Unterwegs auf Schneeschuhen Im Watschel-Gang über den Gletscher

Unterwegs auf grossen Füssen: Schneeschuhlaufen wird immer beliebter. Was ist dran an der Trendsportart? Ein Selbstversuch auf dem Jungfraujoch.

Schneeschuh-Wandern am Jungfraujoch fühlt sich an wie eine Expedition im Himalaya. play

Schneeschuh-Wandern am Jungfraujoch fühlt sich an wie eine Expedition im Himalaya.

Christian Bauer

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An diesem Novembertag ist das Wetter ein Gottesgeschenk: strahlender Sonnenschein und eine Fernsicht zum Jubilieren. Vom Jungfraujoch auf 3466 Meter reicht der Blick gen Nordwesten bis zu den französischen Vogesen, im Süden piksen Drei- und Viertausender en masse ins makellose Blau. Der Panorama-Blick ist gewaltig und ein perfekter Foto- und Videomoment für die vielen asiatischen Besucher – würde ich nicht wie eine plattfüssige Ente mitten durchs Bild watscheln. Ich bin unterwegs auf einer etwa vierstündigen Schneeschuhtour vom Jungfraujoch, vorbei am Fusse des Mönchs bis hinüber zum Ewigschneefeld. Damit bin ich voll «in»: Schneeschuhtrekking hat sich in den letzten Jahren zum Winter-Trendsport gemausert.

«Wir erleben eine steigende Nachfrage an Schneeschuherlebnissen», bestätigt Johann Kaufmann, Geschäftsführer von Grindelwald Sports, der mich durch die Gletscherlandschaft führt. Wanderungen auf Schneeschuhen kombinieren den Wunsch nach Entschleunigung und Aktivferien perfekt. Ein besonderer Vorteil: Mit den Riesenwatscheln können sogar Ski- und Langlauf-Laien in abgeschiedene Regionen vordringen. Klar: Die grosse Schuhfläche verhindert ein Einsinken in frischem Schnee – mit Wanderstiefeln hätte man da keine Chance.

 

Die grundlegende Technik ist einfach, auch wenn der breitbeinige Gang keine Augenweide ist. Aber ohne gründliche Vorbereitungen geht eine Schneeschuhwanderung in alpiner Höhe natürlich nicht. Gefahren gibt es in den Bergen immer – auch in vermeintlich einfachem Terrain. In unserem Fall sind das Lawinen und Gletscherspalten. Die Lawinengefahr ist gering, dennoch hat Bergführer Kaufmann eine Lawinenschaufel und eine Sonde dabei. Jeder von uns trägt ein Lawinenverschütteten-Suchgerät, das die Lage des Verunglückten bis auf wenige Zentimeter genau angibt. Wird man verschüttet, geht es um jede Sekunde – schon nach drei Minuten könnte der Tod durch Ersticken eintreten.

Eine reale Gefahr auf unserer Tour sind die Spalten im Gletscherfirn. Hier oben, wo der Aletschgletscher beginnt, klaffen strassenbreite Risse wie Höllentore im ewigen Eis. Nach Neuschnee sind die Spalten mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die unter den Füssen wie Herbstlaub zerbröseln. Da möchte man nicht hineinstürzen. Deshalb schirrt mich Kaufmann an einem Bergseil an. Etwa acht Meter Seil ist immer zwischen uns, sodass man Zeit zum Reagieren hat, falls einer von uns in die Tiefe stürzt. Wir schützen uns gegenseitig.

«Falls ich falle, musst du mich halten, ich komme dann von alleine wieder hoch», erläutert der drahtige Grindelwalder. «Wenn du in die Spalte stürzt, warte einfach, bis ich dich hochziehe.» Ob mich das beruhigen soll? Die Gefahr gibt unserem Marsch hinter dem Schweizer Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau einen Hauch von Abenteuer – da macht es auch nichts, dass ich mich fühle wie ein angeschirrter Esel. Nach dem ersten Durcheinander mit Seil, Wanderstöcken und Monsterfüssen flutscht das Schneeschuhlaufen wie von selbst. Vom Jungfraujoch geht es zunächst hinüber zur Mönchsjochhütte, dann hinunter zum gänzlich unberührten Ewigschneefeld, einem Zufluss zum Aletschgletscher.

