On the road mit Christian Bauer Ein Provinzler in Amerika

Reisejournalist Christian Bauer fühlt sich auf seinem Roadtrip in den USA wie ein Hinterbänkler. Manchmal trotz er deshalb wie ein Kind - bis der Tüteneinpacker ihm eine Lehre erteilt.

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Christian Bauers Roadtrip startet in Las Vegas. ZVG

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Reisen

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Unterwegs mit M. auf einem Roadtrip von Las Vegas nach Seattle. Ami-Schlitten, Motels, Fast-Food, unser persönliches Roadmovie. Vor 20 Jahren war ich schon einmal hier; ein Greenhorn, zu jung, um ein Auto zu mieten. Damals hat mich das Land umgehauen – und das tut es noch heute. Jetzt möchte ich der schönen M. das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» zeigen.

Schon beim Landeanflug auf Las Vegas sehen wir unser Hotel, das Luxor, die ägyptische Pyramide. M. klebt mit der Nase am Fenster. «Dort wohnen wir», sage ich. «Das ist ja krass!», ruft M. «Krass» sagt sie oft auf dieser Reise. Amerika hat diese umhauende Wirkung auf Besucher: Man fühlt sich mickrig, wie ein Almdudler, der zum ersten Mal sein Bergtal verlässt.

Die Auto-Frage

Das beginnt schon bei der Automiete: «Wollen Sie wirklich mit diesem Auto durchs Death Valley fahren?», fragt uns der Ashton- Kutcher-Verschnitt. Wir haben das kleinste Modell gebucht – zum Geldsparen. Einen Mini-Staubsauger mit zwei Türen. «Ja. Mein Auto zuhause ist auch nicht grösser», sage ich. Er lächelt. «Brauchst du bei dir da in Europa eine Klimaanlage?» «Nein.» Er lächelt breiter. «Also: grosses Auto, grosse Klimaanlage. Die werdet ihr brauchen. Junge, du bist in Amerika!»

Mein Hinterwäldler-Gefühl ärgert mich und manchmal trotze ich auf unserem Trip wie ein Dreijähriger. Dann motze ich über alles: die Gesundheitspolitik, die Warnschilder, die Monster-Tucks, die Pappmaché-Häuser. Manchmal kann ich ziemlich arrogant sein. M. findet mich dann doof.

  • Zur Person

    Im zarten Alter von drei Jahren bestieg Christian Bauer zum ersten Mal ein Flugzeug Richtung Afrika. Erst sieben Jahre später kehrte er wieder in die Heimat zurück. Seitdem faszinieren ihn fremde Kulturen und Länder. Mittlerweile ist aus seiner Reisebegeisterung ein Beruf geworden.

Eine Stadt, so heimelig wie die Gotthardröhre

Eines Abends erreichen wir das Städtchen Crescent City am Pazifik, ein verlaustes Loch. Ein Riesenparkplatz mit versprenkelten Häusern drauf, Motels, Fastfoodketten. Mittendurch rattern Laster auf dem Highway 101. Wir sind müde und suchen ein Motel.

M. findet einen Schuppen, der angeblich 3 Sterne hat, wahrscheinlich sind es null. Sie kommt von der Rezeption zurück und grinst. «Ich hab denen mein Halbtax als ID angegeben. Sie habens geglaubt und es kopiert.» «Dann können wir ja im Zimmer die Sau raus lassen», sage ich – zweideutig.

Aber das Zimmer ist eine Katastrophe. Wir sitzen auf dem Sofa mit Flughafen-Teppich-Design und berauschen uns an einer Galone «Arizona Green Tea Ginseng Honey».

Andere Länder, andere Shopping-Sitten

Irgendwann bekommt M. Hunger auf einen frischen Salat. Es ist kurz vor 20 Uhr. M. hat einen Safeway entdeckt. «Wir sollten uns beeilen, der macht bald zu», dränge ich. Wir rasen durch die Jammer-Stadt. Zwanzig nach acht ste-hen wir an der Kasse und der Laden hat immer noch auf. «Wie lange hat der Shop geöffnet?» frage ich den Boy, der unsere Sachen einpackt. Der schaut uns mit grossen Augen an. «Der hat keine Ahnung, wie lange der Laden auf hat», sage ich auf Deutsch zu M. «Die Amis sind schon ein selten dämliches Volk.»

Die Trostlosigkeit in der Stadt deprimiert mich. Es regt mich auf, dass ich meine Sachen nicht selbst einpacken kann und wir für den kleinen Einkauf automatisch fünf Plastiktüten bekommen. Ich bin gar nicht mehr zu bremsen, ausserdem habe ich Hunger auf einem Burger.

Der arme Junge bekommt meine ganze schlechte Laune ab. «Woher kommt ihr?» fragt der Boy. «Aus der Schweiz.» «Das kenne ich, das liegt in Europa.» «Der verwechselt das bestimmt mit Schweden» sage ich zu M. «Von der französischen oder der deutschen Schweiz?» «Der ist ja krass», grinst M.

Erleuchtung mit voller Wucht

Ich bin nicht zu stoppen: «Also, wann macht der Laden zu?» frage ich ihn in der Hoffnung, dass er keine Ahnung hat. Sein Blick hat nun etwas Mitleidiges. «Ich fürchte, wir haben 24 Stunden geöffnet», antwortet er höflich, um den unwissenden Fremden aus der kleinen Schweiz nicht zu beschämen.

Bumm, das war ein Schlag in die Weichteile. Der Tütenpacker hat mir meine erbärmliche Arroganz um die Ohren gehauen. M. lächelt. Es tut mir leid, ich tue mir leid. Von da an versuche ich, Amerika und seine Menschen wahrzunehmen, ohne zu beurteilen. Und plötzlich wird mein Denken frei, so seltsam frei.

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Publiziert am 24.04.2016 | Aktualisiert am 24.04.2016
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