BERN – Sie spielt eine Hauptrolle in der CIA-Affäre um Geheimgefängnisse und verschleppte Terrorverdächtige: Die CIA-Entführungs-Boeing N313P, die im Dezember 2003 auch Station in
Genf machte. BLICK zeigt exklusiv, wo sich der Jet in den letzten zweieinhalb Jahren herumtrieb.Kennzeichen N313P: Der Business-Jet des Typs Boeing 737 (Kapazität: 38 Passagiere) wird vom US-Geheimdienst CIA seit Jahren nachweislich für Gefangenentransporte benutzt. So wurde 2004 der deutsche Terrorverdächtige Khaled El Masri in Mazedonien entführt. BLICK kann rund 350 Flüge des Jets in den letzten zweieinhalb Jahren dokumentieren. Die Liste zeigt brisante Bewegungsmuster und Destinationen des Entführungs-Jets auf.Die Boeing startete jeweils von Kinston, North Carolina USA aus. Dort wimmelt es von Flugzeugen des CIA. In Kinston, einem Haupt-Hub der CIA, betreibt die mysteriöse Firma Aero Contractors Limited eine ihrer Niederlassungen. Über Aero Contractors soll vor allem das Personal der CIA-Jets rekrutiert und eingesetzt werden, auch die Piloten. Von seiner Heimbasis aus flog der Jet jeweils nach Washington DC, um von dort nach Übersee oder Guantánamo zu starten. Und ebenfalls von Kinston aus kurvte der Jet manchmal wochenlang in den ganzen USA herum. Im Laufe des Jahres 2004 gerieten die CIA-Jets zunehmend in den Fokus internationaler Medien. Die CIA reagierte. Zum einen erhielt der Jet ab Ende 2004 einen neues Kennzeichen und eine andere Briefkastenfirma als Besitzer. Kennzeichen N4476S statt wie bisher N313P. Der «Inhaber» hiess neu Keeler and Tate
Management statt wie vorher Premier Executive Transport Services. Zweite Massnahme zur Verschleierung des illegalen Treibens: Das bis Ende 2004 immer gleiche und also leicht rekonstruierbare Flugmuster Washington-Frankfurt der Boeing wurde über Bord geworfen.Der Flughafen Dulles in Washington DC wurde gemieden, obwohl die Überseeflüge bis dahin fast ausnahmslos da starteten. Die CIA-Maschine wich vor allem auf Baltimore, Maryland aus, aber auch auf Memphis, Tennessee oder Norfolk, Virginia sowie weitere Flughäfen. Frankfurt erhielt jahrelang pro Monat oft gleich mehrere Besuche der N313P. Die Flüge gingen meist weiter nach Destinationen wie Pakistan, Afghanistan, Irak, Saudi Arabien, Libyen oder Marokko. Ab Dezember 2004 nahm der Jet nicht mehr Kurs auf Frankfurt. Ausweichstationen: Vor allem Porto, aber auch
Athen oder
Prag.Die Liste zeigt weiter:Die CIA-Boeing flog nicht immer via Europa in die Folterstaaten und zu Geheimgefängnissen. In mindestens einem Fall flog sie via Hawaii nach Asien (Fidschi-Inseln und vermutlich weiter). Manchmal flog sie Richtung Europa, um Tage später offensichtlich über Asien wieder in die USA zu gelangen. Also Trips rund um die Welt. Ab Oktober 2003 flog die Boeing systematisch nach Libyen. Ein halbes Jahr, bevor die USA die diplomatischen Beziehungen mit Machthaber Ghaddafi wieder aufnahmen. Meist von Northolt, England aus und dorthin zurück. Genächtigt hat die Besatzung offensichtlich meist nicht in Libyen, sondern im um einiges mondäneren Palma de Mallorca, das nur einen Katzensprung von
Tripolis entfernt ist. Auch im Wüstenstaat wird ein CIA-Geheimgefängnis vermutet. Auch mit dieser Liste sind längst nicht alle Geheimnisse der N313P geklärt. Mehr Licht auch in diesen Aspekt der CIA-Affäre dürfte die Untersuchung von Europarats-Ermittler Dick Marty bringen. Er sichtet im Moment die Flugdaten, die er von der europäischen Flugsicherung Eurocontrol erhalten hat.