Patricia Gucci packt in ihren Memoiren aus «Diese Familie ist ein Drama»

Zehn Jahre musste sie schweigen. Jetzt schildert Patricia Gucci in einem Buch ihre Vergangenheit als uneheliches Kind und Gesicht des italienischen Modeimperiums.

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Signora Gucci, tolles Outfit! Ist das von Gucci oder sind Sie designmässig fremdgegangen?
Patricia Gucci: Es ist von J. Crew. Ich liebe diese Farben. Nur darum habe ich es gekauft.

Pink ist ja auch Trend im Moment.
Ach ja? War mir gar nicht bewusst. Aber stimmt, ich sehe eine Menge davon.

Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Was hat Sie dazu bewegt, die Geschichte Ihres Vaters, Modezar Aldo Gucci, und Ihrer Mutter, Bruna Palombo, seiner heimlichen Geliebten, niederzuschreiben?
Nach dem Verkauf des Familienunternehmens Gucci und dem Tod meines Vaters hatte ich für zehn Jahre eine Schweigepflicht erhalten. Ich durfte nicht über das reden, was meinem Vater und der Firma widerfahren war. Diese Zeit ist jetzt abgelaufen. Zum Glück!

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Patricia Gucci ist die uneheliche Tochter von Aldo Gucci, der die florentinische Ledermarke von seinem Vater Guccio übernahm und zu einem internationalen Mode-Label machte. Aldo hatte eine offizielle Familie in Italien. Patricias Mutter war seine Zweitfrau, die er aus Diskretionsgründen ins Ausland brachte. Patricia lebte als Kind versteckt, später wurde sie Gucci-Botschafterin in den USA und Alleinerbin ihres Vaters. Sie wohnt mit ihrem Partner in Genf und hat drei Töchter.  Nik Hunger

Sie haben stark mitgelitten, als Verwandte Ihren Vater aus dem weltweiten Modeimperium ausschlossen, das er aufgebaut hatte. Bevor er 1990 an Krebs starb, sass er auch noch ein Jahr wegen Steuerhinterziehung in einem amerikanischen Gefängnis. 
Ich war stinksauer. Alles, was mein Vater aufgebaut hatte, wurde durch den Dreck gezogen. Diese Familie ist ein Drama. Ihre Mitglieder tun nichts anderes, als sich gegenseitig zu bekämpfen.

Ihr Vater hatte trotzdem noch genügend Energie, neben seiner Ehefrau und den Kindern in Italien jahrzehntelang eine Affäre mit Ihrer Mutter aufrechtzuerhalten. Seine Liebesbriefe, es waren Hunderte, landeten eines Tages in Ihren Händen. Waren Sie erstaunt?
Ich war überwältigt. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mein Vater so leidenschaftlich sein konnte.

Wie haben Sie ihn denn wahrgenommen?
Als sehr formell. Er zeigte wenig Gefühle, war aber eloquent und konnte gut schreiben.

Wie gefällt es Ihrer Mutter, dass Sie sein Liebesleben an die Öffentlichkeit zerren?
Nun, als ich mit der Recherche zum Buch begann, war sie nicht glücklich darüber. Sie wusste genau, dass das für sie eine sehr schmerzhafte Angelegenheit sein würde.

Und jetzt?
Ist sie stolz auf mich. Jedenfalls sagte sie das allen rundherum, bloss mir nicht. Aber das ist normal für sie.

Gibt es Dinge, die sich in der Beziehung zu Ihrer Mutter verändert haben?
Wir stehen uns etwas näher. Sie hat mir viel über sich erzählt. Ich verstehe jetzt, warum sie an Depressionen litt. In den 1960er-Jahren in Italien die Geliebte eines Prominenten zu sein, war ein hartes Los für eine Frau. Das Versteckspiel hat sie geprägt.

Waren Sie nie wütend auf Ihren Vater? Immerhin drückte er sich jahrelang davor, zu seiner Zweitfamilie zu stehen.
Ich denke, er versuchte immer, das Beste zu tun, und hatte einen ausgeprägten Sinn für Fairness. Er trennte strikt zwischen seinen beiden Familien. Er konnte das managen.

Sie reden fast nur gut über Ihren Vater. Als wäre er ein Held für Sie.
Ich vergötterte ihn, und ich tue es heute noch.

