Allein in Zürich schaffen 1500 Zwangs-Prostituierte an - Hausangestellte schuften ohne Lohn und Ferien Versklavt in der Schweiz

Moderne Sklaverei existiert - auch in der Schweiz. 1100 Sklaven sollen hierzulande ausgebeutet werden. Die Zahl wird sogar noch höher geschätzt. Sie arbeiten vor allem im Sexmilieu und als Hausangestellte.

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Kaum war die damals 20-jährige Elena* aus Bulgarien in Zürich angekommen, nahm ihr Peiniger ihr den Pass weg. Bezeichnete sie als Hure. Kaufte ihr ein aufreizendes Outfit, schickte sie zum Anschaffen in einen FKK-Club in Root LU. Monatelang durfte sie nicht nach Hause telefonieren, wurde gezwungen, den Arbeitsort zu wechseln. Sie musste gegen ihren Willen in Küssnacht am Rigi SZ anschaffen, in Frauenfeld, in Dietikon ZH. Begehrte sie auf, wurde sie beschimpft. Ihr Zuhälter drohte, sie in einen Kofferraum zu sperren.

Was Elena erlebte, ist ein Fall moderner Sklaverei. Sie findet sich in praktisch jedem Land. Weltweit leben gemäss der australischen Stiftung Walk Free 36 Millionen Sklaven. Gegen ihren Willen werden sie zu Zwangsarbeit oder Zwangsprostitution genötigt. In Westeuropa beuten Menschenhändler laut einer neuen Uno-Studie zwei Drittel ihrer Opfer sexuell aus.

Sklaverei: Das Wort erinnert an düstere, längst vergangene Zeiten. Doch Sklaverei ist noch immer Realität. Sogar in der Schweiz. 1100 Sklaven sollen laut Walk Free hierzulande ausgebeutet werden. Häufig geschieht dies bei Hausangestellten von Diplomaten in Bern und Genf (siehe Kasten). Am häufigsten aber im Sexmilieu.

Zwangsprostituierte in Zürich

1100 Sklaven in der Schweiz? Für die Zürcher CVP-Staatsanwältin Silvia Steiner (56) ist das eine zu tief geschätzte Zahl. «Alleine im Zürcher Milieu wurden in den letzten drei Jahren mindestens 1500 Frauen zur Prostitution gezwungen», sagt sie. Seit zehn Jahren ermittelt sie gegen Menschenhandel, Zuhälterei, Zwangsprostitution. Sexsklavinnen seien vor allem auf dem Strassenstrich anzutreffen, sagt sie. Aber auch in Kontaktbars, Sauna-Clubs, Cabarets.

Das Sexmilieu ist eine riesige Branche. Allein in der Stadt Zürich haben sich von 2011 bis 2013 über 1500 Frauen für den Strassenstrich angemeldet. Weitere 2200 liessen sich im selben Zeitraum als Sexarbeiterinnen in Zürcher Salons registrieren. Laut Stadtpolizei stammen über 70 Prozent dieser Prostituierten aus Osteuropa. Ein Grossteil von ihnen wird geknechtet, versklavt und dazu gezwungen, anzuschaffen.

Vor allem auf dem Strassenstrich herrscht Gewalt und Unterdrückung. Es ist die unterste Liga im Sexgewerbe. «Dort sind mindestens 80 Prozent der Frauen fremdbestimmt», sagt Staatsanwältin Steiner. In Salons dürfte mindestens die Hälfte der Frauen unfreiwillig anschaffen. Ihre Schätzungen der Dunkelziffern stützt sie auf Erfahrung in der Praxis. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Anklageschriften zeigen Ausbeutung

Wie die Frauen unterdrückt werden, zeigen Anklageschriften und Gerichtsurteile. Zum Beispiel der Fall Elena. Der Zuhälter isolierte sie völlig. Regelmässig stahl er ihr das ganze Einkommen. Einmal durfte sie zehn von 4000 Franken behalten – um sich ein Sandwich zu kaufen. Mit dem Geld ging er nach Bulgarien.

Das Muster der Sklaventreiber ist immer gleich:

- Sie locken die Frauen mit falschen Versprechen in die Schweiz.

- Hier knöpfen sie ihnen Geld und Ausweise ab.

- Sie zwingen die Frauen auf den Strich zu gehen und schreiben Arbeitszeiten, Kleidung, Umsatzziele vor.

- Sie überwachen sie, teilweise sogar mit Kameras in den Zimmern.

Zum Beispiel in einem Cabaret in Wetzikon ZH. Ein früherer Geschäftsführer heuerte Frauen aus der Dominikanischen Republik, der Ukraine und anderen Ex-Sowjetrepubliken an. Er köderte sie mit einem Bruttolohn von 4700 Franken und einer Klausel, die Sex ausdrücklich von der Arbeit ausnimmt. Laut Vertrag war es den Frauen verboten, Kunden zu Alkohol zu animieren. Arbeitsinhalt sollte nur «Striptease Integral» sein.

Kaum in der Schweiz waren diese Klauseln wertlos. Die Frauen, die sich für die Anreise häufig verschuldet hatten, erhielten keinen Fixlohn, sondern nur Provisionen. Ohne Sex und Champagnerumsatz gab es null Einkommen. Der Zuhälter kontrollierte bis ins Séparée. Er kassierte das Geld von den Freiern und gab den Frauen je nach Lust und Laune einen Anteil ab. Oder nicht.

