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Endlich habe ich es geschafft. Endlich habe ich meinen inneren Schweinehund niedergerungen, den Wecker auf 4.30 Uhr gestellt und mich im Morgengrauen auf einen Besuch im Park aufgemacht.
Bilder aus chinesischen Parks sieht man ja immer wieder. Da gibt es scheinbar massenhaft Menschen, die in einer Herrgottsfrühe Tanzen, Joggen oder ihre Taijiquan-Übungen absolvieren. Das wollte ich mit eigenen Augen gesehen haben.
Meine Wahl fiel auf den Zhongshan Gongyuan, einen grossen, sehr liebevoll angelegten Park im Nordwesten Shanghais. Als ich kurz vor fünf Uhr meine Wohnung verliess, herrschte auf den Strassen noch fast komplette Stille ein beinahe gespenstischer Zustand in Shanghai. Hier und dort wurden die ersten Kochtöpfe aufgeheizt, ein verschlafener Kartonsammler radelte vorbei, ein Mann kauerte in einem Hauseingang und sortierte kleine silbrige Fische in einer dreckigen Styroporkiste. Abgesehen davon: Ruhe. Wunderbare Ruhe. Auf dem Gehsteig, direkt neben einer Strassenkreuzung, schlief ein junger Mann, in zwei Decken eingehüllt und über zwei Klappstühle ausgestreckt.
Als ich beim Park ankam, bemerkte ich vereinzelte Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen auf den Park zuströmten. Nicht besonders viele, aber doch genug, um einen gemeinsamen Anziehungspunkt auszumachen. Ich bemerkte, dass es sich fast ausschliesslich um alte Menschen handelte, teilweise sogar um sehr alte. Man schien sich zu kennen. Überall waren laute Zao!-Rufe zu hören, eine Abkürzung für “Zaoshang hao!” - “Guten Morgen”.
Im Park angekommen stiess ich auf einen rundlichen älteren Herrn, der auf einer kleinen Steinbrücke stand und aus voller Kehle ein Lied sang. Gleich daneben hockten ein paar Angler, deren selbstgebastelte Ruten über einem trüben Weiher schwebten, im Hintergrund übte sich eine Frau in einem roten Schlafanzug im Schattenboxen.
Etwas ungläubig stiess ich weiter in den Park vor, und was ich dann zu sehen bekam, überstieg alle meine Erwartungen. Aber urteilen Sie doch selbst:








Wo man auch hinschaute, überall erblickte man jemanden beim Dehnen, beim Boxen, beim Strecken oder beim Hüpfen. In den ersten zwei Stunden zählte ich folgende Aktivitäten:
- Kampfkunst
- Kampfkunst mit Schwert
- Kampfkunst mit Fächer
- Joggen
- Rückwärtsgehen
- Klatschen
- Singen
- Singend, klatschend Rückwärtsgehen
- Angeln
- Dehnen
- Badminton
- Drachenfliegen
- Am-Baum-Reiben
- Auf-Baum-Prallen
- Am-Ast-Hängen
- Gymnastik
- Tanzen
- Ma Jiang
- Schach
- Seilhüpfen
- Diskutieren
- Stange-auf-Kopf-Balancieren









Das Faszinierendste an dem ganzen Spektakel war für mich die Selbstverständlichkeit, mit der diese Leute ihr Morgenprogramm absolvierten. Ganz egal, wonach einem der Sinn steht, solange es gut ist für Körper und Geist, ist es richtig. Obwohl jeder für sich, begingen diese Leute doch irgendwie kollektiv den Start in den Tag, und es herrschte eine freundliche, angenehme Atmosphäre.
Gegen 7 Uhr kamen mehr und mehr jüngere Menschen in den Park, auch joggende laowais waren plötzlich zu sehen, und ich unternahm mehrere Versuche, den Park zu verlassen, wurde aber immer wieder von irgendetwas dermassen fasziniert, dass ich stehenbleiben und die Kamera wieder auspacken musste.
Oder kann Ihre Grossmutter etwa so Seilhüpfen?

Ich schaffte es schliesslich, zu spät zur Uni zu kommen. Und um 8.40 Uhr wollte mir auch niemand mehr so richtig glauben, dass ich schon um halb fünf augestanden war.
Jänu. Ich werde es wieder tun.
Zhongshan Gongyuan, Changning Lu/Kaixuan Lu
Metro-Linien 2, 3 & 4 (Zhongshan Park)
…zu meinem letzten Eintrag.

Es gab da schon ein paar Dinge, denen ich mit mulmigen Gefühlen entgegenblickte, als ich mich dazu entschloss, nach China auszuwandern.
Dazu gehört der Sommer in Shanghai.
Ich war vor zwei Jahren schon einmal im Juli hier, und wer einmal erlebt hat, wie sich 37 Grad und nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit in einer chinesischen Grossstadt anfühlen, der vergisst das so schnell nicht.
Hinzu kommen die Gerüche der Stadt, die Menschen, die Tiere, die Esswaren, die Abfälle, die Kanalisation was im Winter und Frühling mit einem kurzen Atemstopp ignoriert werden kann, scheint im Sommer allgegenwärtig. Es gibt kaum einen Ort, an dem es nach nichts riecht, wobei Gerüche immer noch besser sind als Gestank. An meiner Bushaltestelle beispielsweise bahnen sich die Abgase einer Abwasserleitung den Weg nach draussen, und mit den steigenden Temperaturen wird der Gestank immer penetranter. Immerhin scheint sich die Frau vom Obstladen damit abgefunden zu haben.
Trotzdem kann ich dem Sommer in Shanghai auch so einiges Positives abgewinnen. Man sieht in dieser Saison nämlich so manches, was man eben nur in China, und nur im Hochsommer zu sehen bekommt.
Da wären beispielsweise die Sonnenschirme. Sobald die Sonne allzu giftig vom Himmel brennt, klappt Shanghais weibliche Bevölkerung kollektiv den Schirm auf.


In China, wie in vielen Ländern Asiens, gilt nämlich nach wie vor die noble Blässe als schick (gebräunte Haut zeugt von Arbeit im Freien und gilt als Indiz für einen tiefen Lebensstandard), und viele Frauen in Shanghai tun alles dafür, die schädlichen Sonnenstrahlen von ihrer hellen Haut fernzuhalten. So sieht man beispielsweise viele Fahrradfahrerinnen, die Handschuhe tragen, die richtig ernsthaften Anti-Bräunerinnen schlüpfen sogar verkehrtrum in eine Jacke, sodass auch die Arme bedeckt sind.
Ebenfalls populär, aber leider seltener anzutreffen, sind Hüte mit herunterklappbarem, getöntem Visier. Das Visier besteht aus schwarzem Plastik und bedeckt das ganze Gesicht der Trägerin, sodass sie zwar vornehm blass bleibt, dafür aber den ganzen Tag durch die Stadt geht, als wäre sie entweder ein Jedi-Ritter oder ein Schweisser auf der Suche nach Arbeit.
Und wer sich trotz aller Bemühungen ein paar UV-Strahlen einfängt, kann immer noch auf die Dienste der Kosmetikindustrie zurückgreifen.