Machte er es sich nicht ein wenig einfach? Er tauchte kurz auf, verwöhnte Sie mit Geschenken und ging wieder.
Ich glaube, er hat gegen Ende seines Lebens eingesehen, dass er mehr Zeit mit meiner Mutter und mir hätte verbringen sollen.

Wussten Sie überhaupt, was ein normales Familienleben ist?
Natürlich, ich sah es bei meinen Freundinnen. Ich war ja nicht blöd. Das Problem für mich war eher, dass sich meine Mutter immer mehr in sich zurückzog. Hätte ich mit ihr eine bessere Beziehung gehabt, wäre es mir wahrscheinlich besser gegangen.

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Als uneheliches Kind durfte sie in ihren ersten Lebensjahren nicht öffentlich mit den Eltern gesehen werden. Hier im Jahre 1965 mit Vater und Mutter am privaten Pool in Rom. 

Heute leben Sie mit Ihrem Lebenspartner in Genf. Ein Italiener?
Er ist Amerikaner, aber in Europa aufgewachsen. Wir haben uns zu Schulzeiten erstmals getroffen. Er arbeitet im IT-Bereich, spricht perfekt Englisch, Italienisch und Französisch. Mein erster Mann war zwar Italiener, kam aber trotzdem aus einer anderen Welt.

Sprechen wir über den aktuellen Gucci-Hype. Designer Alessandro Michele brachte das Label vor zwei Jahren mit seinem pompösen Vintage-Style zurück ins Gespräch. Wie gefallen Ihnen seine Entwürfe?
Seine Accessoires gefallen mir besser als seine Kleider. Man muss sehr jung sein dafür. Logisch bin ich glücklich über seinen Erfolg. Aber ich sehe nie jemanden mit einem seiner Stücke auf der Strasse, ausser Handtaschen und Schuhen. Seine Kleider sind einfach nicht tragbar für meine Generation.

Kennt man Sie in der Genfer Boutique?
Seit mein Freund mir dort eine Handtasche kaufte, schon. Die Verkäuferin fragte nach meinem Namen für die Kundenkartei, und als ich ihn aufschrieb, dachte sie, ich hätte sie falsch verstanden. Als ich erklärte, dass ich wirklich Gucci heisse und mein Vater die Marke schuf, flippte sie fast aus.

Erhalten Sie nun Rabatt?
Leider nicht. Discount für die Familie gibts schon lange nicht mehr. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass die Preise angehoben werden, sobald man weiss, wer ich bin. Es ist teuer, Gucci zu heissen.

Sicher besitzen Sie viel Vintage-Gucci.
Alle meine wundervollen Taschen wurden mir leider in London gestohlen, als ich Ende zwanzig war. Ich denke, es war ein Insider-Job. Meine Mutter hat noch ein paar Stücke. Vielleicht gibt sie mir einmal ein paar davon.

Welchen Bezug haben Ihre Kinder zu Gucci?
Keinen grossen. Ich habe ihnen nie Designer-Stücke gekauft und fand es geschmacklos, wenn ihre Freunde damit herumliefen. Wenn man mit 15 oder 16 schon Chanel und Hermès trägt, kann man sich ja auf gar nichts mehr freuen. Ich mag es sowieso nicht, wenn jemand mit Kleidern angibt.

Was verstehen Sie darunter?
So viele Leute tragen sichtbare Logos, um zu zeigen, was sie sich leisten können. Dieses Schaut-mich-an-Gehabe ist gar nicht meines. Vielleicht muss ich auch niemandem etwas beweisen, weil ich das Label ja bereits im Namen habe.

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In den 1980er-Jahren war sie in den USA als Gucci-Girl bekannt. 1982 posierte sie als Model im Magazin «Town & Country» in einem Badeanzug von Gucci. Hinter ihr ein Roy Lichtenstein aus Vaters Sammlung.

Sie waren in den 1980er-Jahren in den USA ja auch eine bekannte Socialite. Die «New York Times» bezeichnete Sie als begehrenswerteste Junggesellin der Welt.
Ich mochte dieses Label nicht. Mein Vater wollte für mich einen Debütantinnenball organisieren, wie das üblich war, aber ich habe mich konsequent dagegen gesträubt.