Weigerten sich die Frauen, drohte der Zuhälter mit Polizei. Da die Sexsklavinnen mit Tänzerinnenbewilligungen einreisten, hätten sie sich gar nicht prostituieren dürfen. Sie hatten Angst, Arbeitsbewilligung und Existenz zu verlieren. Und mit leeren Händen zurück in ihre Heimat zu reisen.

Staatsanwältin Steiner hat Dutzende solcher Fälle vor Gericht gebracht, mit 80 bis 100 betroffenen Zwangs-prostituierten. Opfer gibt es viel mehr. «Die Dunkelziffer ist hoch», sagt Silvia Steiner.

Ende November hat das Berner Obergericht vier Türken aus der Region Biel zu hohen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten 57 Frauen zur Prostitution gezwungen und einen florierenden Menschenhandel mit ihnen betrieben – einer der grössten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte.

Doch nur selten werden die Täter gefasst. Der Zuhälter von Elena ist nicht mehr in der Schweiz. Er ist international ausgeschrieben. Ob er sich für seine Taten jemals verantworten muss, weiss derzeit niemand. Bis dahin lebt Elena in Angst.

*Name geändert

Publiziert am 07.12.2014 | Aktualisiert am 07.12.2014
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«80 Prozent auf dem Strassenstrich arbeiten unter Zwang» Silvia Steiner, Staatsanwältin play

«80 Prozent auf dem Strassenstrich arbeiten unter Zwang» Silvia Steiner, Staatsanwältin

Sabine Wunderlin

Arbeitssklaven Zahl der Fälle steigt

Nicht nur im Sexgewerbe gibt es Opfer von Sklaverei. Immer mehr Fälle von Zwangsarbeit in der Schweiz dringen an die Öffentlichkeit. Häufig in diplomatischen Vertretungen. Die Gewerkschaft Syndicat sans frontières sammelt solche Fälle. Zum Beispiel jener Frau bei einem tunesischen Diplomaten, der ihr den Ausweis abnahm und den Lohn nur einmal im Jahr bezahlte: 6000 Franken. Oder des Ehepaars, das für eine vatikan-nahe NGO tätig war und nie bezahlt wurde. Vor Bundesgericht endete der Fall einer Angestellten der chilenischen WTO-Vertretung in Genf. Sie hatte nur 1900 Franken pro Monat verdient und nur zwei Wochen Ferien im Jahr. Vor Gericht erstritt sie sich eine Nachzahlung von über  30 000 Franken. Chile hatte vergeblich auf diplomatische Immunität gepocht. Nicht nur Diplomaten, auch Privathaushalte halten sich Sklaven. Das Basler Strafgericht hat ein österreichisches Paar wegen Menschenhandels zwecks Arbeitsausbeutung verurteilt. Es hatte eine 20-jährige Rumänin als Haushälterin und Kindermädchen angestellt, ihr den Pass weggenommen, sie geschlagen und keinen Lohn, sondern nur Essensreste gegeben.

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47 Kommentare
  • Felix  Frei aus Uster
    07.12.2014
    Sehen Sie, Frau BR: Auch EU-Frauen werden zur Prostituion gezwungen. Also warum nunr "L" Bewilligungen streichen?
    Entweder alle, oder keine.
  • Hans  Gusen aus Zug
    07.12.2014
    Herzergreifende Geschichte von dieser Elena. Solche Fälle gibt es sicher und können von der Presse blumig ausgeschmückt werden, sind aber in der Minderheit. Das Gros der Frauen hat zu Hause Kind/er und Familie und prostituiert sich freiwillig für drei Monate in der Schweiz. Danach kehrt das Mädel mit vollem Geldbeutel nach Ungarn zurück.
  • Hans  Gusen aus Zug
    07.12.2014
    Herzergreifende Geschichte von dieser Elena. Solche Fälle gibt es sicher und können von der Presse blumig ausgeschmückt werden, sind aber in der Minderheit. Das Gros der Frauen hat zu Hause Kind/er und Familie und prostituiert sich freiwillig für drei Monate in der Schweiz. Danach kehrt das Mädel mit vollem Geldbeutel nach Ungarn zurück.
  • Ivo  stehrenberger aus Sattel
    07.12.2014
    Es gibt nicht nur bekannte und Grosse Clubs wo das Geschäft einigermassen floriert. Kleine Cabarets ausserhalb einer Stadt in denen Frauen pro Nacht 150.- für ein kleines Zimmer bezahlen, ob sie einen Freier haben oder nicht. Das sind 4000.- pro Monat und pro Frau. Das ist auch eine moderne und legale Art Frauen auszubeuten. Darüber schweigt man weil der Staat auch daran verdient.
  • Christian  Stübi , via Facebook 07.12.2014
    Tja, unsere Justiz ist halt lieber damit beschäftigt Bagatellfälle zu verfolgen. Lieber beschäftigt man Gerichte und Polizei damit, Leute zu büssen, die ein Papierchen aus dem Auto geworfen haben, die den Abfallsack zu früh raussstellen oder die ein wenig zu schnell gefahren sind. Das sind ja die wirklichen Verbrecher, oder?