Selbstbräunungscrème sucht man in China vergebens, dafür findet man überall Whitening-Lotionen, die der Haut mit allerlei Chemikalien auf die Pigmente rücken.
Was mir weit besser gefällt als die Sonnenschirme der Frauen sind die hochgekrempelten T-Shirts der Männer. Zwar gibt es auch hier jene Spezies, die sich der Oberbekleidung in allzu grosser Hitze ganz entledigt, viel häufiger sieht man allerdings Männer, die das Hemd oder das T-Shirt lediglich bis unter die Brust hochkrempeln.
Natürlich ist die Sommerhitze viel erträglicher, wenn ein laues Windchen um den Ranzen weht, je nach Grösse der Trommel sieht das aber derart urkomisch aus, dass ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen kann. Nicht selten schlagen sich die Herren dann noch ununterbrochen mit der flachen Hand auf den Bauch, was wohl ebenfalls der Abkühlung dienlich sein soll, das Spektakel aber nur noch etwas absurder macht.
Ich als dekadenter Expat habe mich natürlich nicht lumpen lassen und mir für die Sommermonate einen persönlichen Kühlungs-Assistenten zugelegt. Herr Zhang ist Spezialist für Exothermie, er kostet lediglich 10 Yuan (für den ganzen Sommer), und überdies krempelt er ganz bestimmt nie sein Hemd hoch.


Der Sommer kann kommen.
Unglaublich, was in den letzten 24 Stunden geschehen ist. Ich bin geschockt und kann kaum in Worte fassen, was in mir vorgeht, wenn ich von zehntausenden Toten, zenhtausenden Vermissten, Verschütteten und Verletzten lese. Dazu will ich Ihnen erzählen, wie wir das Erdbeben hier in Shanghai erlebt haben, mehr als 1500 Kilometer weit entfernt von Sichuan.
Als gestern um halb drei Uhr nachmittags die Erde bebte, war ich mit einem Freund unterwegs. Er beabsichtigt, ein Fotostudio zu eröffnen, und wir schauten uns nach geeigneten Locations um. Von einem Erdbeben spürten wir beide nichts. Gar nichts.
Etwa um 15 Uhr rief mich Frau Xie an und fragte, ob ich von dem Erdbeben gehört hätte. Ich hatte gerade beim Shanghaiist davon gelesen, und verfolgte die ersten Meldungen erhlich gesagt mit fast kindlicher Neugier. Ui, ein Erdbeben. Die ersten Berichte, die via Twitter aus Chengdu und Chongqing hereinschneiten, hörten sich auch harmlos an. Ein Holländer, der in Chengdu unterwegs war, berichtete von vielen Menschen auf der Strasse, aber keinen sichtbaren Schäden.
Auch Frau Xie schien erstaunt. Es riefen Arbeitskollegen bei ihr im Büro an, da sie nicht mehr ins Gebäude hereingelassen würden. Sie selbst sass im vierten Stock und hatte von einem Beben ebensowenig mitbekommen wie ich. Es herrschte Ratlosigkeit, Verwunderung.
Ähnlich ging es zwei meiner Uni-Kolleginnen, die auf Fahrrädern in der Stadt unterwegs waren. Am People’s Square, dem grossen Park in der Mitte der Shanghaier Innenstadt, sahen sie plötzlich Menschen aus den Hochhäusern auf die Strassen strömen. “Schon Feierabend?”, dachten sie belustigt, und beschlossen, sich nicht sensationsgierig auf die Suche nach dem Grund zu machen. “Vielleicht ein Erdbeben”, folgerten sie, “aber wenn wir nichts davon gespürt haben, wirds wohl nicht so schlimm gewesen sein.”
Nun war es nicht so, dass man in Shanghai nichts gespürt hat. Wie ich heute in der Zeitung “Shanghai Daily” las, war das Erdbeben in der Ferne insbesondere in den obersten Etagen der Wolkenkratzer zu spüren. Aus der Feidiao International Plaza an der Zhaojiabang Road wurde berichtet, die Leute in den obersten Stockwerken hätten sich kaum auf den Beinen halten können. In Pudong, im Osten der Stadt, wurde der weltberühmte Jin-Mao-Tower mit seinen 86 Stockwerken geräumt (EDIT Mittwoch, 13:18 Uhr, offenbar handelte es sich bei dieser Zeitungsmeldung um eine Falschmeldung, oder der Tower wurde nur teilweise evakuiert, Details im Kommentar eines Lesers). Büropersonal und Hotelangestellte standen ratlos auf der Strasse.

Jin-Mao-Tower (links) und Baustelle des SWFC in Pudong
Derweil sass ich in meiner Wohnung im 37. Stock und glaubte nach wie vor an einen Sturm im Wasserglas.
Gegen Abend wurden die wenigen Nachrichten, die es aus den Unglücksprovinzen heraus schafften, immer beunruhigender. Plötzlich war von ersten Toten die Rede, von eingestürzten Häusern. Dann von zerstörten Schulen, verschütteten Kindern. Bis Mitternacht war die Anzahl Todesopfer auf gegen 10′000 geschnellt, und die Rettungstrupps hatten noch nicht mal das Gebiet direkt über dem Epizentrum erreicht. Spätestens dann war allen klar, dass es sich hier um eine Tragödie schrecklichen Ausmasses handeln musste.

