
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Wenn es um Krankheiten geht, sind ältere Leute meist gut informiert. Dennoch werden immer mehr Menschen krank, weil ihnen die Ärzte zu viel verschreiben. So krank, dass sie ins Spital müssen.
Eine neue schwedische Studie ergab, dass bei einem von drei Patienten über 70, die in das Stockholmer Universitätskrankenhaus Karolinska eingeliefert wurden, Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten wesentliche Ursache für die Notaufnahme waren. Zehn Medikamente und mehr bekommen Ältere in Schweden am Tag, kritisiert Lars-Erik Holm, der Chef des staatlichen Gesundheitsamtes. «Jeder vierte Ältere bekommt zudem Medikamente, die für ihn nicht geeignet sind.»
Maria Jonsson aus Stockholm (Name geändert) ist ein Beispiel dafür. Sie war 65, als ihr Arzt nach Krampf- und Ohnmachtsanfällen die Diagnose Epilepsie stellte. Für den Rest ihres Lebens sollte Maria Medikamente einnehmen. Trotzdem verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch. 2002 diagnostizierte ihr Arzt Demenz. Ein Dahinsiechen bis zum Tode schien sicher. 2007 lebte Maria immer noch, aber ihr Zustand hatte sich so verschlechtert, dass die Ärzte – kurz vor dem Tod, wie sie meinten – alle Medikamente absetzten. Doch die Rentnerin starb nicht. Nach zwei tablettenfreien Monaten begann sie zu genesen. Ihre Symptome waren allein Nebenwirkungen der Epilepsiemedikamente.
Maria Jonsson ist kein Einzelfall. «Es wird nicht geprüft, ob bei einem alten Patienten ein Mittel wieder abgesetzt werden kann», kritisiert Holm. «Niemand hat die Gesamtverantwortung für einen Patienten. Ärzte betrachten die ihrem Fachgebiet zugeordneten Krankheiten isoliert, und für jede neue schreiben sie ein neues Medikament aus», so Holm.
Für Johan Fastbom, Dozent am Stockholmer Forschungszentrum für das Altern, tragen die Ärzte einen grossen Teil der Schuld. «Es ist ein haarfeiner Balanceakt: Wenn man alt ist und sehr oft krank, reagiert man auch am empfindlichsten auf Medikamente», sagt Fastbom.
«Die einfachste Lösung für Ärzte ist immer eine weitere Tablette. So darf es nicht sein.» Weniger wäre hier mehr – und kann Leben retten.
play
Pillen-Pannen haben gefährliche Konsequenzen. (Michael A. Keller/Corbis)