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In der gemütlichen Gaststube lodert ein offenes Kaminfeuer verbrennt feinstes Buchenholz. Romantik pur. Es ist wohlig warm, so richtig heimelig. «Cheli»-Duft (Kaffee Schnaps) hängt in der Luft. Rund ein Dutzend Gäste geniessen diesen Hüttenzauber. Darunter berühmte. So hat sichs Extrem-Bergsteigerin Evelyne Binsack (41) auf einer urchigen Holzbank gemütlich gemacht. Sie kommt von einer Skitour. Für die erste Schweizerin auf dem Dach der Welt, dem Mount Everest (8850 m), ist Feierabend. Hier oben, auf der Schwarzwaldalp (1456 m), in der Gaststube des Hotel-Chalets. Den Feierabend müssen sich andere Gäste noch abverdienen. Auf sie wartet noch Schwerstarbeit.
Draussen bläst der Wind Schneefahnen um die Häuserecken. Es ist bitterkalt, 16 Grad minus. Hansruedi Kohler (45) besteigt den «Pistenbulli». Die riesige Schneefräse steuert Peter Seematter (48). Dann fahren die beiden 500 Höhenmeter hinauf auf die Grosse Scheidegg. «Es müssen noch zwei Steilkurven ausgefräst werden», meint Bau- und Pistenchef Kohler. Es ist Freitagabend. In 18 Stunden startet das Hornschlittenrennen.
Drinnen, in der gemütlichen Gaststube vor dem lodernden Kaminfeuer: letzte OK-Sitzung. «Du fährst den Bus mit den Samaritern», sagt René Kohler zu Bruder Hansruedi (63). Wie viele Erste-Hilfe-Leister sie denn benötigen? René lacht: «Je nachdem.»
Hochprozentiges Doping
Die Runde schwärmt vom Vorjahr. Das Wirtepaar Michi Blatter und Urs (Ürsel) Leuenberger hätte für die Sportler extra hektoliterweise Milch parat gestellt. «Und was heisi trunke? Eis ‹Cheli› nach em anderä», so Serviertochter Manuela (22). Bereits um 11 Uhr morgens sei der Schnaps ausgegangen. «Auf der Milch sind wir hocken geblieben.» Chrigel Heissler: «Daruf wämmer jetzt grad na einä packe.» Zwei Linien Schnupftabak auf die Handoberfläche und: «Pries.»
Der Renntag: Eine Autokolonne wälzt sich von Meiringen die enge, schneebedeckte, 14 Kilometer lange Bergstrecke hinauf. Die Autos haben eines gemeinsam: einen Hornschlitten auf dem Dach. Franz Murer (36) präpariert die Schlitten-Kufen. «Mit em Wachs vom Didier Cuche.» Und wie stehts denn mit dem Doping? «Ja scho – aber nur Appezöller.» Fahren im angetrunkenen Zustand. Die Schlittler grölen: «D Polizei schaffts doch gar nöd bis da uffä.»
Drinnen, in der gemütlichen Gaststube vor dem lodernden Kaminfeuer. «Jetzt chömed d Sumpfdotterbluemä», schreit einer. Hallo wie bitte? «Das sind ebä die, wo vil suffed.»
Die Hornschlitten sind auf die Lastwagen gepackt. Die Schlittler haben in mehreren Postautos Platz genommen. Der Start rückt näher. Im Konvoi gehts bergwärts. Durch tief verschneite Wälder, entlang meterhohen Schneemauern.
«Tü, dä, do – tü, dä, do!» Und oben, auf der Scheidegg, geht das Festen weiter. Einige trinken sich Mut an, nehmen ihr Doping: Appenzeller. Denn vor den Schlittlern liegt eine 5,5 Kilometer lange, steile, kurvenreiche Höllenfahrt. Mit Spitzengeschwindigkeiten von über 60 Stundenkilometern.
Über 260 Schlitten
Und los gehts. Ladies first! Zu zweit gehts talwärts, angefeuert von den bergtauglichen Zuschauern. Die Steuerfrau nimmt auf dem Schlitten vorne Platz, ihre Partnerin legt sich hinten ins Zeug. Sie hilft durch Gewichtsverlagerung, die steilen Kurven zu kriegen. Gebremst wird nicht. Die «Alpärockwyber» sind gut unterwegs. Der Schnee stiebt.
Gewagtes Überholmanöver schon nach einem Kilometer Fahrt. Dann noch ein Schanzensprung. Und sie sind im Ziel. Nach 11 Minuten, 25 Sekunden und 45 Hundertstel. Platz 2.
Der Speaker feuert die Schlitter an: «Hei, Giele, chömed, bravo.» Am Streckenrand schreit ein aufgeregter Zuschauer: «Wo bliibt denn d Nummerä 74?» Nummer 75 rast vorbei, dicht verfolgt von der 76. «Was hei die au gmacht!» Es folgt die 77.
«Gottfridstutz!» Dann endlich: die Erlösung. Die Nummer 74 kommt doch noch. Der Speaker ruft: «Danke dem Spänder. S isch bi üs grad Appezöller iitroffä.» Lotto gespielt wird einmal anders: einfach seinen Namen auf einen Notizzettel schreiben, einen Franken einzahlen und abgeben – fertig.
Über 260 Schlittler haben am längsten Hornschlittenrennen Europas teilgenommen. Die Schnellsten schafften die Strecke in weniger als 10 Minuten.
Durchschnittsgeschwindigkeit: fast vierzig. Doch das Rennen scheint nur ein Vorwand für die nachfolgende «Älplerchilbi» zu sein. Ein Riesengaudi.
Im Festzelt spielen die «Ländlergiele Biglen» zum Tanz auf. Geschwoft und geschunkelt wird mit steigeisenfesten Bergschuhen, in langen Unterhosen, Faserpelz-Pullovern und Winterjacken. Auf den Köpfen der Bergler die legendären orangen Ovomaltine- und die rot-blau-weissen SKA-Kappen.
Dann der Höhepunkt: Peter Müller alias Elvis. Mit dem Snow-Scooter kommt er standesgemäss ins Felszelt gerast. Feuerwerk sprüht. Dann wird abgerockt. Bald steht kein Bein mehr auf dem Boden. Die Menschen tanzen auf den Tischen. Bis sechs Uhr in der Früh.
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Höllenfahrt: Die Hornschlittler erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über 60 Stundenkilometern. (Toini Lindroos)