SBB-Chef Andreas Meyer Auf den Hund gekommen

  • Publiziert: 11.09.2011, Aktualisiert: 07.02.2012
  • Interview: Claudia Gnehm

SBB-Chef Andreas Meyer will sichere Züge – unter allen Umständen. Hier sagt er, wie er das umsetzen will. Und er fordert, dass Fussballclubs endlich mithelfen, randalierende Fans in die Schranken zu weisen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass der Franken an den Euro gebunden wird?
Andreas Meyer: Es ist notwendig, aber mutig. Ich sass in der Eröffnungsveranstaltung von Suissetraffic, als mich Bundesrätin Leuthard anstupfte und mir sagte, die Nationalbank habe bekannt gegeben, dass sie eine Untergrenze für den Wechselkurs einführt.

Die Intervention hat aber auch dazu geführt, dass die Politiker das Massnahmenpaket, von dem Sie profitieren wollen, stutzen möchten. Glauben Sie davon überhaupt noch etwas zu erhalten?
Es gibt viele Unternehmen, die punkto Euro in schwierigeren Fahrwassern sind als die SBB. Unsere Euro-Einnahmen sind in etwa gleich hoch wie die Ausgaben. Also gleichen sich die Effekte aus. In diesem Jahr haben wir die Kurse bei Fr. 1.35 abgesichert. Nächstes Jahr wird es schwieriger – wir budgetieren mit Fr. 1.20. Beiträge aus dem Massnahmenpaket würden vor allem unseren Lieferanten etwas bringen. Wir könnten Aufträge im Unterhalt von Fahrzeugen und Schienen vorziehen und ihnen so helfen, ihre Exportschwierigkeiten zu überbrücken. Deshalb wäre es positiv, wenn der Bund einen Teil dieser Mittel in Infrastruktur oder Fahrzeuginvestitionen einschiesst.

Positiv aus Sicht der Passagiere wären mehr Zugbegleiter. Auf vielen Strecken wurde die durchgehende Begleitung abgeschafft.
Das Gegenteil ist richtig. Im Fernverkehr setzen wir neu auf allen Zügen zwei Zugbegleiter ein. Auch die Transportpolizei haben wir verstärkt. Neu sind in grossen Bahnhöfen Mitarbeiter in orangen Gilets auf den Perrons präsent. Sie sorgen dafür, dass die Züge pünktlich abfahren, unterstützen das Zugpersonal und geben Reisenden Auskunft. Zusätzlich zu den Kundenlenkern in den gelben Westen, die wir bei Grossanlässen einsetzen.

Trotzdem gibt es weniger Zugbegleiter als vor zehn Jahren. Ihre Kunden bemängeln die Sicherheit. Weil jetzt die Bewaffnung der Bahnpolizei ansteht, fragt man sich: Ist die Bewaffnung billiger als viel Zugpersonal?
Laut Befragungen fühlen sich unsere Kundinnen und Kunden in den Zügen sicherer. Das hat auch mit dem verbesserten Einsatzkonzept der Transportpolizei und Sicherheitsmassnahmen wie den Präventionsassistenten zu tun. Aber es ist so: Jede Aggressionshandlung ist eine zu viel. Es stört mich extrem, wie aggressiv sich einzelne Passagiere gegenüber anderen Reisenden und unseren Angestellten verhalten. Das geht auf keine Kuhhaut – sogar von Spucken und Beissen lese ich in den Betriebsmeldungen! Leider befällt die gute Kinderstube diese Leute nicht plötzlich, wenn sie in den Zug steigen.

Erwarten Sie von den Waffen eine abschreckende Wirkung?
Ich war frühmorgens schon unterwegs mit Zugbegleitern und Transportpolizisten. Sie können sich nicht vorstellen, was diese aushalten müssen. Eine Bewaffnung dürfte auch den positiven Effekt haben, dass unanständige Zeitgenossen mehr Respekt haben vor diesen Menschen, die ihre Arbeit machen.

Wann kommt die Bahnpolizei mit Schusswaffen zum Einsatz?
Der Bundesrat hat die rechtliche Grundlage gelegt. Wir als SBB haben noch nicht entschieden, ob wir unsere Transportpolizei mit Schusswaffen ausrüsten. Studien belegen, dass die Ausrüstung mit einer Schusswaffe Vorteile hat und dass wir die Nachteile im Rahmen halten können. Die Waffen sind ja ein Mittel, um unsere Kunden und unser Personal zu schützen.

Heute Sonntag kommen die ersten Fanbegleiter der Young Boys auf dem YB-Fanzügen zum Einsatz. Kann man die Fanbegleiter im Eilverfahren richtig schulen?
Das kam ja nicht aus heiterem Himmel. Wir diskutieren schon lange mit den Fussballclubs und haben uns entsprechend vorbereitet. YB und seine Fanorganisationen sind die Ersten, die mit uns eine Partnerschaft eingehen. Das ist ein erster, ganz wichtiger Schritt. Wir hoffen, dass das Beispiel Schule macht.

Werden die Züge heute weniger beschädigt?
Das auch, aber es geht ja vor allem darum, dass die Fussballfans, aber auch unsere Mitarbeiter und alle anderen Kunden sicher und komfortabel unterwegs sind. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Fussballklubs und Fanorganisationen mehr Verantwortung übernehmen. Dass sie vor den Spielen mit uns zusammen eine Lagebeurteilung machen und sicherstellen, dass die Fahrten zu den Spielen Teil eines freudigen und friedlichen Fussballerlebnisses sind.