Als ich heute morgen die Nachrichten schaute (ich informierte mich ausschliesslich via Internet, bevor ich heute Nachmittag die beiden englischsprachigen Zeitungen “Shanghai Daily” und “China Daily” las), war ein erstes Ausmass erkennbar. Schlimmstes Erdbeben in China seit 30 Jahren, über 10′000 Tote. Erste Gerüchte machten die Runde, von Kröten, die vergangenen Freitag massenhaft gesichtet worden waren, wie sie Tümpel und Teiche verliessen, aus Sauerstoffmangel wohl. Von Seismografischen Instituten, die kurz vor dem Unglück ein bevorstehendes Erdbeben als “Gerede” heruntergespielt hatten. Erste Schuldzuweisungen wurden erteilt, vorschnell wie mir schien.
Ich fuhr zur Uni und musste mit einigem Erstaunen feststellen, dass dort ein Tag wie jeder andere angebrochen war. Die Leute waren gut gelaunt, niemand sprach über das Erdbeben, und ich war mir nicht sicher, ob die Leute noch nichts davon wussten, sich des Ausmasses nicht bewusst waren oder sich einfach nicht darum kümmerten.
Heute Nachmittag wurde mir klar, dass es sich wohl um Ersteres gehandelt haben muss. Eine Schulkollegin von mir erfuhr erst heute Mittag vom Erdbeben, nachdem sie nach Hause gekommen, dort den Computer eingeschaltet und ihre E-Mails gelesen hatte, in der sich Familie und Freunde aus den USA nach ihrem Wohlbefinden erkundigten. Dies, nachdem sie am Morgen vier Stunden an der Uni verbracht hatte.
Am Nachmittag schien das Ereignis dann langsam ins kollektive Bewusstsein einzusickern. Bei Frau Xie im Büro wurden Spendenkassen aufgestellt, aus Peking wurde von einem Benefizkonzert berichtet. Taxifahrer hörten statt nervtötender Popmusik plötzlich Nachrichtensender, und Handyanrufer begrüssten einen mit “Und? Was gespürt?”. Rückblickend erstaunt es mich, wie lange es gedauert hat, bis das Thema ins alltägliche Leben eingedrungen war. Andererseits hatte ja auch ich noch vor wenigen Stunden geglaubt, es sei alles halb so wild.
Dem war leider nicht so.
Ich habe das Glück, nicht nur in der Schweiz, sondern auch hier in China Familienanschluss zu haben. Als meine Freundin, die ominöse Frau Xie, im Jahr 2006 für zehn Monate in Shanghai lebte und arbeitete, wohnte sie für einige Zeit bei den Wangs, einer Familie aus der schnell wachsenden Mittelschicht Chinas.
Die Wangs haben zwei Kinder (die Einkind-Politik wurde erst 1979 eingeführt), die zusammen eine sehr erfolgreiche Firma aufgebaut haben und damit einen Grossteil der Familie unterstützen. Als Investition haben sie unter anderem Wohnungen in Shanghai gekauft, eine davon bewohnen wir zurzeit.
Als ich 2006 zum ersten Mal nach China kam, wollten mich die Wangs natürlich kennenlernen, schliesslich hatten sie viel von mir gehört. Es folgte ein denkwürdiges Nachtessen mit reichlich Bier und Wein, das darin gipfelte, dass mir Vater Wang meinen chinesischen Namen (Lu Hai Rui) verpasste, auf den ich heute noch sehr stolz bin, und für den ich viele Komplimente bekomme.
Seither gehören ausgedehnte Familienanlässe mit den Wangs zu unserem sozialen Standardrepertoire. Meist sind es ausgelassene Nachtessen, in traditionellen Restaurants, zu denen in der Regel nicht weniger als 15 Personen erscheinen. Es wird viel geredet, gelacht und aufeinander angestossen, und wir kommen stets mit kräftig Schlagseite nach Hause.
Interessant ist, dass es uns die Wangs nie erlaubten, sie zum Essen einzuladen. Stets waren es die Eltern, ein Onkel oder eines der Kinder, die die Rechnung übernahmen, und selbst die gestenreichsten Beteuerungen unsererseits nützten nichts: Wir waren eingeladen, keine Widerrede.
Bei meinem zweiten Besuch im 2006 schwor ich mir, mich bei der Familie zu revanchieren. Wir reservierten einen grossen Tisch in einem tollen chinesischen Restaurant und luden die ganze Familie ein, mit Kind und Kegel. Doch was dann passierte, überstieg unsere Erwartungen.
Es begann beim Betreten des Lokals. Die Wangs zogen komische Gesichter und betraten das Restaurant nur zögerlich. Wir nahmen Platz und ich liess mir die Speisekarten reichen (ich wollte ja schliesslich den Gastgeber spielen), bat die Familienmitglieder aber, mir zu sagen, was sie besonders gerne ässen. Ein kapitaler Fehler.
Nun, man sei eigentlich gar nicht so hungrig, meldete sich ein Onkel zu Wort. “Genau, wir haben zu Hause erst noch gegessen”, pflichtete ihm eine Tante bei. Vater Wang grummelte derweil etwas und steckte sich eine Zigarette an.
Mit der Hilfe von Frau Xie liess ich mir die unangenehm reichhaltige Speisekarte übersetzen, und begann, diverse Gerichte zu bestellen. In China isst nicht jeder für sich, sondern man bestellt eine Vielzahl Speisen (die in Geschmack, Aussehen und Funktion ausgewogen zusammengestellt sein sollten) und platziert sie in der Mitte des Tisches auf einer runden Drehscheibe, sodass jedermann guten Zugriff darauf hat. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Gerichte ich für so viele Leute bestellen musste, wollte aber lieber zuviel als zuwenig auftischen, im Wissen darum, dass ein sauber ausgeputzter Teller in China ein Zeichen dafür ist, dass das Mahl nicht eben ausgiebig war.
Ich bestellte auch einige Flaschen Bier, die von den Wangs aber subito wieder abbestellt wurden. Kein Bier heute, nur Wasser.
Ich war baff. Was war bloss los? Warum war meine Gastfamilie plötzlich derart lustfeindlich?
Mein Unbehagen steigerte sich noch, als das erste Gericht aufgetischt wurde. Ein kleines Plättchen mit eingelegten Auberginen, das wie eine Opfergabe einsam und verlassen in der Mitte des riesigen Tisches lag. Ich wartete geduldig, bis ein paar Teller aufgetischt waren (und mir der Schweiss schon das Rückgrat runterrann), dann bat ich die versammelte Runde, zuzuschlagen.
Nichts passierte.
Nehmt, bitte, greift zu. Verzweifelt begann ich, nach etwas Krabbenfleisch zu stochern. Ich musste wohl mit gutem Beispiel vorangehen. Jetzt wurde hier und da zögerlich etwas Suppe gelöffelt, ein Stück Kartoffel geschöpft. Aber von einer ausgelassenen Familienspachtelei waren wir nach wie vor meilenweit entfernt.
Kurzum: Das Nachtessen war eine der unangenehmsten Erfahrungen, die ich in China gemacht habe. Ich wollte der Familie so gerne Respekt zollen und meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, aber sie liessen mich partout nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel ich falsch gemacht hatte.
Das Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast ist einer der wichtigsten Bestandteile chinesischer Etikette. Ausgeklügelte Gastgeber-Gast-Rituale gelten in der chinesischen Gesellschaft auch heute noch als wichtige Elemente zur Akzentuierung sozialer Strukturen. Was Westler dabei gerne unterschätzen, ist die Tatsache, dass sie in China per Definition als Gäste gelten, egal, weshalb und wie lange sie sich in China aufhalten. Dies äussert sich in einer bisweilen fast unangenehm selbstlosen Gastfreundschaft seitens der Chinesen. Wer sich den Annäherungsversuchen der lokalen Bevölkerung nicht verschliesst, wird sich vor Angeboten zum gemeinsamen Nachtessen kaum retten können.
Dem Gastgeber fallen dabei wichtige Pflichten zu. Er sorgt dafür, dass es dem Gast an nichts mangelt. Kommt beim Gast auch nur annähernd der Gedanken auf, der Gastgeber halte sich finanziell oder emotional zurück, ist das für letzteren ein gravierender Gesichtsverlust. Die Aufforderung an meine Gäste, mir doch zu sagen, was sie gerne essen, muss für die Wangs eine Zumutung gewesen sein. Einem Chinesen käme es nie in den Sinn, darauf mit “oh, in diesem Fall hätte ich gerne die knusprig gebratene Ente” zu antworten. Auch mein Verzicht darauf, mehrmals zu insistieren, war ein Bruch mit den ungeschriebenen Gesetzen. Als Gast lässt man sich vom Gastgeber beknien, sich doch endlich dem Schmaus hinzugeben. Wer zugreift, sobald das Essen auf dem Tisch steht, lässt schlechte Manieren erkennen.
Nun ist es nicht so, dass ich deswegen ein schlechtes Gewissen hatte. Ich hatte es ja schlicht nicht besser gewusst, und letzendlich zählt der gute Wille, auch in China. Trotzdem nahm ich mir eines vor: Beim nächsten Mal würde ich es besser machen.
Das nächste Mal fand letzten Donnerstag statt, zum Feiertag des 1. Mai. Wir hatten die Wangs ins “1221″, eines unserer Lieblinsgrestaurants, eingeladen, und auch an unserem Vorhaben festgehalten, als Mutter Wang mit allerlei Einwänden antanzte, warum das keine gute Idee sei (”zu teuer”, “zu weit weg”…). Nach langem Hin und Her reservierten wir zwei Tische für insgesamt 20 Personen. 17.30 Uhr.
Diesmal ging ich die Sache ganz anders an: Ich war schon um 16.45 Uhr im Lokal und nahm mir reichlich Zeit, ein gleichermassen ausgediegenes wie ausgewogenes Mahl zusammenzustellen. Frittierte Köderfischchen, monglische Rindsfilet-Würfel, gebratenen Seidentofu, Entenfleischsuppe, scharf gewürzte Wildpilze, Huhn an Zitronensauce… ich liess es richtig krachen. Als die Wangs eine Stunde später erschienen, standen auf jedem Tisch bereits acht Teller mit kalten Vorspeisen, dazu Bier, Sprite und Cola. Nach einer ausgiebigen Begrüssungszeremonie wies ich die Gäste an, sich hinzusetzen und begann sogleich, mit allen Anwesenden wortreich anzustossen. Es durfte kein Zweifel aufkommen, wer hier der Gastgeber war.


