er muss abgelegen sein, damit niemand etwas bemerkt.»
«Meine Freunde und meine Schwester drängen mich, dass ich mir wieder eine Freundin suchen soll. Ich habe ihnen gesagt, dass ich erst ab August 2011 wieder date, weil ich dann meine eigene Wohnung habe. Ausserdem habe ich ihnen erzählt, dass ich im August die Businesspläne für vier verschiedene Geschäftsideen fertig habe. Ich habe behauptet, bei einer Idee gehe es um die Landwirtschaft, bei einer um die Herstellung von Panzerwesten, bei den beiden anderen um den Vertrieb von Survival-Ausrüstung und um den Bergbau. So habe ich eine Antwort, wenn sie plötzlich auf seltsame Unterlagen bei mir stossen sollten. Aber bis jetzt hat absolut niemand Verdacht geschöpft.»
Er beginnt auch eine Diät. «Als Tempelritter muss man fit sein. Ich habe im Fitnesscenter extrem hart trainiert, um für den Kampf gegen das Multikulti-Establishment und die Kultur-Marxisten in Form zu sein. Ich empfehle auch den Einsatz von Steroiden. Sie erhöhen Kraft, Ausdauer, Flexibilität und Motivation.»
Am 18. Juli schreibt er: «Ich bin total erschöpft. Ich trinke jetzt jeden Tag vier Proteindrinks, um Muskeln aufzubauen. Habe den Dünger und die Chemikalien gemischt. Will heute nach Einbruch der Dunkelheit alles in den Transporter laden. Ich sollte wohl langsam Angst kriegen, bin aber zu müde.»
Drei Tage später fügt er an: «Ich habe genug Zeug für 20 Explosionen. Wenn die Operation in letzter Minute schiefgeht, habe ich wenigstens eine Polizeiuniform, um im Herbst auf den Maskenball zu gehen.»
Breivik glaubt aber trotz seines makabren Humors an den Erfolg seiner «Mission». «Die Regierungen haben eine Schwachstelle: Ihre Verwundbarkeit bei Einmann-Terrorzellen. Man muss sich nichts vormachen, man wird es nicht schaffen, nach einer Aktion zu fliehen. Aber das haben wir auch nicht vor. Darum wollen wir den grösstmöglichen Schaden anrichten, bis wir körperlich nicht mehr imstande sind, weiterzumachen.»
Keine Gnade, auch gegenüber Frauen
Auch über seine Opfer macht er sich Gedanken. Und rät, keine Gnade zu zeigen. Auch gegenüber Frauen nicht.
«Wenn man ein Tempelritter ist, werden einem in der Schlacht Frauen gegenüberstehen. Sie werden nicht eine Sekunde zögern, dich zu töten. Für sie bist du nur ein bewaffneter, krimineller Irrer, weil sie ja nicht wissen, was dein wahres politisches Vorhaben ist. Wenn du auch nur eine Sekunde zögerst, weil dein Gegner eine Frau ist, scheiterst du. Man muss sich daher mit dem Gedanken anfreunden, Frauen zu töten. Auch sehr attraktive Frauen.»
Breivik schreibt akribisch auf, was er für den Anschlag alles einpacken will: Verbandszeug, Gasmaske (freiwillig), Zyanid-Kapseln (um den Hals befestigt), iPod mit Lieblingsliedern, um die Moral aufrechtzuerhalten (unverzichtbar), ein Liter Wasser, zwei Adrenalin-Spritzen.
Zum Schluss plädiert Anders Breivik noch einmal für die Einmann-Terrorzelle. «Man kann alles alleine machen. Und das Risiko entdeckt zu werden, minimiert sich. Dann fügt er an: «Ich glaube, dies ist der letzte Eintrag, den ich schreibe. Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51 Uhr.» Anders Behring Breivik unterschreibt mit «Ritter- Kommandant, Kreuzritter Norwegen».
Nur zweieinhalb Stunden später explodiert in Oslo die Bombe.