BLICK-Autor Peter Hossli traf Fidel Castro 1993 in Kuba Feuchte Haut, schlabbriger Händedruck

HAVANNA/ZÜRICH - Autor Peter Hossli traf Fidel Castro im Dezember 1993. Er erlebte einen Diktator, der hinter hohen Mauern schlemmt, während sein Volk darbt.

Treffen mit Fidel Castro: Blick traf den Máximo Lider 1993 auf Party play

Fidel Castro bei einem Besuch in Paris am 15. März 1995.

Reuters/Charles Platiau

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Ihr droht lebenslange Haft 17-Jährige vergewaltigt jungen Mann
2 Papa hat sich vertwittert Trump lobt die falsche Ivanka
3 Wegen Brexit UBS könnte 1000 Jobs aus London abziehen

Ausland

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
8 Kommentare
Fehler
Melden

Nein, sagt mir der junge Kubaner, «im ganzen Land gibt es keine Kühe». Deshalb gebe es in Havanna weder Milch noch Käse. Brot? Dafür steht er täglich zwei Stunden an. Was er danach erhält, schmeckt wie Karton. Reis? Ist knapp. Fisch? Schwimmt zwar im Meer, gelangt aber nicht auf die Teller.

Selbst ausgestattet mit amerikanischen Dollar und Schweizer Kreditkarte ist es im Dezember 1993 schwierig, in der kubanischen Hauptstadt etwas zu essen. Die Zuckerinsel, einst der Juwel der Karibik, darbt.

Es sei denn, man heisst Fidel Castro.

Fest im Palacio de la Revolución

Havanna feiert das 15. Festival des lateinamerikanischen Films. Für den «Tages-Anzeiger» berichte ich darüber. Der Comandante en Jefe – wie Castro alle nennen, der Oberbefehlshaber der Armee – lädt Journalisten, Schauspieler und Regisseure gegen Ende des Festivals in den Palacio de la Revolución.

Treffen mit Fidel Castro: Blick traf den Máximo Lider 1993 auf Party play
Souvenir aus dem Jahr 1993: Die Akkreditierungskarte des Autors. Privatarchiv Peter Hossli

 

Vor dem Prunkgebäude mit den dicken Säulen flattert eine riesige kubanische Flagge. Drinnen hängen Kronleuchter an der Decke, gut genährte Soldaten bewachen die Säle.

Auf dem Buffet liegen Berge von Lebensmitteln: frische Früchte, Fleisch, Fisch, Reis, Brot und Käse, «aus kubanischer Milch», sagt ein Koch und grinst. Endlich werde ich satt.

Kaum ist eine Schale leer, füllt er sie nach. Rum fliesst, dicke Zigarren machen die Runde. Es gibt Mojitos, «todo se puede beber», so viele, wie man trinken mag.

Grüne Uniform, brauner Bart

Ein Gedanke nagt: Das Volk hungert, während der Diktator hinter hohen und dicken Mauern schlemmt.

Kreischende Stimmen blasen den Gedanken weg. Drei Stunden hat Fidel Castro Filmemacher und Journalisten und Mojitos warten lassen. Wie ein Rockstar betritt er nun den Saal, traditionell gekleidet in der grünen Uniform, auf dem Kopf ein Käppi, im Gesicht ein dichter brauner Bart. Ein Revolutionär – und ein lebendiges Klischee.

Rasch bildet sich eine Menschentraube um den damals 67-jährigen Fidel, die Bodyguards lassen vieles zu. Smartphones gibt es noch keine. Statt für Selfies zu posieren, drückt der Comandante Hände, küsst Frauen auf Wangen, winkt.

 

Schlabbrig und gleichgültig

Natürlich gehe ich auf ihn zu. Plötzlich steht er vor mir – wow, eine historische Figur. «Soy un periodista suizo», sage ich, damals 24 Jahre alt. Irgendwie tief beeindruckt, fällt mir nicht mehr ein, blicke Castro aber direkt Gesicht.

Er streckt mir die Hand hin, ich greife zu, von ihm kommt: nichts. Schlabbrig-gleichgültig hält er die Hand hin. Sie ist feucht und warm. «Bienvenido a Cuba», sagt Fidel und geht weiter.

