Ärzte schlagen Alarm Alte Mütter sind ein Risiko!

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Beat Kraushaar

Es ist schick, es ist bequem – aber es ist gefährlich für das Baby: Immer mehr Schweizerinnen warten mit dem Kinderkriegen. 27 Prozent der Mütter sind beim ersten Kind älter als 35 Jahre. Jetzt schlagen die Mediziner Alarm.

Die kleine Isabel kam einen Monat zu früh auf die Welt. Sie wog 2450 Gramm, war 45 Zentimeter gross und musste für die ersten Tage in den Brutkasten.

Jedes zehnte Kind in der Schweiz wird vor dem Ablauf von 37 Schwangerschaftswochen geboren. Bei den Frühgeburten sind die Schweizerinnen Vize-Europameister, hinter Österreich.

Jedes vierte Frühgeborene entspringt einer Mehrlingsgeburt. Auch hier belegen die Schweizerinnen einen europäischen Spitzenplatz: Rang vier. Diese Zahlen ermittelte kürzlich die Studie «Neugeborene in Schweizer Spitälern» im Auftrag des Departements des Innern und des Bundesamts für Statistik.

«Die hohe Zahl von Frühgeborenen hat vor allem damit zu tun, dass Frauen immer älter schwanger werden», sagt Professor Hans Ulrich Bucher (59), Chefarzt für Neonatologie am Zürcher Unispital (siehe Interview). Medizinisch gesehen ist das nicht optimal.

Heute sind mehr als die Hälfte aller Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes 30-jährig oder älter. Noch in den Siebzigerjahren war die grosse Mehrheit 27 Jahre oder jünger. Auffallend ist die Zunahme von Frauen, die erst mit 35 oder älter schwanger werden. Der Anteil der Erstgebärenden in dieser Altersgruppe stieg in zehn Jahren von 16 auf 27 Prozent.

«Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, deren Bedeutung weit über die Medizin hinausgeht und noch zunehmen wird», sagt der Neonatologe Bucher. Zuerst, so der Mediziner, denken junge Frauen heute an die Ausbildung. Erst dann denken sie an Kinder und die Gründung einer Familie.

Das hat Folgen. Viele Kinder von späten Müttern kommen zu früh auf die Welt. Bei Frühgeburten treten Fehlbildungen fast doppelt so häufig auf wie bei Normalgeburten. Dazu gehören Herzfehler, Atemnot, Gaumen- oder Lippenspalten und das Down-Syndrom (ein Fehler im Erbgut, der geistige Behinderung und eine kürzere Lebenserwartung zur Folge hat).

Noch gravierender sind die Probleme bei Mehrlingsgeburten. Das Sterberisiko der Mutter bei der Geburt von Zwillingen liegt bis dreimal höher als bei Einzelkindern. Zwillinge kommen zudem viermal häufiger zu früh auf die Welt. Bis zu 16-mal häufiger als Einlinge brauchen sie die Pflege auf einer Intensivstation.
Der massive Anstieg der Mehrlingsschwangerschaften ist eine Folge der 1978 eingeführten künstlichen Befruchtung. Frauen, die dieses Verfahren in Anspruch nehmen, sind heute im Durchschnitt 37 Jahre alt.

Neben medizinischen Komplikationen bringen Frühgeburten auch finanzielle Belastungen mit sich. Ein zu früh geborenes Baby kann das Gesundheitswesen bis zu 120 000 Franken kosten.

Mütter ab 36

Die oben stehende Grafik zeigt: Auffallend ist die starke Zunahme von Frauen, welche erst mit 35 Jahren oder in einem noch höheren Alter schwanger werden. Dabei ist der Anteil der Erstgebärenden in dieser Altersgruppe in zehn Jahren von 16 auf 27 Prozent gestiegen.

Da viele dieser Frauen durch die ab 1978 eingeführte künstliche Befruchtung schwanger werden, kommt es bei den «alten Schwangeren» zu einer Zunahme von Mehrlingsgeburten.

Heikler Frühstart

Eine Frühgeburt ist belastend: für das Baby, die Mutter, den Vater und das gesamte Umfeld. Vom Gebärsaal kommt das Neugeborene direkt in den Brutkasten. Monitore für Atmung und Herzschlag, Infusionspumpen für die Flüssigkeitszufuhr, Nährstoffe und Medikamente sowie Geräte zur Unterstützung der Atemtätigkeit sind seine ersten Erfahrungen im Leben. In vielen Fällen erhält das Baby sogar Bluttransfusionen. Bei Frühgeborenen, die noch nicht kräftig genug sind, um selbständig von der Brust oder dem Schoppen zu trinken, muss eine Magensonde gelegt werden. Über diese gelangen Nährmittel direkt ins Verdauungsystem.

Ebenso wichtig wie diese Massnahmen ist die Zuwendung der Eltern. Auch Frühgeborene reagieren auf Stimmen und Berührungen. In einigen Fällen müssen die zu früh auf die
Welt gekommenen Babys 14 Wochen und mehr im Spital bleiben.

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