Falls die weiteren Klubs nicht an Bord kommen, erwägen Sie eine Abschaffung der Transportpflicht?
Auf die Fanzüge zu verzichten, ist sicher keine Alternative. Es muss uns gelingen, die wenigen Chaoten zu identifizieren und dann hart zu bestrafen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass auch die Fussballklubs Verantwortung für die Sicherheit übernehmen. Sonst werden schneller neue gesetzliche Regeln geschaffen, als sich die Klubs das wünschen. Zum Beispiel eine Genehmigungspflicht für Sportveranstaltungen.

Der Staat soll also eingreifen?
Das wäre nur eine Notlösung. Aber es muss etwas passieren! Die Art und Weise, wie unser Zugpersonal angegangen wird, können wir nicht akzeptieren. Ich erhalte Briefe von Lokführern, die mir schreiben, dass sie nicht mehr bereit sind, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Sie hätten schliesslich Frau und Kinder zu Hause. Die Sicherheit unseres Personals und der Kundinnen und Kunden muss unter allen Umständen gewährleistet sein. Zudem ärgert es mich, dass wir wegen randalierender Fans jedes Jahr drei Millionen Franken an ungedeckten Kosten für Sicherheitsmassnahmen, Reinigungen und die Behebung von Schäden in den Zügen und in den Bahnhöfen haben.

Mit den Finanzen haben Sie ja auch sonst genug Sorgen: Die SBB haben acht Milliarden verzinsliche Schulden. SBB-Präsident Ulrich Gygi sieht kein Ende der Verschuldung. Stellen Sie neue Finanzierungsüberlegungen an, zum Beispiel SBB-Anleihen?
Selbstverständlich managen wir die Verschuldung aktiv. Es ist wie bei den Hausbesitzern: Sie können die Hypothek auch nicht laufend erhöhen, sonst wird das Haus eines Tages gepfändet und an andere verkauft. Wir wollen kein Sanierungsfall werden. Deshalb setzen wir viele Massnahmen um, mit denen wir unsere Wirtschaftlichkeit verbessern und die Schulden begrenzen wollen.

Welche?
Wir werden Effizienz- und Produktivitätsverbesserungen mit einer Wirkung von mehreren Hundert Millionen Franken realisieren. Und wir investieren dort, wo es sich lohnt. Wir überlegen uns auch, neues Rollmaterial nicht zwingend zu kaufen, sondern zu mieten.

Mit anderen Worten: Peter Spuhler von Stadler Rail würde den SBB die neuen Züge vermieten?
Ja, es ist denkbar, dass er mit dem neuen Rollmaterial auch eine andere Finanzierung anbietet und wir das Rollmaterial mieten. Das machen einige Firmen in der Schweiz so, wir wären also nicht die erste.

Der Vorteil von Herrn Spuhler läge in den Zinsen, die er einnehmen könnte – was wäre Ihr Vorteil?
Bei uns würden nicht Milliarden von Franken auf einen Schlag abfliessen. Wir könnten die Kosten auf jene Zeit legen, in der das Material auch tatsächlich eingesetzt wird.

Die Kunden müssen bald tiefer in die Tasche greifen: Sie drohen mit Ticketaufschlägen von mehr als zehn Prozent ab 2013.
Bevor wir über Preisaufschläge reden, müssen wir uns über den Angebotsausbau unterhalten. Wir benötigen mehr Züge und mehr Sitzplätze. Letzte Woche haben wir den neuen, komfortablen Doppelstockzug für den Regionalverkehr vorgestellt, der ab Fahrplanwechsel rollen wird. 2014 stellen wir im Fernverkehr den neuen, 400 Meter langen Doppelstöcker auf die Schiene, und wir eröffnen den neuen, unterirdischen Durchgangsbahnhof in Zürich. An diesen Ausbau müssen auch die Nutzer mitbezahlen. Aber wir setzen alles daran, selber effizienter und produktiver zu werden, damit wir die Tarife so wenig wie möglich erhöhen müssen.

Ausbau hin oder her. Tatsache ist, dass viele Ihrer täglich fast einer Million Passagiere Tag für Tag in überfüllten Zügen stehen müssen. Geht es Ihnen nicht so?
Ich bin in den letzten fünf Jahren zwei Mal aufgestanden. Letzte Woche habe ich zwischen Bern und Aarau einem Hund Platz gemacht (lacht). Eine Dame machte geltend, weil sie ein Hunde-GA besitze, habe der Hund Anrecht auf einen eigenen Platz – und sie müsse ihn nicht für eine andere Kundin freigeben. Dem ist natürlich nicht so. Ich bin dann aber aufgestanden, um der Dame meinen Platz anzubieten. Es ist so: Zu gewissen Zeiten wird es eng in den Zügen, auch wenn es meistens genügend Sitzplätze hat. Deshalb bauen wir ja die Kapazitäten aus.

Erklären Sie die Verbesserung anhand einer Fahrt Zürich–Bellinzona nach Eröffnung der Neat ab 2016. Heute dauert die Fahrt minimal zwei Stunden 14 Minuten. Wie muss ich mir das vorstellen 2017?
Wenn der Gotthard-Basistunnel einmal in Betrieb und die Strecke am Zugersee saniert ist, dauert die Fahrt eine Stunde 30 Minuten, also eine Dreiviertelstunde weniger als heute.

Zu welchem Preis?
Das wissen wir noch nicht, das hängt auch von den anderen Mitgliedern des Verbands öffentlicher Verkehr ab. Wir denken mit dem VÖV auch über Preisdifferenzierungen nach. Doch es ist noch nichts spruchreif. Da macht es keinen Sinn, zu spekulieren. Wir wollen unsere Kunden schliesslich nicht alle Wochen mit einer unausgegorenen Idee verrückt machen. 

play Neues Rollmaterial könnte künftig gemietet werden, schlägt Meyer vor. (Simon Tanner)

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