Ich wische mir die Hand an der Hose ab. Nach einer halben Stunde zieht sich Castro zurück. Und hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Der Händedruck des Máximo Líder ist feucht, weich und alles andere als zupackend. Während er wie im Schlaraffenland lebt, hungert sein Volk.

Erst später realisierte ich, wie vielsagend die Begegnung in Havanna war. Die Revolution, die Castro 1956 mit Che Guevara, Camilo Cienfuegos und Bruder Raúl Castro lostrat, war längst gescheitert. Vor mir stand ein gescheiterter Mann.

Das Volk hat ihn durchschaut

Sicher, er hatte das Land von einem geldgierigen Diktator Fulgencio Batista befreit.

Doch längst war Castro selbst ein Diktator geworden. Misswirtschaft und Kommunismus hatten zu einer prekären Versorgungslage geführt. Castro gab der Blockade der USA die Schuld für die missliche Lage – und lebte gleichzeitig in Saus und Braus.

Das Volk hatte ihn durchschaut. Jeden Tag würde er in einem anderen Haus übernachten, im Bett einer anderen Frau, erzählten mir im Dezember 1993 viele Kubaner. Es war Abscheu, nicht Bewunderung. Die Menschen? Gezeichnet vom Stress des Alltags.

Er wolle ihm die Kehle durchschneiden, sagte mir ein Kubaner. «Aber sag das niemandem, an jeder Ecke lauert der Geheimdienst.» Er hatte nur ein Ziel: «Kuba so schnell wie möglich zu verlassen.»

Angst prägte Kuba, nicht die Freude, über die Revolutionsromantiker so gerne berichteten. Von all dem wollte Fidel Castro nichts wissen.

Publiziert am 26.11.2016 | Aktualisiert am 29.11.2016

Kuba unter den Castros – ein Rückblick

1. Januar 1959: Kubas diktatorischer Präsident Fulgencio Batista flieht. Sieben Tage später feiern Fidel Castros Truppen den Einzug in die Hauptstadt Havanna.

16. Februar 1959: Castro erklärt sich zum Ministerpräsidenten Kubas.

17. Mai 1959: Castro unterzeichnet die Agrarreform, die den privaten Landbesitz der Bauern begrenzt und damit Grossgrundbesitzer enteignet.

Februar 1960: Kuba unterzeichnet ein erstes Handelsabkommen mit der Sowjetunion.

Juni 1960: Die ersten US-Unternehmen auf Kuba werden verstaatlicht.

15. April 1961: Castro verkündet den «sozialistischen Charakter» der Kubanischen Revolution. Zwei Tage später beginnt die Invasion der von den USA unterstützten Exilkubaner in der Schweinebucht, die innerhalb von 72 Stunden von den kubanischen Truppen niedergeschlagen wird.

7. Februar 1962: Die USA verhängen ein totales Embargo über den Handel mit Kuba.

Oktober 1962: Die «Kubakrise» als Konfrontation der Supermächte USA und Sowjetunion bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs.

3. Oktober 1965: Gründung der Kommunistische Partei Kubas. Fidel Castro wird erster Generalsekretär, sein Bruder Raúl Vize.

13. März 1968: Kubas Führung beschliesst die Verstaatlichung aller Einrichtungen, die sich noch in kubanischem Privatbesitz befinden.

1972: Kuba schliesst sich dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, der internationalen Organisation sozialistischer Staaten an.

1976: Mit einer Verfassungsreform wird Fidel Castro gleichzeitig zum Regierungschef und Staatsoberhaupt Kubas.

1990: Angesichts des zerfallenden Ostblocks setzt Kuba ein wirtschaftliches Notfallprogramm auf.

August 1993: Reformen sollen die Wirtschaftskrise abschwächen. Unter anderem wird die Arbeit auf eigene Rechnung und der Besitz von Dollars als Zahlungsmittel erlaubt.

Juni 2004: Die USA verschärfen ihr Embargo.

31. Juli 2006: Fidel Castro gibt die Führung aus gesundheitlichen Gründen an seinen Bruder und Vize Raúl ab - zunächst nur vorläufig.

18. Februar 2008: Fidel Castro tritt endgültig ab, Raúl wird kurz darauf Staatsoberhaupt und Regierungschef.

Mai 2010: Raúl Castro startet einen Dialog mit der katholischen Kirche, in dessen Folge 124 politische Gefangene freikommen.

