Britischer Europa-Gegner Nigel Farage: «Für die EU bin ich eine biblische Plage»

ZÜRICH - Grossbritannien stimmt über die EU ab. «Wegen mir», sagt Nigel Farage, der radikale Vorsitzende der Unabhängigkeitspartei.

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Herr Farage, Sie sind Brite, verheiratet mit einer Deutschen – eine perfekte europäische Union.
Nigel Farage: Ja, wir haben Geschlechtsverkehr für Europa!

Dabei kämpfen Sie seit 20 Jahren gegen die EU. Warum nur?
Was hat die EU für Europa getan? Nichts! Eine Gruppe ehrgeiziger, machtversessener Irrer will die Demokratie zerstören. Sie hält Europa als Geisel. Ich habe nie über die EU abgestimmt, die Deutschen nicht, die Franzosen nicht. Hat irgendjemand je darüber befunden, dass wir unsere Nationalstaaten und die Identität aufgeben? Nein.

Sie wollen Europa zerstören?
Völlig falsch. Ich liebe Europa, ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt. Es ist für mich aber grauenhaft, homogenisiert, harmonisiert und sogar pasteurisiert zu werden – allein für eine europäische Identität.

Hier in Zürich legte Ihr Landsmann Winston Churchill 1946 in einer Rede die Grundlage für ein geeintes und friedliches Europa.
Er sagte in Zürich klipp und klar, die Briten sollten nicht mitmachen. Sein Ziel war es, die Deutschen zu bändigen. Zumal sie in 70 Jahren drei Kriege losgetreten hatten.

Churchills Plan ging auf. Seit 1945 startete kein EU-Land einen Krieg.
Churchill irrte. Er glaubte, die Nationalstaaten seien schuld an den Kriegen. Deshalb wollte er sie alle auflösen.

Die Nationalstaaten gibt es noch, seit 68 Jahren herrscht Frieden.
Mit der EU hat das nichts zu tun. Der Mangel an Demokratie führt zu Krieg. Frieden herrscht in Europa, weil die Deutschen keine Lust mehr auf Krieg hatten – und weil sie eine stabile parlamentarische Demokratie sind. Die Nato wahrt zudem den Frieden – und die Abschreckung mit nuklearen Waffen. Wegen der EU fangen die Europäer jetzt wieder an, sich zu hassen.

Die EU bemüht sich derweil redlich, Konflikte anderswo zu entschärfen. In Nordafrika …
… nächste Woche treffen sich Europas Verteidigungsminister, um zu beraten, wie viele britische Soldaten bald nach Mali sollen. Ich sage: Kein einziger soll da hingehen!

Warum nicht? Truppen halten islamische Terroristen im Zaun, damit sie Europa fernbleiben.
Für dieses Ziel müssten Sie jeden Europäer im Alter von 18 bis 40 Jahren einziehen und den blutigsten Krieg aller Zeiten führen. Es ist Zeitverschwendung. Jeden Taliban, den wir töten, ersetzt sofort ein Teenager. Mich sorgt, wie hungrig die EU nach Militäreinsätzen ist. Seit Bosnien ziehen Europäer freudig in jeden Krieg. Dabei muss Krieg immer ein letztes Mittel sein. Britische Truppen waren länger in Afghanistan als zusammengezählt im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Was haben sie dort erreicht? Nichts!

Sie besuchen oft die Schweiz. Was lernen Sie hier?
Die Luft ist hier sauberer – weil das Land nicht in der EU ist. Mir als Rebellenführer gefällt sehr, dass die Schweizer ihre Politiker ignorieren.

Die Schweiz fühlt sich als Nicht-EU-Mitglied zunehmend isoliert.
Ach was! Bei uns heisst es immer, 63 Millionen Briten seien zu wenig für einen Alleingang. Die Schweiz ist sehr viel kleiner, und doch hat sie mehr Handelsbeziehungen zu globalen Wirtschaftsmächten als die EU-Mitglieder – denn sie ist frei.

Der Alleingang macht die Schweiz zur Zielscheibe der EU.
Die Schweizer müssen eines verstehen: Die Bosse in Brüssel verachten euch. Die Bosse in Brüssel hassen die Schweiz. Sie wollen sie zum Verschwinden bringen. Sie beweist, dass es einem ausserhalb der EU sehr gut gehen kann. Das passt Brüssel nicht. Leider war die Schweizer Regierung zuletzt schwächlich.

Jetzt fordern Sie starke Politiker?
Nein. Ich sage nur, die Schweiz sollte sich nicht tyrannisieren lassen. Es besteht aber kein Grund zur Sorge: Der EU stehen zehn Jahre der Misere bevor. Sie wird ums Überleben kämpfen. Hart mit der Schweiz zu sein, hat da keine Priorität mehr.

Was sind die Prioritäten?
Die EU wird um ihre Währung kämpfen müssen. Dann ist letzte Woche dieser kleine Geist aus der Flasche gekrochen, auf den ich 20 Jahre gewartet habe. Der Geist ist das grössere Probleme als der Euro.

Sie reden vom Referendum über die EU-Mitgliedschaft, das Premier Cameron angekündigt hat.
Er trat eine Debatte los, die wir gewinnen. Wir Briten reden darüber, ob es die EU wirklich braucht. Bald folgen andere Länder. Ohne unsere Partei wäre all das nie passiert. Wir sprachen das Unaussprechliche aus. Für die EU bin ich ein Albtraum, eine Plage von biblischem Ausmass!