Mein Plan funktionierte hervorragend. Die Wangs spachtelten, was die Stäbchen hergaben, und bald unterhielten wir das ganze Lokal mit allerlei Trinksprüchen und lautem Gelächter. Unsere amerikanischen Freunde David und Kristen, die wir ebenfalls zu dem Spektakel eingeladen hatten, waren in gestenreiche Unterhaltungen über Ehe und Kinder und Familie eingebunden, es folgten gemeinsame Fotos, ein paar Witze und schliesslich eine interkontinentale Runde Armdrücken. Ein kanadisches Ehepaar vom Nebentisch gesellte sich dazu und wir stiessen an, auf englisch, französisch, chinesisch, kreuz und quer.

Endgültige Gewissheit darüber, dass meine Einladung ein voller Erfolg gewesen war, hatte ich in dem Moment, als Mutter Wang quer über den Tisch rief: “Hai Rui, was hat das jetzt gekostet - alles zusammen?”
Sämtliche Anwesenden verstummten und schauten mich erwartungsvoll an. Ich sagte: “Ratet doch mal!”
“3500!”, “2800!”, “3000!”, lärmte es von allen Ecken und Enden des Tisches und ich hebte und senkte den Daumen, bis endlich unter grossem Hallo der richtige Betrag erraten war.
Gastgeber in China. Das will gelernt sein.
“Wie ist es eigentlich mit der Luftverschmutzung?”
Es ist die Frage aller Fragen, wann immer ich mit jemandem in der Schweiz telefoniere. Es scheint, als wären wir von dem Thema besessen, seit in einem staubtrockenenen Sommer der Feinstaub-Alarm eingeführt wurde.
Und man hört ja da so einiges. China heizt mehrheitlich mit Kohle, was sich sehr negativ auf die Luftqualität niederschlägt. Von Menschen mit chronischen Atemwegsbeschwerden hatte ich gelesen, von der “Volkskrankheit Sinusitis”, von saurem Regen und Dreckswolken. “Na toll”, dachte ich jeweils, “und dafür hast Du mit dem Rauchen aufgehört?”
Interessanterweise war ich im Januar bei meiner Ankunft in Shanghai positiv überrascht. Auf die Frage meiner besorgten Mitmenschen konnte ich jeweils mit gutem Gewissen antworten: “Du, das ist gar nicht so schlimm, wie immer behauptet wird. Klar, Shanghai ist eine Grossstadt, und Smog gehört zu einer Grossstadt dazu, aber erwähnenswert find ichs bisher keineswegs.”
Doch dann kam der Frühling. Und mit den steigenden Temperaturen wurden die Beweislage immer erdrückender.
Als ich letztens in Pudong war und ein paar Bilder von der regnerischen Abendstimmung machte, musste ich mich schon fragen, ob das da wirklich Regenwolken sind, in denen die Wolkenkratzer verschwinden.


Und als ich das Gebüsch am Strassenrand mal etwas genauer betrachtete, glaubte ich, einen leiiiichten Grauton erkennen zu können.

Endgültige Gewissheit darüber, dass es um die Luftqualität nicht zum Besten steht, habe ich, seit ich ein Fahrrad besitze. Wenn ich es am Montagmorgen von der Strassenlaterne loskette, wo es übers Wochenende zwei Tage lang gestanden hat, dann kann ich mit dem Finger auf den Sattel schreiben, derart dicht ist die Staubschicht, die sich in 48 Stunden auf meinem Drahtesel niedergelassen hat.
In der letzten Woche lagen die Höchsttemperaturen nun erstmals andauernd bei über 20 Grad, und ich bekam einen Vorgeschmack darauf, wie Shanghai sich im Sommer anfühlen muss. Man kann den Dreck in der Luft nicht nur sehen, man kann ihn regelrecht auf der Zunge fühlen.
Immerhin hat die Stadtregierung das Problems erkannt. Man sei sich des Feinstaub-Problems bewusst, zitierte die Nachrichtenagentur Xinhua gestern einen für den Umweltschutz zuständigen Beamten. Und man wolle sein Bestes geben, um die Situation zu verbessern.
Der Mann liess auch gleich ein konkretes Beispiel folgen: Um die meisten Strassenbaustellen in der Innenstadt müssten neuerdings Umzäunungen gezogen werden.
Mindesthöhe: zwei Meter.
Sie können sich vorstellen, wie erleichtert ich jetzt bin. Ich messe schliesslich nur 1.95.

