Kolumne vom 4. Mai 2009 - Ein Fussballmatch für die Ewigkeit
Madrid, Barrio de Chamartín, ein Steinwurf vom Estadio Bernabéu, am letzten Samstag kurz vor acht, der Besitzer der Bar schwitzt sein Hemd voll: «Ein Sieg, egal wie, Hauptsache ein Sieg!» Vier grosse Bildschirme zeigen die erste Glanztat von Casillas. «Vamos, vamos, Rrrrrrreal!»
Die Atmosphäre kocht, die Weissen kommen über rechts, Ramos flankt, Higuaín schraubt sich hoch: «Gooooooooooooooool del Madrid!» Der Barchef küsst die Gottesmutter. Das Volk schreit sich die angestaute Angst von der Seele. «Weiter so, macht sie fertig!»
Es sind 13 Minuten gespielt, Real führt zuhause gegen den Leader. Und was macht Barcelona? Nichts. Das heisst, sie machen nichts anderes als vor dem 1:0. Sie spielen wie Kinder auf dem Schulhof, Pass, Annahme, Pass, Annahme, Pass, Iniesta, Henry, Messi, Henry und schon zappelt der Ball im Netz. Fussball ist das einfachste Spiel der Welt, aber man muss Henry und Messi spielen sehen, um diese Binsenwahrheit zu verstehen.
Minuten später Freistoss Barça, Puyol wirft seine Locken in die Luft, 1:2. Alles wie gehabt, Barcelona, pim, pam, pum, pim, pam pum, Lass vertändelt einen Ball, Messi läuft allein aufs Tor, 1:3. Es sind 35 Minuten um und die ersten Real Fans verlassen frustriert die Bar.
Die zweite Halbzeit ist noch jung, als Sergio Ramos auf 2:3 verkürzt. Die Hoffnung kehrt zurück. Real hat noch über eine halbe Stunde Zeit, das Spiel zu drehen.
Die Königlichen kämpfen, sie laufen und laufen und laufen in einen Konter: «Antención, Henrrryyy, siempre Henrrryyy, gogogogoool del Barça, goool de Henrrryyy». Und da geschieht das Unvorstellbare: Die hartgesottenen Real Fans beginnen zu verstehen, dass das kein gewöhnliches Fussballspiel ist. Sie spüren, dass sie heute Abend Zeugen eines historischen Ereignisses werden. Sie vergessen ihre Trauer um die verlorene Meisterschaft und beschliessen, nur noch zu geniessen.
Das ist kein Fussball mehr, das ist nur noch Magie. Messi links, Messi recht, ein Pässchen da, ein Pässchen dort und Messi bucht zum 2:5. Den Real-Fans bleibt nichts übrig, als sich innerlich vor soviel Schönheit zu verneigen. Das 2:6 von Piqué ist die Vollendung des Meisterwerks. Iniesta geht raus und die ganze Bar applaudiert.
Der Schiri lässt nicht nachspielen. Wozu auch? So ein Spiel braucht keine Nachspielzeit. «Heut Nacht zeuge ich ein Kind», sagt der Barbesitzer. «Ich will ein Kind, um ihm später von diesem Spiel zu erzählen.»