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Dieses Gefühl der absoluten Macht! Davon träumte er wohl in seinen geheimsten Fantasien. Zuerst die gewaltige Bombe im Herzen von Oslo. Dann die 85-fache mörderische Jagd auf Kinder und Jugendliche auf der Ferieninsel Utøya: Gleich zweimal kostete der 32-jährige Anders Behring Breivik an diesem Freitag den fürchterlichen Triumph aus, wenigstens einmal uneingeschränkter Herr zu sein über Leben und Tod.
Als Spezialkräfte der norwegischen Polizei ihn schliesslich aus der Luft mit Tränengas angriffen, hatte der Killer seine selbst gestellte Mission erfüllt. Er liess sich widerstandslos festnehmen. Mit den Vernehmungsbeamten, so hiess es am Samstag aus Ermittlerkreisen in Oslo, spreche er ruhig und gefasst.
Was auch immer er gestehen wird – erklären kann es nicht, wie aus dem hochgewachsenen, blonden, blauäugigen Norweger mit dem freundlichen Lächeln einer der schlimmsten Massenmörder Europas seit dem Zweiten Weltkrieg werden konnte. Breiviks Kindheit, so berichtete ein Jugendfreund der norwegischen Internetzeitung «Nettavisen», sei schwierig gewesen: Der Vater habe die Familie verlassen, als Anders noch ein kleiner Junge war. Der anonyme Informant: «Mit den Jahren wurde er immer introvertierter.»
Dass Breivik sich Anfang der 90er-Jahre die europa- und fremdenfeindliche Gedankenwelt der rechtspopulistischen Freiheitspartei zu eigen machte, überraschte keinen seiner wenigen Freunde: «Anders hat immer das Gefühl von Zugehörigkeit gesucht.» Nur die wenigsten hatten sein Polit-Gefasel von der vermeintlichen Überfremdung Norwegens, von einer islamischen Gefahr und seiner Angst vor Europa wirklich gelesen.
Niemand nahm den Aussenseiter ernst, wenn er die regierende Arbeiterpartei und Premierminister Jens Stoltenberg als Speerspitze der «Multikulti»-Ideologie verteufelte: Die werde für die norwegische Lebensart verheerend sein.
Keiner hörte ihm zu, wenn er erklärte, sein angeblich im Internet verdientes Millionenvermögen für die kulturelle Rettung der Heimat einsetzen zu wollen. Ausserdem ist der Rechtspopulismus in seinen vielen Schattierungen in Norwegen längst gesellschaftsfähig: Bei den Parlamentswahlen vor zwei Jahren machte mehr als jeder fünfte Norweger sein Kreuz neben dem Symbol der Fremskrittspartiet («Fortschrittspartei»).
Am wenigsten hätte jemand Anders Behring Breivik die Kaltblütigkeit und Gnadenlosigkeit zugetraut, die er bei den Attentaten an den Tag legte.
Am 18. Mai liess er beim Handelsregister der Kleinstadt Rena die von ihm angemietete Breivik Geofarm auf seinen Namen eintragen – ausgerechnet den Hof, auf dem eine Verbrecherbande vor Jahren eine riesige Haschisch-Plantage angelegt hatte. Breivik wollte auf dem Land Gemüse ziehen. Dafür kaufte er schon am 4. Mai sechs Tonnen Kunstdünger, für einen Agrarbetrieb dieser Grösse keine unübliche Menge. Niemand rechnete damit, dass der Jungbauer die ersten 500 Kilo des Düngers in eine Bombe verwandeln würde.
Und keiner der Bekannten in seinem Osloer Schützenklub wunderte sich über die häufigen Schiessübungen mit dem offiziell registrierten Schnellfeuergewehr und der legal erworbenen Pistole. Sie konnten ja nicht ahnen, dass der passionierte Jäger Breivik damit eines Tages Jagd auf unschuldige Menschen machen würde.
Und so blieb die Wut unbeachtet, die sich in dem studierten Ökonomen, dem Gemüsebauern, Lehrling einer Freimaurerloge und bekennenden Rechtspopulisten auf das herrschende System angesammelt hatte.
Bis Anders Behring Breivik am vergangenen Freitag auf der Insel Utøya auf einem Felsen stand, sein Gewehr ein ums andere Mal auf junge Menschen anlegte und abdrückte.
Und endlich die absolute Macht verspürte, nach der er sich so lange gesehnt hatte.