11. Juli 2010: Erstmals seit vier Jahren tritt Fidel Castro in Havanna wieder öffentlich auf.

Oktober 2010: Die Regierung erlaubt die Gründung von kleinen Privatgeschäften in rund 180 verschiedenen Berufen.

April 2011: Raúl Castro kündigt Wirtschaftsreformen an. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen.

Oktober 2012: Die Regierung kündigt mehr Reisefreiheit an.

24. Februar 2013: Raúl Castro gibt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit bekannt, dass er die Präsidentschaft 2018 abgeben wird.

17. Dezember 2014: Kuba und die USA verkünden die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen nach über 50 Jahren Unterbrechung. Die Vereinbarung zwischen Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama wird weltweit als Meilenstein gefeiert.

22. März 2016: Als erster amtierender US-Präsident seit fast 90 Jahren besucht US-Präsident Barack Obama Kuba.

20. April 2016: Fidel Castro zeigt sich noch einmal auf dem Kongress der Kommunistischen Partei und sinniert über seinen eigenen Tod: «Wir alle kommen an die Reihe.»

13. August 2016: Fidel Castro wird 90 Jahre alt.

25. November 2016: Fidel Castro stirbt im Alter von 90 Jahren in Havanna.

teilen
teilen
0 shares
8 Kommentare
Fehler
Melden

TOP-VIDEOS

8 Kommentare
  • Lilian  Hug 26.11.2016
    Und wo findet man denn heute, noch lebende Staatsoberhäupter, die es sich im Schlaraffenland gut gehen lassen und vor lauter Geld zählen müssen, ihr Volk der Armut übergeben? Über Tote ein Urteil zu fällen ist einfach. Wie wäre es, solche Zeitgenossen noch zu Lebzeiten mit ihren Defiziten zu konfrontieren?!!!
  • Reto  Hauser 26.11.2016
    Bravo Herr Hossli: Sie haben ihn durchschaut. Natürlich jammern jetzt die unbelehrbaren Alt-Stalinisten. Castro war - so hehr seine Ziele zu Beginn auch waren - ein Diktator, der sein Volk hungern, Zehntausende hinrichten oder einsperren liess und Hunderttausende in die Flucht trieb. Aber eben: Naive Ewiggestrige wollen nicht von ihrem Helden lassen.
    • Wilhelm  Hess 27.11.2016
      Warum gehen so viele schon Jahre nach Cuba in die Ferien ???Um dem armen Volk den Resten weg zu fressen da es sehr billig ist.Der Mensch ist ob Ganz oben oder unten Eine Bestie die gerne auf anderen runter schauen und sie ausnützen.
    • Felix  Kübler aus Schlieren
      27.11.2016
      @Herr Hess
      Schmerzt es nicht, so ihren Frust loszuwerden !!!
      In Kuba hungert niemand (auch wenn es nicht immer einfach ist das Essen zu finden, aber viele Menschen können den ganzen Tag dazu aufwenden) und das Essen für Touristen ist KEINESWEGS billig.
  • Thomas  Zürcher 26.11.2016
    Hut ab vor Fidel Castro dem unbeugsamen Revolutionär. Auch wenn er ein kommunistischer Diktator war, so wollte er immer aus ideologischer Überzeugung das beste für sein Land und für die Menschen dort erreichen. Dafür hat er fast ein Leben lang gekämpft selbst gegen die Weltmacht USA.Fidel Castro hat Generationen von jungen Leuten geprägt,war ihnen Vorbild oder aber abschreckendes Beispiel.Er war eine der dominierenden und umstrittensten politischen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts.
  • Lucio Silva  Safnanno aus San Vito Lo Capo
    26.11.2016
    Fidel Castro war einer der 10 hervorragensten Staatschefs ever, da kann keiner kommen und diese Tatsache versuchen zu verkehren mit blöden Aussagen von schlabbrigem Händedruck, das hatte wahrscheinlich eher der P. Hossli vor Aufregung und nasse Hosen dazu.
  • ueli  christen 26.11.2016
    Nun hat der allwissende Hossli, nach Trump, wieder einen gefunden über den lästern kann. Dabei vergisst er diesmal, dass die linke genau diesen komunissmus will.