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«Ich freue mich wahnsinnig, heute hier zu sein», jauchzt Kaufmann, als sich die jungfräuliche Landschaft vor uns ausbreitet. Dabei hat der 42-jährige Bergsteiger schon Achttausender im Himalaya bestiegen. Dagegen ist das hier ein Kinderspiel. Allerdings nicht für mich. Beim steilen Abstieg in den kleinen Kessel rutsche ich aus und baumle am Seil.

«Das habe ich mir schon gedacht», lacht Kaufmann. «In anspruchsvollem Gelände muss man die Schneeschuhtechnik etwas üben.» Anfänger, die nicht auf einer geführten Schneeschuhtour oder auf präparierten Pisten in den Bergen unterwegs sind, sollten daher einen Einführungskurs besuchen, der auch Lauftechniken in unwegsamen Terrain und das Vermeiden von Lawinen beinhaltet.

Für mich Greenhorn haut Kaufmann deshalb Tritte in den Schnee, die mich wie eine Treppe nach unten führen. Dank der XXL-Schuhe sinken wir auf der Gletscherebene nur etwa 15 Zentimeter ein. Anstrengend ist das Laufen dennoch, da sich jeder Schritt wie eine Treppenstufe anfühlt. Auch die Höhe (wir sind derweil auf 3600 Metern) fordert ihren Tribut: Der Sauerstoffmangel schwächt den ungeübten Körper.

Unser Tempo ist dementsprechend gemächlich. So bleibt mehr Zeit, die Landschaft zu geniessen. Überhaupt geht es hierbei nicht um Geschwindigkeitsrekorde, sondern um den Genuss. Nach gut vier Stunden sind wir wieder zurück am Jungfraujoch. Eine andere Gruppe steht mittlerweile auf der Plattform und fotografiert sich die Finger wund. Aber jetzt watschle ich bestimmt etwas eleganter durch die grandiose Landschaft.

Fazit: Die Tour war ein herrlicher Spass. Für all jene, welche die winterliche Bergwelt in Ruhe geniessen wollen, ist ein Schneeschuhtrekking eine schöne Alternative zu Langlauf oder klassischer Wanderung.

Weitere Informationen

Grindelwald Sports bietet verschiedene Schneeschuherlebnisse an.

  • Einsteiger können beim «Schnupperkurs Schneeschuhlaufen» innert zwei Tagen die grundlegenden Techniken (Kartenlesen, Einschätzung der Lawinengefahr, Beachtung Wildschutzzonen) erlernen. Preis: 420 Franken pro Person in Kleingruppe, Übernachtung mit Halbpension inklusive.
     
  • Beim dreitägigen «Grundkurs Schneeschuhlaufen» (Lauftechniken, in steilem Gelände Lawinenausbildung, Schneebeschaffenheit, Rettungstechniken u.v.m.) werden die ersten Erfahrungen in Theorie und Praxis vertieft. Preis: 645 Franken in Kleingruppe, Übernachtung mit Halbpension inklusive.
     
  • Die Königsdisziplin der Region ist eine viertägige Tour über die Gletscher des Unesco-Weltnaturerbes mit der Besteigung der Aebniflueh (3962m). Preis 885 Franken pro Person inklusive Übernachtung mit Halbpension.

Informationen: www.grindelwaldsports.ch

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Publiziert am 16.12.2015 | Aktualisiert am 18.01.2017
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2 Kommentare
  • Peter  Leo 16.12.2015
    Da würde ich mal sagen, wer mit Schneeschuhen watschelt, der watschelt auch ohne Schneeschuhe. Ausserdem kann man mit Schneeschuhen auch unter 3000 m schöne Touren machen, ohne dabei die Lawinengefahr heraufzubeschwören. Wer normal laufen kann, hat mit Schneeschuhe kein Problem. Bei mir klappte es jedenfalls von Anfang an ohne "Gehschule".
    • Andreas  Kaufmann 17.12.2015
      Wünsch ihnen schöne Touren.
      Allerdings sollten sie wissen, dass die Lawinengefahr nicht erst ab 3000 Meter beginnt. Grundsätzlich herrscht überall Gefahr, wo es Schnee hat!