2004 erhielt Fritz Maier eine Krebsdiagnose. Heute ist er einer von 300'000 Überlebenden in der Schweiz «Die Ärzte gaben mir noch 2 Jahre»

GÜMLIGEN BE - Krebs ist nicht immer tödlich. Dank der Fortschritte in der Medizin überleben immer mehr Menschen eine Tumorerkrankung. Inzwischen leben fast 300'000 «Survivors» in der Schweiz.

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Alles begann mit einem starken Schmerz im linken Oberschenkel. «Ich dachte zuerst, ich hätte mich beim Training übernommen», erinnert sich Fritz Maier (75) aus Gümligen BE. Doch dann kam eine schwere Lungenentzündung hinzu. Der damals noch selbständige Geschäftsmann erhielt nach zahlreichen Tests von seinem Hausarzt die niederschmetternde Diagnose: Multiples Myelom. Eine seltene Krebsart, die zu Blutarmut führt, Knochen und Nieren angreift. «Die Krankheit traf mich wie ein Hammerschlag – ich wollte nicht sterben», erinnert sich Maier, «auch für meine Familie und Freunde war die Diagnose sehr schwer.» Zwei Jahre habe er noch zu leben, hiess es damals.

12 Jahre leben mit Krebs

Die ersten Wochen während der Therapie waren hart. Mehrere Operationen und Chemotherapien waren nötig. Doch Maier überlebte.

Zwölf Jahre sind seither vergangen. «Mein Durchhaltewillen und ein Grundvertrauen in die Medizin gaben mir Kraft. Sonst wäre ich schon lange nicht mehr hier.» Was ihn bis heute am Leben hielt, davon ist Maier überzeugt, waren vor allem die Fortschritte in der Behandlung: Präzise Bestrahlungen halfen, die Krankheit zu bekämpfen. Maier gilt inzwischen als Überlebender – er ist ein sogenannter Survivor.

Einer von 300'000

300'000 Menschen in der Schweiz haben einen ähnlichen Schicksalsschlag hinter sich, wie ihn Fritz Maier erlebte: Sie alle gelten als Survivors, wie Zahlen des nationalen Instituts für Krebs-Epidemiologie und Registrierung (NICER) zeigen. In den letzten 20 Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt. Und sie wird weiter steigen: In den nächsten zehn Jahren erwarten Fachleute nochmals eine Zunahme von 30 Prozent – dann werden es fast 400'000 Sur­vivors sein. «Bei Therapien und in der Forschung wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt», sagt dazu Jakob Passweg (56) von der Schweizer Krebsliga.

Bloss: «Medizinisch gelten Krebsbetroffene heute nach erfolgreicher Therapie nicht als geheilt, sondern als chronisch krank», erklärt Passweg.

«Die Sterblichkeit sinkt»

Der wissenschaftliche Direktor des nationalen Krebsinstituts NICER, Volker Arndt, bestätigt den Trend: «Die Zahl von Krebs-Neuerkrankungen in der ganzen Schweiz nimmt zwar zu, die Sterblichkeit aber sinkt», sagt er. Krebsbehandlungen seien heute auch erfolgreicher, weil die Krankheit in einem immer früheren Stadium entdeckt werde.

Für Jakob Passweg von der Krebsliga ist deshalb klar: Die wachsende Zahl von Survivors wird in den kommenden Jahren zu einer He­rausforderung für die Schweiz. «Wir setzen uns dafür ein, dass Angebote für die Langzeitüberlebenden deren Bedürfnissen gerecht werden.» Die Krebsliga biete zwar schon heute psychoonkologische Beratung und Begleitung an. «Doch es braucht mehr», fordert Passweg.

Es mangelt an Fachleuten

An vielen Spitälern fehlen heute ausgebildete Fachleute und die Mittel für die Langzeitbetreuung von Krebsüberlebenden, wie die Psychologin Brigitta Wössmer (60) vom Universitätsspital Basel sagt. Wössmer stand lange der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoonkologie vor und bildet selbst Fachleute aus. Die sind gefragt: «Bloss etwa 20 Prozent der Patienten, die heute eine Betreuung möchten, erhalten diese auch», so Wössmer.

Dass diese Spezialisten dringend nötig sind, zeigen Erhebungen des nationalen Krebsinstituts NICER: «Beziehungen und Freundschaften werden durch eine Krebserkrankung eingeschränkt – das wirkt sich auf die Lebensqualität der Betroffenen aus», sagt Volker Arndt.

Weil eine Betreuung durch Fachleute oft fehlt, haben sich Betroffene wie Fritz Maier selbst organisiert. Er engagiert sich seit Jahren in der Myelom-Kontaktgruppe Bern. Hier treffen sich Patienten mit derselben Diagnose, tauschen sich aus, geben ­einander Halt. «Noch heute ist Krebs ein Tabu», weiss Maier aus eigener Erfahrung, «darunter leiden die Betroffenen sehr».

