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Eine emotionale Mangelwirtschaft, wie Christin sie in ihrer Kindheit durchlebte, löst bei Mädchen ein tief verankertes Gefühl dafür aus, fehlerhaft oder unvollständig zu sein. Manche Kinder entwickeln daraus sogar ein unheilvolles Selbstverständnis der eigenen «Nichtexistenz».
Christin ist eine typische «Gefall-Tochter». Das ganze Leben ist davon bestimmt, das in der Kindheit erworbene negative Selbstbild loszuwerden. Der Weg dahin führt über den Versuch, Männern auf vielerlei Weise zu gefallen; nicht nur durch eine überdeutlich zur Schau getragene Sexualität werden dann Ersatzväter angelockt, um eine Machtposition ihnen gegenüber aufbauen zu können; die Strategien dieser Frauen sind vielmehr vielfältig.
Der Satz, den ich in Gesprächen mit Gefall-Töchtern am häufigsten hörte, war: «Ich glaube den Verstand zu verlieren, nicht mehr denken zu können.» So gross war die dauerhafte Fixierung auf einen Mann und seine Bedürfnisse. Manche setzen dabei ganz auf Äusserlichkeiten, sie kleiden sich extrovertiert und sexy in grellen Farben, sie gehen joggen, machen Diäten, schminken sich übermässig oder müssen sich zwanghaft häufig vor einem Date umziehen.
Diese Frauen zeichnet eine starke Fixierung auf das «Begehrt-Werden» durch Männer aus. Ihre Erlösungsformel lautet: Werde ich von einem Mann begehrt, existiere ich. Wird diese Erlösung zuteil, ist Sexualität oftmals nebensächlich. Das Ziel ist erreicht, der Mann hat seinen Zweck erfüllt. Für Männer ist bei diesen sehr mit ihren körperlichen Reizen lockenden Frauen dann kaum nachvollziehbar, warum sie, obwohl sie doch ganz offensichtlich so intensiv lockend schöne Augen gemacht haben, sich dann auf einmal zurückziehen und das Weite suchen.
Die Gefall-Tochter kann auf Sex oft gut verzichten, da sie meistens ein gespaltenes oder unsicheres Verhältnis zu ihrem eigenen Körper hat – der ihr ja als «Lockwerkzeug» dient. Ein Ausweg stellt für manche Frauen die lesbische Liebe dar, die jedoch von vielen Frauen nicht frei ausgelebt, sondern, von kruden Moralvorstellungen geprägt, nur in verborgenen Winkeln der eigenen Fantasie versteckt wird.
Häufiger als über optische Reize versuchen die Gefall-Töchter – daher die in der Literatur gebräuchliche Bezeichnung – durch gefälliges Verhalten Zuneigung zu erheischen. Schon Dreijährige wissen, auf dem Schoss des Vaters sitzend, welchen Augenaufschlag sie zeigen müssen, um bei Papa Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die spätere Verführfrau ist geboren. Bleibt der Vater dennoch desinteressiert, wird die Dosis erhöht.
Die Grenzen der nach Aufmerksamkeit ringenden Gefall-Tochter sind damit also fliessend. Wir alle kennen solche Frauen aus unserem Bekanntenkreis. Sie versuchen, es allen recht zu machen, insbesondere Männern.
Sie sind grossartige Mitarbeiterinnen, die den von Männern – zur Beförderung der eigenen Karriere – erfundenen «Teamgeist» bestens leben und als «Zuträgerinnen» in vielen Unternehmen und Familienbetrieben nicht nur den grössten Teil der «echten» Leistung erbringen, sondern sich dann auch noch mit einer untergeordneten Rolle zufriedengeben, wenn es um die Verteilung der Lorbeerblätter geht. Das Motiv dieser Frauen lautet: «Nur nie wieder in Vergessenheit geraten», nie wieder das schmerzliche Gefühl des Desinteresses zu erfahren.
Dabei merken die Gefall-Töchter nicht, dass sie längst in die Falle ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung gegangen sind. In Beruf und Ehe werden sie oft zu einer Art Inventarbestandteil, aus Angst vor der Zurückweisung haben sie die Kraft verloren, aufzubegehren, sich zu wehren, eigene Bedürfnisse zu formulieren.
Und wer sich nicht bemerkbar macht, wer nichts fordert, bekommt auch nichts. Das ist nicht notwendigerweise eine beabsichtigte «Strategie» zur Unterdrückung durch Beziehungspartner oder Chefs und Kollegen. Vielmehr wird es einfach «vergessen», ist doch jeder im Alltäglichen hauptsächlich auf sich selbst und seine Belange konzentriert.
Damit schliesst sich auf verhängnisvolle Weise der Kreis der betroffenen Frauen auf ihrer verzweifelten Suche nach Beantwortung, nach Resonanz.
Lesen Sie morgen im BLICK Folge 5: Die Leistungs-Tochter.
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Autor Roman Maria Koidl. (Susanne Schleyer)