Chaos bei RS-Beginn Armee schickt 70 Rekruten heim!

  • Aktualisiert am 07.02.2012
  • Von Beat Michel

Da behaupte noch einer, die Schweizer Armee sei nicht modern. Wie eine Fluggesellschaft überbucht sie die RS-Plätze.

Tim N.* (20) will am Montagmorgen in der Kaserne Kloten in die RS einrücken. Er freut sich. Schon eine Woche vorher hat er Ferien genommen. Zur Vorbereitung.

«Der Militärdienst passt gut in meine Karriereplanung», sagt der Handwerker aus dem Kanton Solothurn. Er möchte Übermittlungssoldat werden. «Weil ich mich für Funktechnik interessiere.»

Kein Problem bei der Aushebung

Kein Problem – bei der Aushebung vor einem halben Jahr sagte ihm der Rekrutierungsoffizier, bei den Funkern habe es noch 80 Plätze frei.

Doch Tims RS und die von Dutzenden seiner Beinahe-Kameraden – sie endet schon nach wenigen Stunden.

«Wir haben leider viel zu viele Männer aufgeboten», heisst es lakonisch in der UEM/FU-RS 62-3.

Tête-à-Tête mit dem Oberst

Das merken die Militärs erst beim Nachzählen in einer Turnhalle in Kloten ZH. Dort teilen die Vorgesetzten die Einrückenden in Kompanien ein. Ziel: 4 Gruppen à 50 Mann.

Doch – oh Überraschung – die letzte Gruppe umfasst 120 Rekruten. 70 zu viel.

Alles Zählen hilft nichts, die 4. Gruppe will einfach nicht kleiner werden. Das Problem wird zur Chefsache erklärt. Die Überzähligen dürfen zum Tête-à-Tête mit dem Oberst.

«Wir haben leider zu wenig Betten und Zimmer», eröffnet der Schulkommandant den Rekruten.

Das VBS hat überbucht wie eine Airline ihre Sitze im Flieger – und mehr Rekruten aufgeboten, als es Plätze hat.

RS in einem Jahr

Betten teilen kommt nicht in Frage. Darum schlägt der Oberst den jungen Männern kurzerhand zwei Optionen vor: Entweder sie treten wieder ab, fahren nach Hause. Und versuchen es mit ihrer RS in einem Jahr nochmals.

Oder aber: Sie schminken sich die RS als Übermittlungssoldat in Kloten ab. Und lassen sich spontan anders einteilen. Zur Wahl stehen: Nachrichtensoldat in Freiburg, Panzermechaniker in Thun BE oder Betriebssoldat Sanität in Moudon VD.

Ungefähr 30 Soldaten geben nach und lassen sich bei einer anderen Einheit einschreiben. Wann genau sie wieder einrücken können, ist noch unklar. 40 Soldaten aber wollen nicht auf die Ausbildung als Funker verzichten, die sie bei der Aushebung ausgewählt haben. Sie verschieben den Dienst um ein Jahr. Und fahren heim.

«Liegt schlicht nicht drin»

Wie Tim N. «Das ist eine Sauerei», schimpft der 20-Jährige. Auch sein Vater regt sich furchtbar auf: «Ich kann ja auch nicht 30 Lehrlinge einstellen und dann 25 wieder nach Hause schicken. So was liegt schlicht nicht drin.»

Tim N. weiss: Er hat Glück im Unglück. Sein Vater ist auch sein Arbeitgeber. «Was aber ist mit den Kollegen, die jetzt keinen Job haben und ein Jahr verlieren?», fragt der Schreiner.

Das VBS kann den Ärger der Fast-Rekruten nicht nachvollziehen. «Courant normal» sei das, sagt Sprecher Christoph Brunner. Auf Deutsch heisst das: «nichts Ausser-gewöhnliches». «Das kommt jedes Jahr vor», sagt Brunner.

«Sowas kommt schlicht nicht vor»

Das VBS weiss also nicht im Voraus, wie viele Rekruten den Dienst antreten? Brunner: «Weil zwischen 20 und 30 Prozent der aufgebotenen Rekruten schliesslich nicht einrücken, kann man die definitive Zahl der Ausbildungsplätze nur schwer abschätzen.»

Ist das Überbuchen der Kasernen auch bei anderen Streitkräften «Courant normal»? «Nein», sagt Oberstleutnant Michael Strunk, Sprecher der Deutschen Bundeswehr. «Jeder Soldat mit einem Einberufungsbescheid hat seinen Platz. So was kommt schlicht nicht vor.»

*Name der Redaktion bekannt

Zielsicher von Fettnapf zu Fettnapf

Der Chef: Armeechef Roland Nef (49) soll seine Ex-Freundin gestalkt und sogar Sex-Inserate geschaltet haben. Nef hatte zum Zeitpunkt der Beförderung zum Armeechef ein Verfahren am Hals. Am 25. Juli tritt er zurück.Die scharfe Wache: Aus dem VBS kommt das Kommando «Durchladen!»: Die Soldaten schieben den Wachdienst mit geladenem Sturmgewehr. Dieses ist zwar gesichert – trotzdem löst sich hin und wieder ein Schuss. Mitte Oktober nimmt das VBS den Durchladebefehl zurück und rüstet den Wachdienst mit Pfeffersprays aus. Pfefferspray-Zwischenfall: Auf YouTube taucht im Oktober ein Film auf: Ein angehender Offizier bekommt eine volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht gespritzt. Das Opfer krümmt sich am Boden, die anderen krümmen sich vor Lachen. Die leeren Kanonen: Ende August gibt es kaum mehr Übungsmunition für die Leopard-Panzer. Die Weisung der Armee: Sparsam mit Munition umgehen. Die Blasenprobleme: Schweizer Soldaten bewachen die US-Botschaft in Bern. Langweilig – deshalb kiffen sie und pinkeln sogar an die Botschaftsmauer. Und sind blöd genug, sich von den Überwachungskameras filmen zu lassen. Die Soldatenblasen machen auch anderswo Probleme: 2 Tage vor dem WEF pinkeln WK-Soldaten das Büro ihres Kadis voll.
Angetreten und schon wieder heimgeschickt: Es gab einfach nicht genug Betten in der Kaserne in Kloten.- Keystone

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