Regelmässige Tests

Dass die Entdeckung ­eines Tumors aber längst kein Todesurteil mehr sein muss, sei «in den Köpfen der Menschen noch nicht angekommen», so Maier.

Alle zwei Monate geht er zum Screening. Dabei werden seine Blutwerte getestet und geprüft, ob sich der Krebs weiterentwickelt. Trotz seiner Erkrankung ist er aktiv, wird von seiner Partnerin und der Familie gestützt. Der begeisterte Pistolenschütze nahm im letzten Sommer gar am Eidgenössischen Schützenfest im Wallis teil. Er sagt: «Ich lebe heute. Was morgen ist, werden wir sehen.»

Publiziert am 25.03.2016 | Aktualisiert am 09.09.2016
Diagnose Krebs

«Angehörige brauchen oft mehr Unterstützung»

Bricht der Krebs aus, leiden nicht nur die Patienten, sondern auch ihre Angehörigen – das weiss Isabella Schmid (45) aus eigener Erfahrung. Die Schweizer Schauspielerin erkrankte mit 29 an Krebs, überwand die Krankheit. Heute lebt sie wieder wie vor der Diagnose und engagiert sich für Kranke und deren Familien und Freunde.

Sie rief die Charity-Aktion «Cinema for Life» ins Leben, holte Filmschaffende, Musiker und Künstler an Bord.  2005 verlor Schmid eine gute Freundin an Krebs. Sie weiss: «Oft brauchen die Menschen im Umfeld mehr Betreuung als die Erkrankten selbst.» Sie kämpfe deshalb schon seit 15 Jahren für eine Psychoonkologie für Angehörige.

Krankenkassen reagierten viel zu langsam auf Veränderungen, kritisiert sie. «Heute werden Chemotherapien oft ambulant durchgeführt, die Angehörigen kümmern sich dann zu Hause um ihre Liebsten. Aber sie sind oft überfordert – in jeder Hinsicht.» Neben der Pflege der Kranken müssen Kinder betreut, der Haushalt erledigt werden. «Daran gehen Familien und Freunde kaputt.» In solchen Fällen brauche es deshalb eine Anlaufstelle, wo unkompliziert Hilfe angeboten werde.

Wie belastend eine Krebsdiagnose sein kann, muss derzeit Sänger Piero Esteriore (38) erfahren. Im letzten August erhielt er zusammen mit seinem Bruder Gabriele (20) die Diagnose Hodenkrebs. Während bei Piero der Tumor durch eine Operation entfernt wurde, muss Gabriele nun schon die dritte Chemo über sich ergehen lassen.

«Ihm geht es elend», sagt Piero. «Die Familie ist rund um die Uhr bei ihm im Spital, Freunde schreiben ihm – das hilft. Aber: «Besonders meine Mutter leidet sehr.»

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5 Kommentare
  • Hanspeter  Niederer 25.03.2016
    An jedem chronisch Kranken verdienen sich Medizin und Pharma eine goldene Nase. Ein Heilmittel zu finden gegen chronische Krankheiten ist daher ein No-Go für die Pharmaindustrie.
    • Hugo  Wirz 26.03.2016
      Danke für die aufmunternden Worte, Hanspeter Niederer. Hab grad letzte Woche die Diagnose Krebs erhalten. Soll nun in den Thomografen um zu schauen, ob es Ableger hat.
      Aber da zu helfen, ist ja für Sie ein No-Go...
  • Dieter  Neth aus Trimbach
    25.03.2016
    Ein guter Artikel. Leider wird in der Bevölkerung weiterhin der Irrglaube Krebs=Tod auf Raten aufrechterhalten, gerade durch Filme und Serien. Auch die Unsitte mit den angeblich verbleibenden Jahren sollte auf aggressive, offensichtliche Fälle beschränkt bleiben. Man muss den Krebs auch nicht "besiegen", es reicht, mit ihm leben zu lernen, wie mit einem Diabetes. Das gilt auch für die Angehörigen. Eine gewisse Alltagsnormalität ist sehr förderlich für einen Erkrankten und die Familie.
  • E.  Huber aus Chur
    25.03.2016
    Bereits Kinder bekommen heutzutage ja schon Krebs, man würde besser mal den heutigen ungesunden, aufgezwungenen Lebensstil der Industrieländer welcher nicht "artgerecht" ist einmal hinterfragen.
    Aber wie sagte Ex - Novartis Vasella kürzlich? Krebs Medikamente sind sehr lukrativ... So hat man kein Interesse was grundsätzlich zu ändern.