
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
play
Die Geiselhaft Am vergangenen Wochenende erzählte Ingrid Betancourt in Paris dem «Stern» von ihrer Zeit als Farc-Geisel. (AP)
Ingrid Betancourt über ihren ersten Schlaf in Freiheit: Unbeschreiblich – der einfache Flugzeugsitz war zehntausendmal bequemer als alles, was ich in über sechs Jahren im Dschungel erlebte.
... über den schlimmsten Moment ihrer Gefangenschaft.
Als ich nach meiner Befreiung im Heli sass, sah ich auf den dichten Dschungel hinunter und sagte mir: All dieser Horror (bricht in Tränen aus), all das ist da unten geblieben. Darüber spreche ich nicht mehr.
... über ihren schlimmsten Peiniger Enrique:
Man nannte ihn auch Gafas (die Brille), ein Künstler der Grausamkeit, dessen ganze Intelligenz allein dem Bösen diente. Manchmal dachte ich, dass der Teufel im kolumbianischen Dschungel wohnt.
... über die jahrelange Flucht vor der kolumbianischen Armee:
Wir hatten Zelte dabei, Hängematten, Moskitonetze, Isomatten und jeder ein Handtuch. Pro Monat gab es eine Seife. Damit mussten wir unsere Kleider, die Haare und den Körper waschen. Auch Talkum-Puder haben wir bekommen, unerlässlich im Dschungel, denn aufgrund der hohen Feuchtigkeit hatten alle dauernd Fusspilz. Ich litt auch an chronischem Durchfall und Malaria.
... über die medizinische Versorgung:
Ich bekam Medikamente, aber schlechte. Einmal bekam ich ein Mittel, das mich mehr mitnahm als die Malaria selbst und meine Leber schädigte.
... über die Bestrafung nach der Flucht aus dem Camp:
Es war schrecklich. Nach meinem letzten Fluchtversuch – er dauerte eine Woche – wurde ich drei Tage lang mit einer Kette um den Hals stehend an einen Baum gebunden.
... über den Tod ihres Vaters:
Die Umstände, unter denen ich von seinem Tod erfuhr, waren schrecklich. Eines Tages brachte man uns Gemüse – Kohlköpfe, eingewickelt in Zeitungspapier. Ich nahm die Blätter und freute mich, endlich wieder etwas zu lesen zu haben. Da sah ich das Foto eines Priesters, umgeben von Fernsehkameras vor einem Sarg. Beim Lesen der Bildunterschrift wurde mir klar, dass dies die
Beerdigung meines Vaters war.
... über die Tiere im Dschungel:
Die Grossen, Ozelot und Puma, machen einem Angst, verhalten sich aber eher freundlich. Wirklich gefährlich sind die Schlangen. Meine Kameraden hatten Angst vor ihnen, mich faszinierten sie. Ich fasste sie gern an, das ist vielleicht meine Art, den Tod zu bekämpfen.
... über Gedanken, dem Leiden ein Ende zu setzen.
An einem bestimmten Punkt war ich nicht mehr Herr meiner selbst, hatte einfach keine Kraft mehr, lag in meiner Hängematte und kam nicht mehr hoch. Meine Kameraden mussten mich tragen. Ich wusste, dass es schlimm um mich stand. Einer von uns ist auf diese Weise gestorben. Sie haben einfach ein Loch gegraben.»
... über die Kraft, dies alles doch zu überstehen:
Der Glaube an Gott ist da das Einzige, was einen davon abhält, seine Würde zu verlieren. Wenn du die spirituelle Kraft hast, hältst du deinen Verstand unter Kontrolle.
... über ihre grösste Kränkung:
Die permanenten Erniedrigungen. Alles muss bewilligt werden. Du willst zur Toilette – also bitte um Erlaubnis. Du willst mit einem Aufseher sprechen – bitte um Erlaubnis. Das gilt auch für Gespräche mit anderen Geiseln. Radio hören – wo ist die Erlaubnis? Du willst eine Zahnbürste, Zahnpasta, Seife – alles muss verhandelt werden. Der Guerillakämpfer ist der Chef.
... über Kontakt zur Aussenwelt:
Über das Radio hat meine Mutter all die Jahre zu mir gesprochen. Sie begann ihre Botschaften immer mit dem gleichen Satz: «Ich weiss nicht, ob du mir zuhörst, ich kann es nur hoffen.» Mama begann zu sprechen und ich tat so, als würde ich ihr anworten. Sie sagte mir: «Ich hoffe, es geht dir gut und dir ist nicht kalt.» Und ich antwortete: «Doch Mama, mir ist kalt, sehr kalt, ich friere.»
... über die Radiostationen, die ihren Tod meldeten:
Das war bizarr. Ich sagte mir immer: «Mein Gott, gib meiner Familie zu verstehen, dass nicht ich
leiden muss, sondern sie.» Das Leiden meiner Familie war für mich unerträglich. Wenn Mama im Radio weinte und ihre Stimme zitterte, wurde ich wütend. Ich wollte, dass sie stark ist, damit ich stark sein konnte.
... über die Nachrichten, die sie am meisten bewegten:
Das war die Fussball-WM vor zwei Jahren. Ich habe geheult, als Frankreich verlor.
... über den Kopfstoss von Zinedine Zidane:
Den habe ich geliebt. Ich hätte das ganz genauso gemacht. Alle, die ihn kritisiert haben, waren mir
unsympathisch. Die WM hat uns Gefangene gegeneinander aufgebracht. Da gab es die «Pro Ingrid»-Fraktion, die für Frankreich war, und die «Partisanen» Italiens.
... über die Frage Befreiung oder Freikauf:
Ich weiss es nicht. Gafas war sicher nicht im Bilde. Sein Gesichtsausdruck im Moment seiner Festnahme will mir nicht aus dem Kopf gehen. Auf seinem Antlitz standen Scham, Hass und Schrecken.
... über die Angst, in ein Loch zu fallen, wenn der Rummel vorbei ist:
Bestimmt kommt dieser Moment, aber dann werde ich nicht in einen Abgrund fallen, sondern in die Arme meiner Kinder.