«Kinder haben ein Recht aufs Internet»

  • Publiziert: 12.12.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview Gabrielle Kleinert und Ursula von Arx

Ein Leben ohne Google oder Facebook? Heute undenkbar! Wenn einer weiss, wie das Internet unsere Jugend verändert, dann Urs Gasser. Ein Gespräch mit dem Professor für Informationsrecht aus St. Gallen.

SonntagsBlick Magazin: Wie alt sind Ihre Kinder?
Urs Gasser:
Meine Tochter Ananda ist sieben, mein Sohn Dave vier.

Dürfen sie am Computer spielen?
Ja, beide. Ananda hat einen Computer für Lernspiele wie Memory oder Rechenübungen. Und Dave darf seit etwa einem halben Jahr an den Computer. Er mag Autorennen. Ich weiss, pädagogisch nicht besonders wertvoll!

Autorennen? Was bringt ihm das?
Er lernt den Umgang mit dem Computer. Was passiert, wenn er auf eine falsche Taste drückt, wie man einen PC an- und ausschaltet, wie man die Maus bewegt.

In Ihrem Buch schreiben Sie von der Generation der «Digital Natives». Was verstehen Sie darunter?
Die Generation der ab 1980 Geborenen. Sie können sich ein Leben ohne Google nicht mehr vorstellen. Ihre Beziehung zu Informationen ist ganz anders als die unsere.

Beschreiben Sie mal.
Kennen Sie Facebook? Das ist das heutige «Meine Schulfreunde»-Album. Nur dass die Freunde ihre Einträge laufend ergänzen, mit Bildern, Musik, Videos ... Digital Natives sind höchst kreativ. Sie machen auch keinen Unterschied zwischen der digitalen Welt und der realen!

Aber es gibt doch einen grundlegenden Unterschied!
Für Digital Natives nicht mehr. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich wurde auf dem Pausenplatz oft gehänselt. Diese Art von Mobbing geschieht heute übers Internet – man nennt das «Cyberbulling».

Aber den Computer kann man ausschalten! Auf den Pausenplatz hingegen muss man immer wieder...
Aber wenn alle deine Kollegen und Freunde bei Facebook dabei sind, willst du es auch. Kontakte in Facebook sind also genauso viel wert, wie die auf dem Pausenplatz.

Dafür sitzen die «Digital Natives» ewig vor dem Computer...
Da haben die Eltern natürlich eine hohe Fürsorgepflicht – aber Sie müssen wissen: Kinder haben auch ein Recht aufs Internet.

Ein Recht?!
Sie haben grundsätzlich ein Recht auf Kommunikation und Information. Und das läuft heute übers Internet. Somit muss ein Jugendlicher Informationen aus dem Netz beziehen können und sich da austauschen. Es hat auch ein Recht auf die Teilnahme an den sozialen Netzwerken des Internets und darf sich da auch politisch engagieren.

Eltern können den Computer also nicht verbieten.
Sie dürfen den Jugendlichen natürlich Schranken setzen, aber diese Massnahmen müssen zum Kindeswohl geschehen. Das Alter des Kindes spielt da natürlich eine grosse Rolle.

Wie oft sind Sie selber eigentlich online?
Ich bin immer online, ausser im Flugzeug. Und das ist für mich die entspannendste Zeit überhaupt!

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