BLICK-Vorabdruck eines neuen, gnadenlos ehrlichen Buches Protest statt Liebe

  • Publiziert: 26.03.2010, Aktualisiert: 13.01.2012

Als Mädchen bekämpfte sie den Vater, heute ihre Männer. Aber sie verliert – auch wenn sie gewinnt. Denn sie kann nur mit Unterwürfigen. Roman Maria Koidl über Männer- und Frauentypen: Letzte Folge – die Protest-Tochter.

Sie entwickelt grosse verbale und rhetorische Fähigkeiten, begehrt gegen alles und jeden auf, hat aber vielleicht auch eine Mission gefunden, mit der sie die ganze Familie zu dominieren sucht. Unter den vergessenen Töchtern ist sie die unterhaltsamste.

Im harmlosesten Fall geht sie als Punkerin und an jeder möglichen KörpersteIle gepierced durch die Welt. Doch die echte Protest-Tochter hat da mehr zu bieten. Sie engagiert sich gegen den Walfang und kauft mit missionarischem Eifer nur Bio-Produkte. Sie unterstützt Obdachlose oder kann Trauben im Sommer nicht essen, «weil da zu viele Pestizide drauf sind».

Sie hat es nicht nötig, um die Aufmerksamkeit des Vaters zu buhlen, sie ringt sie ihm auch so ab. Das Gefallen durch äusserliche Reize, vorteilhaftes Verhalten oder besondere Leistungen hat sie nicht nötig. Sie analysiert messerscharf die Lebensführung und die Weltanschauung des Vaters und konfrontiert ihn mit ihren Erkenntnissen, auch wenn das zu erheblichen Auseinandersetzungen in der Familie führt. Doch auch ihr Blick auf die Mutter ist nicht problemfrei. Wie die Leistungs-Tochter, so lehnt auch die Protest-Tochter die unterwürfige Rolle der Mutter in der Familie ab und zeigt das auch deutlich.

Diese Töchter-Typen sind zumeist hochintelligent und in der Lage, sich klar und unmissverständlich auszudrücken. Schlimmer noch, sie verstehen es, die Schwächen ihrer Gegner zu erfassen und sie mit einem kurzen, scharfen Satz auch so zu formulieren, dass Gegenwehr unterbleibt. Doch diese verbale Stärke, das Schnippische, macht anderen Menschen auch Angst, weshalb die Protest-Tochter weitaus weniger erfolgreich ist als ihre leistungsorientierte Schwester. Sie bezieht ihre Bestätigung, die Beantwortung ihrer Person, aus der Konfrontation. Je mehr Kontrahenten, desto besser.

Der Widerstand der Masse ist für sie Bestätigung, fühlt sie doch dadurch, dass sie atmet, lebt, wahrgenommen wird. Es ist ihr vollkommen egal, ob sie Zustimmung oder Ablehnung erfährt, sie will wahrgenommen werden. (...)

Bei der Recherche zu diesem Buch hat mir die 39-jährige Henriette geschrieben, wie sie sich im Verlauf eines Coachings selbst kennenlernte: «Ich bin eine Protest-Tochter und berichte Ihnen aus eigener Erfahrung. Mit der väterlichen Erfahrungswelt habe ich mich durchaus identifiziert und fand dort auch Anknüpfungspunkte. Mit meiner Leistungsschwester verband mich, dass ich nicht so werden wollte wie meine Mutter.

Ich habe schnell gelernt, mir mit verbaler Stärke und schneidend kalter Rhetorik Zugang zur Welt der Männer zu verschaffen, aber der Preis ist hoch.

Meine Beziehungen, sofern eine solche überhaupt in Sicht war, gingen meistens nicht gut. Männer fühlten sich von mir überfordert oder rasch in die Enge gedrängt. Man(n) konnte es mir allerdings auch nicht recht machen. Lapidare Alltagsfragen mutierten zu Auseinandersetzungen, die für einen normalen Menschen schon etwas Neurotisches hatten.

Dabei musste es gar nicht notwendigerweise um wichtige inhaltliche Diskussionen über Kunst, Kultur oder Politik gehen. Es genügten schon Feststellungen darüber, wie viel Reinigungsmittel in den Putzeimer zu kommen hat, wo der Schlauch des Staubsaugers hingehängt wird oder mit welchem Handtuch die Hände und mit welchem das Gesicht abgetrocknet werden sollte. All das waren Fragen, die ich mit grossem Ernst meinen Lebenspartnern vorgetragen habe, die daraufhin das Weite suchten.

Nun fragen Sie sich vielleicht, mit welchem Typ Mann ich zusammenlebe. Der Mann, der es mit einer Protest-Tochter aushält, hat eine hohe weibliche Komponente. Mein Lebenspartner ist selbst nicht von allzu grossem Antrieb und eigenem Ehrgeiz beseelt. Seine Stärken liegen darin, mich auszugleichen. Er ist mehr als fürsorglich, einfühlsam und gleicht meine Härte besänftigend aus, wenn ich mal wieder zu scharf geschossen habe oder jemand in meinem Umfeld verletzt wurde. Dann rennt er mit dem verbalen Notfallkoffer los und glättet die Wogen.»

Das Buch

«Scheisskerle» (Verlag Hoffmann und Campe) von Roman Maria Koidl, 224 Seiten, 31.90 Franken, ist ab sofort im Handel.

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