China ist ein ziemlich grosses Land, und in einem ziemlich grossen Land passieren ziemlich kuriose Dinge. In den vergangenen Wochen habe ich allerlei Zeitungsausschnitte für Sie gesammelt, liebe Leserinnen und Leser, und bin stolz, Ihnen nun die zehn verrücktesten Kurznachrichten des Frühlings präsentieren zu dürfen:
10) Zuviel Make-Up
Von Herrn Wang, einem Mann aus Nanjing, wird berichtet, er habe seine Nachbarin körperlich angegriffen. Dies, nachdem die Nachbarin, eine professionelle Make-Up-Spezialistin, die Ehefrau von Herrn Wang mittels Eyeliner und Wangenrouge in eine ungeahnte Schönheit verwandelt hatte. Frau Wang nahm sich daraufhin einen Lover und brannte mit ihm durch. Wer dafür eine Tracht Prügel verdient? Die Make-Up-Spezialistin, ganz klar. Auf den Sack schlägt man, den Esel meint man. Schiller hätte seine helle Freude daran.
9) Verflucht nochmal!
Und gleich noch ein Nachbarschaftsstreit: Was tun Sie, wenn Ihnen 30 Schafe abhanden kommen? Genau, Sie suchen einen Wahrsager auf, genau wie Frau Zhang aus der Inneren Mongolei. Der Wahrsager beschied ihr, der Dieb würde erscheinen, nachdem sie ihn 100 Tage lang verfluche. Gesagt, geflucht. Frau Zhang war nun regelmässig zu hören, wie sie auf der Strasse üble Flüche ausstiess. Nach einiger Zeit war sie davon überzeugt, dass es sich beim Dieb um ihren Nachbarn handeln musste und begann, diesen noch übler zu beschimpfen. Es half alles nichts. Frau Zhang wurde wegen öffentlicher Ruhestörung verhaftet.
8 ) Ein Held bis zuletzt
Ein schönes Beispiel aus der Ecke “sozialistische Tugenden”: Wie “Chinese Business View” berichtet, war Herr Yang, ein Buschauffeur aus der Provinz Shaanxi, von Baoji nach Fengxiang unterwegs, als er plötzlich stechende Kopfschmerzen bekam. Langsam und sanft steuerte er den Bus an den Strassenrand und starb. Ein Hirnschlag, diagnostizierten die Ärzte. In der Zeitung gab es Lob dafür: “Er schien nur die Sicherheit seiner Fahrgäste im Sinn gehabt zu haben.”
7) Hinterste Reihe, Lippen aufspritzen!
Aus Wuhan wird berichtet, mehr als 30 Studenten hätten sich an Augenlidern, Brüsten und anderswo operieren lassen, um ihr Aussehen zu verbessern und so bessere Chancen auf einen Job zu haben. Bizarr ist die Tatsache, dass es die Schulleitung gewesen sein soll, die ihre Studenten zu diesem Schritt ermutigte.
6) Wenn schon, denn schon
(Ich habe als Teenager einmal versucht, mir den Finger zu brechen, um einer Klavier-Aufführung zu entgehen. Dies aber nur am Rand.) Ein neunjähriger Junge aus Jilin war da noch etwas einfallsreicher: Um endlich nicht mehr zum Klavier-Unterricht gehen zu müssen, rief er die Polizei und sagte aus, sein Vater wolle ihn verkaufen. So geht das.
5) Cha cha cha!
Gibt es einen Zusammenhang zwischen scharfem Essen und Gallensteinen? Scheinbar schon. Es erscheint jedenfalls wenig normal, dass im Bauch von Herrn Zhou aus Dazhou (Provinz Sichuan) exakt 3956 Gallensteine gefunden wurden. “Ein Rekord”, soll der Doktor gesagt haben. “Ich habe noch niemals so viele Gallensteine gefunden.” Die Ursache? Schlechte Essgewohnheiten.
4) Liebe geht durchs Ohr
Dass es in Shanghai ganz besonders leidenschaftliche Liebhaber gibt, berichtet die “Yangtze Evening News”. Herr Zhang jedenfalls küsste seine Freundin Li derart lange und leidenschaftlich, dass diese plötzlich einen stechenden Schmerz im Ohr verspürte. Diagnose? Trommelfell geplatzt. Respekt, Herr Zhang.
3) Brrr!
Das Schwimmen in eiskaltem Wasser scheint eine Leidenschaft der Bewohner der Provinz Hebei zu sein. Ganz besonders freuten sie sich daher über den jüngsten Schwimmer im Eispool einen 22 Monate alten Jungen auf einem Surfbrett in Begleitung seines Vaters. Von den Mitschwimmern gabs Applaus, von der Handan Swimming Association eine Auszeichnung. Von mir gibts die Prognose auf ein lebenslanges Kaltwassertrauma.
2) Junk Flipper
In Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, wurde ein Delphin mit akutem Nierenversagen ins Tierspital eingeliefert. Das Tier war erkrankt, nachdem es von Zoobesuchern regelmässig mit Junk Food gefüttert worden war.
1) E.T.?
Und es gibt sie doch, die grünen Männchen! Aus Wuhan wird jedenfalls von einem Herrn Cheng berichtet, der grün schwitzt! Herr Cheng findet diesen Umstand wenig lustig und liess sich sogar im Spital untersuchen. Die Experten hätten keine Ursache für seine farbige Körperflussigkeit finden können, hiess es weiter, nicht einmal “after a thorough wash”.
Heute will ich Ihnen von meinem Arbeitsweg erzählen. Genau genommen ist es ja ein Schulweg, der mich von meinem Zuhause im 37. Stock eines gigantischen Appartmenthauses an die Jiao-Tong-Universität führt.

Es ist nicht so, dass da jeden Tag Unglaubliches passiert auf meinem Arbeitsweg. Im Gegenteil. Es ist ein ganz normaler Arbeitsweg, wie ihn abermillionen Menschen auf diesem Planeten jeden Morgen unter die Füsse nehmen. Und genau darum will ich Ihnen davon erzählen. Ich glaube, dass es die ganz alltäglichen Dinge sind, die letztendlich das Lebensgefühl an einem fremden Ort ausmachen. Die Routine, die früher oder später einsetzt, und über die man sich irgendwann gar keine Gedanken mehr macht.
7:50 Uhr, 37.Stock. Es gibt zwei Lifte, die hinunterführen. Der eine war letztens während knapp zwei Wochen gesperrt. Wie kann ein Lift zwei Wochen lang gesperrt sein? Immer, wenn ich abends nach Hause kam, drängten sich ein halbes Dutzend Arbeiter in blauen Overalls in den geöffneten Liftschacht, mit Werkzeugen und Funzeln, und alle plapperten wild durcheinander. Es musste sich um eine äusserst komplizierte Aktion gehandelt haben.
Meistens ist der Lift leer, wenn ich ihn besteige. Und meistens riecht er nach irgendetwas. Nach Putzmittel, nach frittiertem Fisch oder altem Teppich. Dann hält er mehrmals auf dem Weg nach unten, und meine Nachbarn steigen zu. Eine Frau mit wirrem Haar und einem Husky. Zwei Männer mit müden Augen in Anzügen. Eine kleine Spanierin, die zur gleichen Uni geht wie ich. Eine Putzfrau mit rot gegerbtem Gesicht, mit Eimer und Besen.
7:52 Uhr, 1.Stock. Auf dem Weg nach draussen grüsse ich den Concierge unseres Gebäudes. Es gibt fünf Männer, die diesen Job in Schichtarbeit machen. Sie tragen schwarze Uniformen und sehen ein wenig aus wie Polizisten. Die Reaktion auf meinen Morgengruss ist je nach Person unterschiedlich. Einer schaut mich stets an, als hätte ich ihn gerade übel beschimpft. Ein anderer lächelt freundlich und sagt “nihaonihao”.
7:57 Uhr, Zeitungsstand. Ich kaufe die einzigen Tageszeitungen, die ich lesen kann: “China Daily” und “Shanghai Daily”, beide auf englisch. Beide politisch beeinflusst, klar, aber das stört mich nicht weiter. Ich weiss ja, was ich wie zu verstehen habe.