Was hatten Sie damals für einen Modestil?
Wenn ich für die Firma unterwegs war, kleidete ich mich so, wie man das von Miss Gucci erwartete. Nicht so in den Clubs von Lower Manhattan. «Express yourself», hiess es. Man konnte die Rolle spielen, die einem gefiel. Ich trug Perücken, kurze Latex-Röcke, zerrissene Kleider und angesagte japanische Designer. Einmal erschien ich mit Brustwarzenklemmen aus dem Sex-Shop zu einer Party.

Als Sie 19 waren, holte Sie Ihr Vater als einzige Frau in den Vorstand von Gucci.
Er brauchte jemanden, der bedingungslos auf seiner Seite stand. Ich war jung und unerfahren. Wenn ich etwas gelernt habe, dann war es, die Dynamik von Macht zu begreifen.

Sie haben aber auch richtig was gearbeitet, organisierten Modeschauen und gestalteten Schaufenster. Warum haben Sie eigentlich kein eigenes Geschäft daraus gemacht?
Neben der Schweigepflicht durfte ich meinen Namen auch nicht kommerziell verwenden.

An Ihrer Stelle war in den vergangenen Jahren jemand anderer aus dem Gucci-Clan in den Schlagzeilen: Patrizia Reggiani, bekannt als «Schwarze Witwe». Sie hat ihren Ex-Mann, Maurizio Gucci, 1995 auf offener Strasse ermorden lassen und sass dafür 17 Jahre im Gefängnis.
Es ist wohl das Einzige, worüber sich die Familie jemals einig war: Der Tag, an dem diese Kreatur in unser Leben kam, war ein schwarzer. Niemand wollte, dass mein Cousin Patrizia Reggiani heiratet. Aber das Ausmass des Schadens, den sie anrichten würde, konnte dann doch niemand voraussehen.

Es hat zwei Jahre gedauert, bis Reggiani überführt war. Haben Sie sie verdächtigt?
Ich glaube, meine Mutter hatte von der Wahrheit geträumt.

Ihre Mutter hat laut Ihrem Buch seherische Fähigkeiten. Hat Sie Ihnen die Zukunft auch schon vorausgesagt?
Das darf sie nicht. Ich sagte zu ihr: «Mama, du musst mir eines versprechen: Solltest du jemals etwas über mich und meine Kinder träumen – behalte es für dich!»

Sie reisten schon als Kind mit Ihrem Vater nach St. Moritz. Später waren Sie im Internat Aiglon in Villars-sur-Ollon in der Waadt, jetzt wohnen Sie in Genf. Ihnen scheint es in der Schweiz zu gefallen.
Ich bin im Herzen eine Zigeunerin und habe schon fast überall auf der Welt gelebt. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter, die ich nicht aus Rom rauskriege. Dass ich immer wieder in der Schweiz lande, scheint Schicksal zu sein. Ich mag vor allem die hohe Qualität der Nahrungsmittel hier. Ich kaufe auf dem Markt ein, alles ist frisch und sauber.

Was kochen Sie am liebsten?
Gemüsesuppe. Ich verfeinere sie mit indischen Gewürzen.

Nicht gerade sehr italienisch.
Ich bin äusserst angelsächsisch. Ich liebe Ordnung und könnte nie in Italien leben. Es stresst mich, wenn nichts funktioniert.

Sagen Sie uns bitte, dass Sie wenigstens ein italienisches Auto fahren. Man kann sich Sie so gut in einem roten Ferrari vorstellen.
Ich muss Sie leider enttäuschen, das Auto meiner Wahl ist ein Audi, ein Deutscher. Aber wenn wir schon davon sprechen: Ferrari ist eines von zwei italienischen Wörtern, die in den abgelegensten Ecken der Welt jeder sofort mit Italien in Verbindung bringt. Das andere: Gucci.

Patricia Gucci, «In Guccis Namen – eine Familiengeschichte von Liebe und Verrat», Orell Füssli Verlag, ab 11. November. Buchvernissage: 18. November, Modissa, Zürich. Signierstunde: 19. November, Kramhof, Zürich.

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Publiziert am 14.11.2016 | Aktualisiert am 14.11.2016
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