Betancourt ist frei!

  • Aktualisiert am 20.01.2012

BOGOTA – Ihr Alptraum ist zu Ende: Nach mehr als sechs Jahren ist Ingrid Betancourt - zusammen mit 14 weiteren Geiseln - aus den Fängen der FARC befreit worden.

Nach ihrer Ankunft auf einem Militärflughafen in Bogotá am Mittwochnachmittag (Ortszeit) fiel die 46-Jährige Betancourt als erstes ihrer Mutter Yolanda Pulecio und dann ihrem Mann Juan Carlos Lecompte in die Arme.

Bei einer Ansprache sagte Betancourt, die gesundheitlich in erstaunlich guter Verfassung zu sein schien, auf Spanisch und Französisch: «Ich danke Euch Kolumbianern. Ich danke Euch Franzosen und allen, die mich weltweit begleitet haben».

Details zur raffinierten Aktion

Die Befreiung fand in einem Waldgebiet des Verwaltungsbezirks Guaviare im Südwesten des Landes statt, wie der kolumbianische Verteidigungsminister Juan Manuel Santos auf einer Pressekonferenz sagte. Seinen Angaben zufolge war es gelungen, eigene Leute in den «obersten Zirkel» der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) einzuschleusen.

Da die Geiseln zunächst in drei Gruppen aufgeteilt worden seien, hätten die Undercover-Agenten zunächst mit einem gefälschten Befehl von FARC-Chef Alfonso Cano bewirkt, dass die Geiseln wieder zusammengeführt wurden.

Die eingeschleusten Agenten machten den FARC-Rebellen demnach zudem glaubhaft, Cano habe den Transport der Geiseln in den Süden des Landes angeordnet. Daraufhin wurden die Gefangenen laut Santos in einen Helikopter verfrachtet, der in Wirklichkeit der Armee gehörte und in dem sich kolumbianische Geheimdienstagenten befanden.

Betancourt: «Ein Wunder»

Auch Betancourt äusserte sich zum Verlauf der Befreiungsaktion: Sie und die 14 weiteren befreiten Geiseln hätten nicht gewusst, dass es sich bei der Besatzung des Helikopters um in die Rebellen- Gruppe eingeschleuste Agenten der kolumbianischen Armee gehandelt habe.

Die Soldaten seien wie die Guerillas gekleidet gewesen und hätten wie sie gesprochen. Erst als der Helikopter in der Luft war, habe einer der Soldaten gesagt: «Wir sind von der kolumbianischen Armee. Sie sind frei!»

Der Helikopter habe daraufhin etwas an Höhe verloren, da die Geiseln in die Luft sprangen. «Wir haben geschrien, geweint und uns umarmt. Wir konnten es nicht glauben», erzählte Betancourt. «Das ist ein Wunder», sagte sie.

Sarkozy gratuliert Uribe – und der Schweiz

Umgeben von Betancourts Kindern gratulierte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Mittwochabend im Élyséepalast dem kolumbianischen Präsidenten Uribe für die Befreiung der Politikerin. Gleichzeitig bedankte er sich unter anderem bei der Schweiz und Spanien, «die uns immer geholfen haben».

Betancourts Tochter Melanie erklärte sichtlich bewegt:»Das ist der so lange erwartete Augenblick. Ich warte darauf, meine Mutter in die Arme schliessen zu können. Das ist der grösste Augenblick meines Lebens.» Es gebe aber noch weitere Geiseln im Dschungel. «Man darf sie nicht vergessen.»
Forderungen

In diesem Zusammenhang forderten Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, EU-Aussenkommisar Benita Ferreo-Waldner und verschiedene Länder, darunter auch die Schweiz, die FARC-Rebellen auf, die anderen noch in ihrer Gewalt befindlichen Geiseln sofort und ohne Bedingungen freizulassen. Die FARC haben noch etwa 700 Menschen in ihrer Gewalt. (SDA)

Wut in ihrem Herzen

Die Grünen-Politikerin Betancourt hat sich vor allem als Kämpferin gegen die Korruption einen Namen gemacht. Ihr Buch «Wut in meinem Herzen» erschien kurz vor der Entführung, wurde inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt und weltweit weit über eine halbe Million Mal verkauft.

Auf mehr als 250 Seiten schildert sie ihren Kampf gegen eine politische Kaste, die sich hinter den Kulissen am Staatseigentum bedient und jede Veränderung über Parteigrenzen hinweg zu verhindern weiss. (SDA)

Calmy-Rey erfreut

Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sieht die Befreiung der Geiseln als Erfolg für alle Länder, die vermittelten. Sie will noch im August nach Kolumbien reisen. «Ich möchte meine Freude ausdrücken, denn noch vor wenigen Wochen waren wir wirklich beunruhigt», sagte Calmy-Rey heute gegenüber dem Westschweizer Radio RSR. «Ich gratuliere der kolumbianischen Regierung, Präsident Alvaro Uribe und allen, die auf diesen Erfolg hingearbeitet haben», erklärte Calmy-Rey. Jetzt müssten die Anstrengungen weitergehen, um die Menschen, die sich noch in Geiselhaft befänden, zu befreien.
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