Hier wende ich zum ersten Mal mein Chinesisch an. Anstatt auf die Zeitung zu deuten, sage ich zur Kioskfrau “Ni hao, you mei you Shanghai ribao ma?” (Guten Tag, haben Sie “Shanghai Daily”?). Das ist nicht mal eine so blöde Frage, denn an manchen Tagen gibts die Zeitung nicht. Das Blatt kostet 2 Yuan (30 Rappen), und während ich zahle, schwört die freundliche Kioskfrau, mein Chinesisch sei nun aber viiiiel besser geworden seit gestern. Darauf muss man sich nichts einbilden. Spricht man ein paar Brocken, ist es ganz normal, dass die Leute einen für sein “unglaublich gutes Chinesisch” loben. “Na li, na li!”, sage ich dann. “Ach was, Blödsinn!”
8:01 Uhr, Quartierladen. “Huanying, huanying!” ruft die junge Frau an der Kasse, “Willkommen! Willkommen!”. Und dann noch irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich kaufe Kaugummi und eine Flasche gesüssten Grüntee. Und Baozi, mein Frühstück. Gedämpfte Brötchen mit Fleischfüllung. Ich pendle stets zwischen der Taiwan- und der Beijing-Füllung. Schmecken beide gut, und so ein heisses Fleischbrötchen aus dem Steamer ist ein himmlisches Frühstück. Es wird in einem kleinen, dünnen Plastiksäcklein gereicht. Gegessen wird auf der Strasse, im Gehen. Überall sind Menschen zu sehen, die ihre müden Gesichter in einem kleinen Plastiksäcklein vergraben haben, aus dem es dampft. Zmorge in China.
8:04 Uhr, Kreuzung 1. Ich muss mich konzentrieren, um weder von einem geräuschlosen Elektrovelo überrollt noch von einem Verkehrspolizisten angetrillert zu werden. Der Verkehr kommt aus allen Richtungen, und es gilt, mit dem Fluss zu gehen. Zwei Schritte vor, Velo passieren lassen, wieder zwei Schritte, Füsse zurückziehen, damit das Taxi passieren kann, ein Schritt zurück, der Bus kommt, hopphopphopp, bis zur Mitte, und dann im Rudel bis zur anderen Strassenseite.

8:05 Uhr, Kreuzung 2. Dasselbe nochmal.
8:08 Uhr, Busstation. Direkt an der Bushaltestelle gibt es ein kleines Geschäft, das Zigaretten und Softdrinks verkauft. Meist sitzt eine Frau auf einem klapprigen Stuhl davor und knabbert Melonenkerne. Sie betrachtet mich stets genau und kann (oder will) ihre unverhohlene Neugier nicht verbergen. Ich spüre die erste Hitze des Tages in mir aufsteigen und lehne mich gegen einen der vielen kahlen Bäume, die den Strassenrand säumen. Ein Bus kommt. Nummer 818. Ich habe keine Ahnung, ob ich den nehmen kann, es scheint mir, als habe der Bus jeden Morgen eine neue Nummer. Zum Glück muss ich nur zwei Stationen weit fahren, und die Strasse ist schnurgerade. Bisher ist noch jeder Bus, den ich an dieser Haltestelle genommen habe, am richtigen Ort angekommen. Die Leute drängeln. Das verstehe ich nicht. Anstatt zu warten, bis alle eingestiegen sind, kämpfen sich hier die besonders Wagemutigen schon in den Bus rein, bevor sich die Türe richtig geöffnet hat. Ich könnte es ja verstehen, wenn die Chauffeure ähnlich minutengestresst wären wie zu Hause in der Schweiz, aber lustigerweise ist genau das Gegenteil der Fall.
Der Buschauffeur hat eine Assistentin, die im hinteren Teil des Fahrzeugs sitzt und für die Kontrolle der Passagiere zuständig ist. Sie kassiert ein, sorgt aber auch dafür, dass jedermann einsteigen und aussteigen kann. Sieht sie beispielsweise jemanden heransprinten, während der Bus schon losfährt, brüllt sie durch den ganzen Bus, dass da noch jemand komme. Das stört auch die anderen Passagiere nicht im geringsten. Seelenruhe scheint hier eine Tugend zu sein.
Ich bezahle bar, das Ticket kostet 2 Yuan (30 Rappen), gleich viel wie die Zeitung und mein Frühstück, das Dampfbrötchen. Im Bus gibt es Schalensitze aus Plastik, die in der vorderen Hälfte des Busses seitlich zur Fahrtrichtung angeordnet sind. Auch hier gibt es ein Schild, das die Passagiere bittet, hinten auszusteigen. Auch hier sitzt der Chauffeur auf einem gefederten Sitz, der auf- und abhüpft, während er durch die Strassen donnert. “Bus” heisst auf Chinesisch übrigens “Gonggongqiche”. Ein lustiges Wort.

8:11 Uhr, Campus. Ich steige aus und muss eine letzte Strasse überwinden. In Zickzackbewegungen fädle ich mich in den Verkehr ein, laufe ein paar Schritte in Fahtrichtung mit, bis sich eine neue Lücke auftut. Dann passiere ich das Tor zur Uni, es gibt Wachpersonal und eine Barriere. Auf dem Campus blühen die Bäume, langsam versiegt der Lärm der Strasse. Aus den Kantinenküchen steigt Dampf auf, überall stehen Fahrräder herum. Eine Frau steht unter einem Baum und macht Tai-Chi-Übungen. Ein paar japanische Studenten stehen herum, in Basketballtrikots und Flip-Flops.
8:16 Uhr, Cafeteria. Ja, ok, Cafeteria ist übertrieben. Auf dem Areal der “International School” gibt einen kleinen Laden mit einer Nescafé-Maschine, die ziemlich abartigen Kaffee produziert. Aber Koffein muss rein am Morgen, da gibt es nichts zu machen. Der “kafei” kostet ebenfalls 2 Yuan. Für 8 Yuan, etwas mehr als einen Franken, habe ich also eine Zeitung, ein Dampfbrötchen, ein Busticket und einen Becher Kaffee bekommen. Nicht schlecht.
8:25 Uhr, Schulhof. Aus einem Lautsprecher plärrt eine irre Melodie. Sie soll klarmachen, dass es nicht mehr lange dauert, bis der Unterricht beginnt. Ich gehe ins Gebäude hinein und betrete das weiss getünchte Klassenzimmer. “Zaoshang hao!”, begrüsst mich die Lehrerin. “Guten Morgen!”. Ich grüsse zurück und setze mich an eines der viel zu kleinen Pulte.
An der Wand hängt eine Weltkarte, China liegt darauf in der Mitte.
Es ist doch alles eine Frage der Perspektive, denke ich, und suche die Schweiz. Sie liegt ganz weit links aussen, ist kaum zu erkennen. Mein Tischnachbar sieht meinen suchenden Blick und zeigt stolz auf ein riiiiesiges Land, das direkt neben China liegt. “Kazakhstan”, sagt er und grinst breit. “My home country.”
Heute war ich bei Carrefour einkaufen. Der französische Detailhändler ist einer von vielen ausländischen Multis, die hier Fuss gefasst haben und die inzwischen das Bild der Shopping-Meilen in den chinesischen Grosstädten prägen. McDonald’s und KFC sind hier, es gibt Kleider von H&M und C&A sowie überteuerten Kaffee von Starbucks.
Einkaufen bei Jia Le Fu (Familie, Glück, Wohlstand, so heisst Carrefour in China) ist aber mit Abstand meine Lieblingsbeschäftigung in Sachen Shopping. Die Filiale, die bei uns in der Nähe liegt, ist auf zwei Stockwerken gebaut, unten Non-Food, oben Esswaren.
Das Besondere an diesem Shopping-Erlebnis sind nicht unbedingt die Dinge, die es dort zu kaufen gibt (doch, ok, das auch), es sind die Leute, die man hier beim Einkauf beobachten kann. Während viele Ausländer hierher kommen, weil sie mal wieder die Sehnsucht nach Spaghetti Bolognese oder einem Schinken-Käse-Toast gepackt hat, ist die chinesische Kundschaft bunt gemischt. Viele mittelständische Familien kaufen hier ein, die Preise sind schliesslich deutlich höher als in den kleineren, lokalen Supermärkten, es gibt aber auch Leute, die ohne Wagen oder nur mit wenig Einkaufsgut durch die Gänge gondeln, und dabei werde ich jeweils das Gefühl nicht los, bei Carrefour handle es sich ganz einfach um ein verdammt spannendes Ausflusgziel. Schliesslich gibt es da laowais zu sehen, die Käse in Scheiben kaufen. Und teuren Wein. Und Deoroller für unter die Achseln. Unglaublich.
In der Non-Food-Abteilung beispielsweise gibt es stets Menschen zu sehen, die sich verhalten, als handle es sich beim Warensortiment um ihre Wohnzimmereinrichtung. Steht irgendwo ein Ping-Pong-Tisch, läuft bestimmt gerade ein hitzig geführtes Spiel darauf, und in der Nähe der Zweirad-Abteilung kann es schon vorkommen, dass man einem übermotivierten Radler ausweichen muss. Beim Küchenzubehör musste ich letztens einen grossen Bogen um ein Ehepaar machen, dass etwa drei Dutzend Kochtöpfe auf dem Boden ausgelegt (warum auch immer) und damit den gesamten Durchgangsverkehr zum Erliegen gebracht hatte.
Meine grossen Lieblinge sind aber die Pensionäre, die in der Sportabteilung Zeitung lesen oder ein Nickerchen machen.


