Die eingebildete Pille

Scheinmedikamente sind in Amerika hoch im Kurs. Die Hälfte aller Ärzte verschreibt Placebos. Das ist das schockierende Ergebnis einer Studie des amerikanischen Gesundheits-Instituts.

  • Publiziert: 06.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Franziska Agosti
play In den USA im Trend: «Pseudo-Medikamente». (Keystone)

«Placebo Domino» – «Ich werde dem Herrn gefallen». Der Name für die Pille ohne Wirkstoffe stammt aus einem lateinischen Psalm. Tatsächlich machen die Schein-Medikamente vielen Ärzten einen Gefallen: Der Patient schluckt ein unschädliches Mittel, wird gesund und ist mit der Behandlung erst noch zufrieden.

Die Hälfte aller amerikanischen Ärzte verschreibt Placebos, zeigt eine neue Studie aus Amerika. Der Herausgeber, Franklin G. Miller vom «National Institute of Health» (NIH), ist schockiert: «Das ist ein klarer Fall von Täuschung. Statt dass Patienten eine sachliche Information über die Behandlungsmethode erhalten, werden sie hinters Licht geführt.»

Auch in der Schweiz wird laut Georg Schönbächler, Pharmakologe vom Zürcher Collegium Helveticum, mit Placebo behandelt: «Meistens werden aber sogenannte Pseudo-Placebos wie Vitaminpräparate oder ein Medikament in harmlos niedriger Dosis verabreicht.»

Ob die Verwendung von Placebos ethisch vertretbar ist oder nicht, ist heftig umstritten. Immerhin wird den Patienten etwas vorgegaukelt. Schädlich sind die «Zuckerpillen» aber nicht. Ihre Wirkung ist sogar in unzähligen Studien belegt. Die meisten davon wurden im Bereich der Schmerztherapie durchgeführt.

Glaubt ein Patient, ein schmerzlinderndes Mittel bekommen zu haben, erwartet er eine Besserung. Diese Gedanken aktivieren im Körper eine Art innere Apotheke: Das Gehirn schüttet körpereigene Wirkstoffe, sogenannte Endorphine, aus. Sie sind chemisch verwandt mit Opium.

Studien zeigten auch, dass Spritzen mehr wirken als Tabletten und farbige Pillen besser sind als weisse. Blaue Pillen suggerieren zum Beispiel eine Beruhigung, rote eine Schmerzlinderung. Die Inhaltsstoffe der meisten Placebos sind Milchzucker und Stärke, bei Spritzen ist es eine Kochsalzlösung.

Salzspritzen wurden schon im Zweiten Weltkrieg als Placebo eingesetzt. Weil den Militärärzten das schmerzlindernde Morphin ausging, spritzten sie eine Kochsalzlösung. Mit Erfolg: Die Patienten empfanden weniger Schmerzen.

Placebos sind nicht nur spannend, weil sie ohne Wirkstoffe helfen. Sie könnten auch ein Indiz dafür sein, dass Leib und Seele miteinander verknüpft sind.

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