EHEC-Keim Auch Biogas-Anlagen jetzt im Visier

BERLINGEN - EHEC wütet weiter. Forscher aus Deutschland verdächtigen jetzt die Biogas-Industrie. Hier würden völlig neuartige Erreger gezüchtet, sagen sie. Via Dünger gelangen diese aufs Gemüse.

  • Publiziert: 05.06.2011, Aktualisiert: 20.01.2012
play Stammt der EHEC-Killerkeim aus Biogasanlagen in Deutschland? Hier eine Schweizer Anlage im Tessin. (Keystone)

«Es ist möglich, dass die EHEC-Erreger aus Biogasanlagen kommen», sagt Ernst-Günther Hellwig zu «Welt Online». Die Theorie des Leiters einer Agrar- und Veterinär-Akademie beruht auf zwei Aspekten: Schlamperei bei der Biogas-Produktion und dem anhaltend schönen Wetter.

Bakterien-Mutanten und Dürre

In den Gär-Behältern der Biogasanlagen entstehen laut Hellwig völlig neue Bakterien. Diese landen dann zu auf Äckern und Feldern, denn rund 80 Prozent der Gärrückstände bei der Biogasproduktion werden als Dünger weiterverwendet.

So könnten die völlig neuartige Version des EHEC-Erregers, der bereits 21 Todesopfer gefordert hat, auf Gemüse in Deutschland gelangt sein. Verschlimmernd kommt hinzu: In Norddeutschland hat es seit Wochen nicht mehr geregnet – die Gülle mit den Erregern wurde nie richtig abgewaschen.

Sind die EHEC-Killerkeime also ein tödliches Nebenprodukt der boomenden Biogas-Branche? Von Bauern unwissentlich auf ausgetrocknete Felder gesprüht? Gegenüber «Welt Online» bekräftigt Bernd Schottdorf, ein anerkannter Labormediziner, die These, dass künstlich geschaffene Bakterien in Biogas-Meilern eine Rolle spielen könnten.

Braucht es strengere Kontrollen?

«Sie kreuzen sich und verschmelzen miteinander – was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht», so Schottdorf. Er hält es daher für absolut notwendig, dass Deutschlands Biogasanlagen schnellstens auf EHEC und andere Krankheitserreger untersucht werden.

«Sonst droht möglicherweise die Gefahr», warnt Schottdorf, «dass wir auch in künftigen Sommern Epidemien mit bekannten oder neuen Erregern erleben werden.»

Die Biogas-Industrie winkt ab: Durch Erhitzung der Gärmasse auf 70 Grad würden sämtliche Erreger in dem stinkenden Gemisch abgetötet. Spezialisten wie Schottdorf oder Hellweg widersprechen. Erreger können solch eine Hitze überleben, sagen sie. Hier fehle es zudem an verlässlichen Forschungsergebnissen. Auch die Kontrolle der rund 6800 Anlagen in Deutschland sei nicht über alle Zweifel erhaben. (rrt)

EHEC: Vier Theorien

Nebst der Biogas-Theorie werden in Deutschland derzeit drei weitere Theorien zum Ursprung der EHEC-Epidemie diskutiert. Die Schmutzwasser-Theorie: Während der langen Dürre-Wochen gelangte fäkalverseuchtes Wasser auf Anbaufelder – mitunter benutzten Bauern Güllewägen zur Bewässerung. Die Erreger könnten so aufs Gemüse gelangt sein. Die Antibiotika-Theorie: Andere Forscher sind überzeugt, dass der neuartige EHEC-Erreger durch den Missbrauch von Antibiotika entstand. Etwa im Krankenhaus oder bei der Viehzucht. Bei falscher Anwendung kann Antibiotika die Evolution von Erregern beschleunigen. Die Terror-Theorie: EHEC-Keime könnten bewusst als Terroranschlag in den Umlauf gebracht worden sein. (Bio-Anschlag wäre möglich).

Schon 21 EHEC-Todesopfer

Die Zahl der HUS-Todesfälle in Deutschland ist auf 21 gestiegen. Das berichtete der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, am Sonntag bei einem Besuch im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf.Demnach sind deutschlandweit 1526 EHEC-Fälle bekannt, bei 627 Patienten wurde das gefährliche hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) diagnostiziert. Zahlreiche Patienten schwebten in Lebensgefahr, sagte Burger. Ausserhalb Deutschlands stieg die Zahl der EHEC-Fälle bis Samstagabend auf über 100, wie das Europabüro der Weltgesundheitsorganisation in Kopenhagen am Sonntag mitteilte. Bis auf einen Patienten seien alle gemeldeten während der Inkubationszeit in Deutschland gewesen, hiess es. 31 davon seien HUS- Fälle. Eine Frau in Schweden starb. Zusätzlich habe die Seuchenkontrollbehörde der USA über zwei HUS-Fälle in Amerika berichtet, teilte die WHO mit. In der Schweiz sind demnach 3 Menschen mit dem EHEC-Erreger infiziert worden. Der Schwerpunkt der HUS-Erkrankungen liege in der Altersgruppe der 20- bis 49-Jährigen, erklärte die WHO. 70 Prozent der HUS- Patienten seien Frauen, bei den EHEC-Fällen seien es 61 Prozent. Ob der Gipfel des Ausbruchs erreicht sei, lasse sich derzeit noch nicht beurteilen. (SDA)

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