Nicht, dass sich jemand darüber wundern würde. In solchen Dingen ist man ganz pragmatisch hier. Der Mann war halt grad müde, und hier steht ein Liegestuhl. Nadann.
In der Food-Abteilung geht es zwar etwas kultivierter zu als in meinem lokalen Supermarkt, aber auch hier gibt es eine Menge zu sehen. Fassunglos habe ich heute in der Fleischabteilung folgendes Spektakel verfolgt: Eine junge Chinesin, modisch gekleidet, mit einem crèmefarbenen Handtäschchen am Handgelenk, geht an einem grossen Tisch vorbei, auf dem, auf Eiswürfel gebettet, etwa einhundert frische Schweineschulterknochen liegen. Viele Leute kaufen hier blosse Knochen beim Metzger, um sie zu Hause als aromatische Suppeneinlage zu verwenden. Die Frau bleibt stehen, überlegt einen Moment, dann packt sie einen Knochen mit der blossen Hand und beginnt, ihn von allen Seiten zu begutachten. Sie dreht und wendet ihn, und ich sehe, dass die gesamte Handinnenfläche der Frau rot wird, vom Blut und den Fleischresten, die noch am Knochen dran sind. Die junge Frau scheint das nicht weiter zu stören. Sie begutachtet den Knochen ausgiebig, dann wirft sie ihn wieder hin und packt ein anderes Stück, das crèmefarbene Täschchen baumelt lustig hin und her. Schliesslich macht sie sich mit einem Knochen in der Hand auf zum Metzger, um ihn einpacken zu lassen.
Da bleibe ich doch lieber beim eingepackten Fleisch, denke ich, und erinnere mich etwas wehmütig an die gute Frau Püntener, die mir in der Migros das Pouletgeschnetzelte jeweils in einen Extraplastiksack eingepackt hat. Hygiene und so.
A propos eingepacktes Fleisch:

Als Snack für unterwegs kaufe ich eine kleine Packung Entenmägen (unten links), weil die so schön quietschen auf den Stockzähnen, während man auf die Metro warten muss. Ausserdem stelle ich fest, dass Reis in China (wohl um dem Klischee im Westen gerecht zu werden) nicht in 1-Kilo-Kartonpackungen, sondern in ziemlich grossen Eimern angeboten wird.

Unterwegs bemerke ich, dass mir ein etwas untersetzter Chinese schon seit längerer Zeit folgt und jedes Mal, wenn ich an einem Regal stehen bleibe, interessiert in meinen Wagen schielt. Dabei fällt mir die Theorie meines Kumpels Yaron ein, der behauptet, er werde bei Carrefour stets von Chinesen verfolgt, die, in einem Sicherheitsabstand von wenigen Metern, genau die gleichen Produkte kaufen würden wie er. Ich halte diese Theorie für Blödsinn und glaube vielmehr, dass es daran liegt, dass Yaron dem US-Schauspieler Colin Farrell ziemlich ähnlich sieht.
Sollte seine Theorie wider Erwarten doch stimmen, dann gibt es jetzt immerhin einen Chinesen (einen leicht untersetzten), der heute mit zwei Packungen Barilla-Spaghetti Numero Cinque, einem Glas Pesto Genovese, einer Flasche Jameson Irish Whiskey und zwölf Rollen Kleenex-Toilettenpapier (vierlagig) nach Hause ging.
Familie, Glück, Wohlstand. Dem Carrefour-Motto würde er damit gerecht.
Shanghai ist eine anstrengende Stadt, so viel kann ich nach zwei Monaten definitiv sagen. Dabei sind es weniger die kulturellen Differenzen zwischen China und der Schweiz, die mir das Alltagsleben manchmal schwer machen, sondern vielmehr der Grössenunterschied. Shanghai hat rund drei Mal so viele Einwohner wie die Schweiz, und das merkt man jeden Tag. Ruhige Flecken gibt es kaum, der Verkehr brummt ununterbrochen, und auch in Parks, Einkaufszentren, Restaurants und Museen ist man stets von unzähligen Menschen umgeben.

Die Distanzen sind selbst in der Innenstadt riesig, im Stossverkehr ist man schnell eine Stunde unterwegs, auch wenn man nur einen Kilometer zurücklegen will. Letztens stieg ich morgens in den falschen Bus, brauchte zwei Haltestellen, um es zu realisieren, und als ich endlich aussteigen konnte, war ich schon so weit vom richtigen Weg abgekommen, dass ich letztendlich mit fast 70 Minuten (!) Verspätung an der Uni eintraf.

Andererseits kann Shanghai sehr angenehm sein. Very convenient. Die Stadt nimmt, aber sie gibt auch. Taxis sind billig, auswärts essen ebenfalls, und die meisten Ausländer haben eine Ayi (wörtlich: Tante) angestellt, die putzt und kocht und einkaufen geht. Nur die wenigsten laowais müssen noch Hemden bügeln und Kartoffeln schälen, wenn sie entnervt, verschwitzt und abgekämpft von der Arbeit heimkehren.
Ein weiteres Stück Luxus, das Shanghai zu bieten hat, sind die unzähligen Massagesalons. Und ich spreche hier nicht von den rot beleuchteten ähm-Massagesalons, in die einen die ähm-Masseusen energisch hereinwinken, wenn man auf der Strasse vorbeigeht. Shanghai hat auch ganz normale Massagestudios, in denen man für wenig Geld den Stress der Arbeitswelt vergessen kann.
Frau Xie und ich gönnen uns etwa alle zwei Wochen eine Traditionelle Chinesische Massage (Tuina Anmo). Bei “Green”, dem Kneter unseres Vertrauens, kosten 70 Minuten Massage knapp 20 Franken, was selbst für ein mittelprächtiges Expat-Budget problemlos zu bewältigen ist.
Ist Ihnen aufgefallen, dass ich noch nie das Wort Erholung benutzt habe? Das ist Absicht.
Ich will Ihnen im Detail erklären, wie eine Traditionelle Chinesische Massage funktioniert (dort, wo ich hingehe, liebe Profiblogkommentierer, ich bin mir bewusst, dass es verschiedene Formen Traditioneller Chinesischer Massage gibt).