Sie sind stolz, extrem zu sein?
Extrem? Ich habe immer nur gesagt, dass wir unser Land alleine regieren wollen, in einer Demokratie.

Tritt Grossbritannien aus der EU, zerfällt das Land. Schotten, Nordiren und Waliser wollen bleiben.
Völlig falsch. Cameron stellt die schottische Debatte auf den Kopf. Von einem künftig unabhängigen Schottland würde die EU die Übernahme des Euro fordern. Daher will nur noch einer von fünf Schotten unabhängig sein.

Was wird passieren, wenn Grossbritannien aus der EU austritt?
Dann zerfällt die EU. Was ausgesprochen aufregend ist für mich. Genau das fürchten die Deutschen. Merkel weiss: Gehen die Briten, geht ganz Skandinavien. Und sie weiss, dass sie Griechenland um jeden Preis im Euro halten muss. Treten die Griechen aus, folgen bald schon Spanien, Italien und Portugal.

Statt Europa sollen die Briten wieder mehr Amerika folgen?
Auf keinen Fall. Ich möchte die Beziehung zu den Amerikanern lockern. Es sind unsere Freunde, aber die US-Aussenpolitik schadet uns.

Dann begrüssen Sie die Isolation?
Nein, wir haben etwas viel Besseres: das Britische Commonwealth.

Ein Relikt des verlorenen Empire!
Überhaupt nicht. Das Commonwealth entwickelt sich prächtig, ist ziemlich sexy. Mit zwei Milliarden Menschen, die alle Englisch reden und ähnliche Rechts- und Buchhaltungssysteme haben. Das vereinfacht und vergünstigt den Handel stark. Für die Briten will ich eine globale Zukunft, keine europäische.

Wie kommen Sie dorthin?
Mittels einvernehmlicher und rascher Scheidung von der politischen Union – nicht nur für uns Briten. Europa soll die politische EU verlassen. Es ist ein schlechtes Projekt. Freibleiben soll nur der Handel.

Für Liberale gehört zum freien Handel freier Personenverkehr.
Selbst der klassische Liberale Milton Friedman hielt freien Personenverkehr zwischen armen und reichen Ländern stets für unmöglich.

Ihre Partei will liberal sein – und diskriminiert doch Ausländer.
Mein Vorbild sind die Australier. Sie diskriminieren nicht geografisch, sondern aufgrund der Begabung. Zu uns soll kommen, wer etwas kann, nie kriminell war, keine lebensbedrohende Krankheit hat. Sozialleistungen gibt es erst, wenn einer fünf Jahre Steuern zahlte.

Sie überlebten einen Flugzeug-Crash. Wie hat Sie das geprägt?
Mir ist es noch egaler, was andere über mich denken. Der Crash machte mir klar: Wir leben wirklich nur einmal – und müssen das Beste daraus machen. Meine Enkel sollen in Geschichtsbüchern mal lesen, dass ich in England eine Revolution gestartet hatte und ganz Europa mir folgte. Noch immer trinke und rauche ich, bin ein totaler Fatalist.

Publiziert am 03.02.2013 | Aktualisiert am 04.02.2013

Der pöbelnde Anti-Euro-Krieger

Er gilt als unermüdlichster Kämpfer gegen die Europäische Union. 1992 verliess der Brite Nigel Farage (48) die Konservative Partei, weil Premierminister John Major den Maastrichter Vertrag unterzeichnete. 1993 Jahr gründete er die UK Independence Party (UKIP). Die liberal- konservative Partei strebt den EU-Austritt Grossbritanniens an. Bei den letzten Europawahlen holte seine Partei 16,5 Prozent der Stimmen. Auf nationaler Ebene ist ihm Erfolg vergönnt. «Das Wahlrecht benachteiligt uns», erklärt der Vater von vier Kindern. «Der Spiegel» nannte ihn «Anti-Euro-Krieger», stellte Farage gleich mit Rechtspopulisten wie Hollands Geert Wilders oder der Französin Marine Le Pen. «Ich bin liberal», sagt er. «Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun.» Er kenne die Schweizer SVP-Spitze. «Wir arbeiten aber nicht zusammen.»

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  • Dan  Werker 04.02.2013
    So weit ist es schon gekommen. Wer sich für mehr Demokratie einsetzt muss sich vorwerfen lassen zu extrem zu sein...
  • Wasser  Fluh , via Facebook 03.02.2013
    Danke, dass Blick mal einem ehrlichen Politiker Gehör verschafft!
  • Stef  Wälti aus Fehri
    03.02.2013
    Meine Mum und ich sind GROSSE Farage-Fans!!! ER sagt genau das Richtige über die EU, er ist der beste Politiker den es überhaupt gibt. Die EU ist nichts anderes als ein Fass ohne Boden und das unsere Politiker dies nicht begreifen und es wirklich noch welche gibt, die diesen Zirkus noch mitmachen wollen, ist unverantwortlich.
  • yvo  ovi 03.02.2013
    Das sollte uns Schweizern doch richtig Mut machen, dass wir bislang auf dem richtigen Weg waren!? Leider aber haben wir aber 7 kleine und verschlafene Zwerge welche uns anführen und immer schön lächeln.
  • Lukas  Müller aus Zürich
    03.02.2013
    Wer ist es eigentlich, wer immer mit dem Beitritt zur EU liebäugelt in der Schweiz: RICHTIG: SP/Grüne....und jetzt will die EU uns auch noch ruinieren....hoffentlich bekommen die SP und die Grünen bei den nächsten Wahlen einen horrenden Denkzettel!!