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Svetlana ist gestolpert, einem Herrn in Anzug in die Arme gefallen. Der hat sie geistesgegenwärtig aufgefangen, sie hat aufgeschaut, er hat ihr tief in die Augen geblickt, sie hat den Kopf geschüttelt, sich aufgerafft und ist weitergerannt. Keine Zeit für solche Dinge. Otto und die Blondine sind derweil schon bei der Treppe angelangt, bald sind sie draussen, sie legen ein schnelles Tempo vor. Svetlana bleibt dran, sie ist bereits etwas ausser Atem. Die Treppe runter, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinter ihr folgt jemand, sie hört den keuchenden Atem und die polternden Schritte, Zeit, sich umzudrehen gibt es jetzt natürlich nicht. Sie stösst die Glastüre auf, dort rennen die Verfolgten stampfend durch den Schnee und es ist jetzt leichter für Svetlana aufzuholen, weil die Bleistiftabsätze der langen Dünnen immer wieder tief im neu gefallenen Weiss versinken und viel kostbare Energie auf das Rausziehen der hübschen Schuhe verschwendet wird.
Noch acht Schritte, noch vier, noch zwei – dann hat Svetlana die Flüchtenden eingeholt. Sie beschleunigt ein letztes Mal, greift im Rennen nach vorne, kriegt den Mann am Kragen zu fassen, krallt sich daran fest.
Der Verfolgte, durch das abrupte Anhalten aus dem Gleichgewicht gebracht, rutscht aus und fällt ungebremst und Kopf voran in den Schnee. Svetlanas Finger gleiten von seiner synthetischen Skijacke ab, sie bleibt stehen, wartet darauf, dass der Mann aufsteht. Doch der macht keinen Wank. Nur die Blondine räuspert sich. Die Verfolgerin wendet sich an sie. «Wer sind Sie?», fragt Svetlana in ihrem schönsten Deutsch. Das nützt nichts, sie wird nicht verstanden. Die andere schüttelt nur den Kopf und schaut sie fragend an. «Geh», sagt Svetlana, «hau ab». In Zeichensprache bedeutet sie ihr wegzurennen.
«Kann ich helfen?», hört Svetlana plötzlich eine Stimme hinter sich. Sie dreht sich um. Vor ihr steht ein Typ in Anzug, derselbe Typ, der sie vorher aufgefangen hat.
«Nein, ich will dem Mann nur ein Geschenk machen», sagt sie, zeigt auf die immer noch im Schnee liegende Gestalt und holt die Matrjoschkas hervor. «Die habe ich extra für ihn gebastelt.» Endlich bewegt sich der Gefallene, steht ächzend auf und verzieht das Gesicht.
Otto schaut an Svetlana vorbei ins Leere. «Wo warst du?», fragt sie. Er schüttelt den Kopf und brummelt «lass mich in Ruhe». Svetlana lässt nicht locker. Wer diese Frau sei, will sie wissen. Otto lacht hämisch auf. «Kennst du sie nicht, das ist eine Verbündete von dir – eine billige Russin, so wie du, für ein bisschen Geld machen die alles.»
Weiter kommt Otto nicht, denn jetzt schlägt ihm Svetlana die grösste Holzpuppe – es ist der freundlich blickende Gemeindepräsident von Unterthal – mit aller Kraft über den Kopf. Otto heult auf und hält sich die Hände über den Kopf. Svetlana nutzt die kurze Unaufmerksamkeit, um den massigen Körper weiter unten anzugreifen. An Otto lässt sie allen Ärger aus, der sich in den letzten Wochen in ihr aufgestaut hat. Es hat sich viel aufgestaut. Erst als der Schnee ein paar rote Tupfen abgekriegt hat, lässt sie von Otto ab.
«Sie sind ja ganz schön impulsiv», sagt der Mann im Anzug. «Mir gefallen Ihre Puppen – sind die selbst gemacht?» Svetlana nickt. Sie nimmt die Einladung des Fremden, einen Kaffee trinken zu gehen, gerne an. Otto vergisst sie im Schnee. Er ist der Letzte der Familie Michel, den sie jemals zu Gesicht kriegt.
Vier Tage später fährt Svetlana zurück nach Russland, gerade noch rechtzeitig für die orthodoxe Weihnacht. An ihrer Seite sitzt ein Mann im Anzug, der Trainer des Moskauer Spengler-Cup-Siegers. Er hat Svetlana einen verlockenden Vorschlag unterbreitet. Für die nächste Eishockey-WM könne sie die Maskottchen machen.
So gehen die Vorkommnisse des letzten Jahres vergessen. Jedenfalls fast. Von der Kiste mit Amphetaminen, die Svetlana der Polizei nicht übergeben hat, muss ja niemand etwas wissen. Dieses Startkapital steht Svetlana zu, schliesslich hat sie der Polizei nicht verraten, dass Stefan mit Bänz unter einer Decke steckte.
Ende
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Die Krimi-Autorin Marina Bolzli. (Philippe Rossier/Blick)