Es beginnt mit dem Umziehen. Man erhält einen Schlüssel und ein paar Finken und darf sich in einem Kämmerchen in einen glitschigen Seidenpyjama werfen. Seide hat den Vorteil, dass sie auf der Haut rutscht, darum darf man den Pyjama während der Massage auch anbehalten. Ich persönlich halte nicht sonderlich viel von diesem Outfit, die Hose hört bei mir (1,95 Meter, that is) direkt unterhalb der Kniescheibe auf und zudem muss ich permanent ein Hohlkreuz machen, um die Rückennaht der Jacke nicht zu zerreissen (nein, es gibt kein Foto davon).

Im Lokal drin ist es dunkel und still, hier und dort flackern ein paar Kerzen, grinst ein Buddha, plätschert ein Springbrunnen, und im Hintergrund verweben sich ganz leise ein paar Flöten, Zimbeln und Gongs zu einem ziemlich klischierten Klangteppich. Eine angenehme Abwechslung zum täglichen Höllenlärm Shanghais ist es allemal.
Die Masseure (meist sind es ein Mann und eine Frau, wobei es keine Regel gibt, wonach Frau Xie stets den Mann und ich die Frau abbekomme, das scheint wohl eher von den Präferenzen des Massagepersonals abhängig) führen einen dann in ein kleines Zimmer mit zwei Liegen, auf die man sich bäuchlings hinlegt, das Gesicht in einem gepolsterten Loch versenkt. Sofort wird der Gast mit warmen Seidentüchern zugedeckt, und wortreich nach seinem Wohlbefinden befragt, doch dann ist es auch schon vorbei mit dem Kuschelprogramm.
Die Show beginnt im Nacken. Wie eine Löwenmutter ihr Junges packt die kräftige Hand des Masseurs im Nacken zu und beginnt zu kneten, als gelte es die Wirbel zu zerbröseln. Panisch strahlen die Nerven ihre Signale in alle Himmelsrichtungen des Körpers aus, mich schaudert es zu Beginn beispielsweise immer im rechten Bein. Mit spitzen Fingern stolziert der Masseur danach die Wirbelsäule hinunter, bringt sein ganzes Gewicht mit ein, verharrt genau dort, wo es besonders weh tut, und kehrt stets in jene Regionen zurück, die man gerade erleichtert als abgehakt wähnte.
“You ok, Sir?”
Ja, Himmel, was soll ich denn darauf antworten? Ich will ja hier nicht den verweichlichten Ausländer raushängen, der nach fünf Minuten Daumenbohren schon um Gnade winselt.
“Yes, of course, no problem, thank you”, stammle ich atemlos, und stemme optimistisch einen Daumen in die Höhe.
Sofort vergräbt sich der gute Mann wieder in mein Fleisch, packt ganze Muskel auf einmal, presst sie, quetscht sie, greift unter mein Schulterblatt, dreht meinen Arm auf den Rücken, zieht, schiebt, schüttelt, klopft und reibt, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.
Bizarrerweise verspüre ich dabei eine masochistische Freude am Schmerz, es ist ja schliesslich für einen guten Zweck, und ausserdem weiss ich, dass ich in der folgenden Nacht wie ein Neugeborenes schlafen werde.
Jetzt ist der Kopf dran. Der Masseur tastet die Unterkante meines Schädels ab, Zentimeter um Zentimeter, er hakt seine Fingerspitzen richtiggehend ein, als wäre darunter ein Widerhaken verborgen, mit dem sich der Kopf aufklappen lässt wie eine Motorhaube. Zum Glück findet er ihn nicht. Der Kopf bleibt vorerst dran.
Seinen Frust darüber, dass er meinen Kopf nicht aufklappen konnte, lässt der Masseur jetzt an meinem Rücken aus, er stemmt sich mit voller Kraft darauf, sodass ich unfreiwillige Stöhnlaute von mir gebe und nur darauf warte, dass die Milz reisst (oder was auch immer sich da für ein Organ befindet). Als sich meine Wirbelsäule langsam auf meiner Bauchdecke abzuzeichen beginnt, höre ich die schwache Stimme von Frau Xie. Ihre Masseurin hat kurz das Zimmer verlassen (wohl um im “grossen Buch der sieben Gemeinheiten” ein paar neue Tricks nachzuschlagen), und sie hat den Kopf in meine Richtung gedreht, die Augen weit aufgerissen.
Sie sagt: “Boah, hat die mir jetzt das Filet durchgewirkt.”
Ich versuche zu lachen, werde aber sofort mit einem Nierendämpfer bestraft. Es folgen das Gesäss, die Beine und die Füsse, dann endet die erste Halbzeit mit wilden Beinfiguren, die mich an die Greco-Ringer des RC Willisau erinnern.
Danach ist die Vorderseite dran. Zuerst das Gesicht. Gekonnt presst der Mann seine Finger auf meine Stirn, auf die Schläfen und in meine Augenhöhlen. Auch meiner Kopfhaut widmet er sich ausgiebig. Da er mich jetzt direkt ansieht, muss ich auf die Grimassen verzichten, die ich mit dem Gesicht nach unten noch vollführen konnte. Ich halte still, denke an eine sanfte Blumenwiese und leide.
Nachdem Arme und Beine auch von vorne durchgeknetet sind, werde ich gebeten, mich aufrecht hinzusetzen. Es folgt eine letzte Einheit. Noch einmal Nacken und Schultern. Der Masseur stemmt sein Knie in meinen Rücken und zieht meine Arme nach hinten, ich sehe aus wie Kate Winslet auf dem Bug der Titanic.
Dann ist fertig. Liebevoll verabschieden sich die filigranen Gestalten von uns, und wenn man sie so da stehen sieht, glaubt man kaum, welche Kraft sie aufzubringen vermögen. Es wird aromatisiertes Wasser gereicht, wir bleiben noch für ein paar Minuten sitzen.
Das Gefühl nach der Massage ist toll. Da die Traditionelle Chinesische Massage sich auch auf die Energielaufbahnen (Meridiane) konzentriert, scheint der ganze Körper, obwohl angenehm entspannt, wie elektrisiert. Man nimmt die Bewegungen intensiver wahr, fühlt sich ruhig und trotzdem energiegeladen. Wer dieses Gefühl einmal gespürt hat, weiss, dass man dafür ein wenig leiden muss.
Von nichts kommt eben nichts. Auch in China nicht.
—–
Die Webistes von Green Massage und (der ebenfalls sehr populären Kette) Dragonfly finden Sie hier.

Lukas Hadorn ist Journalist und lebt in Shanghai. Für Blick.ch schildert er (unter seinem chinesischen Namen Lu Hai Rui) seine Eindrücke aus China im Vorfeld der olympischen Spiele von Peking. Mehr von ihm lesen Sie in seinem chinablog.ch.
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- Nachtrag - 25.05.
...zu meinem letzten Eintrag.
- Summer in the City - 22.05.
Es gab da schon ein paar Dinge, denen ich mit mulmigen Gefühlen entgegenblickte, als ich mich dazu entschloss, nach China auszuwandern.
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