Kolumne von Style Writer Wäis Kiani Zu Besuch beim Hipster-Thai

Was Essenverweigerung und Eliteinternate gemeinsam haben – zumindest in London.

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Ich bin gerade in London, für die Geburtstagsfeierlichkeiten meines Vaters, ich berichtete Ihnen ja bereits von den Schwierigkeiten der Planung. London ist für mich immer eine Erleichterung, weil hier alles immer gleich ist: supertoll. Als die Brexit-Entscheidung fiel, war Europa wochenlang in Panik, aber in England hat es nicht wirklich jemanden interessiert. Meine jüngste Schwester lebt ja hier und arbeitet als Anwältin in einer grossen Kanzlei. Und, wenn sie das sagt und mir als Beweis die Schlagzeilen der Tageszeitungen per MMS schickt, dann stimmt das.

Nach meiner Ankunft wollten wir drei Schwestern zu einem megahippen Thai in East London, so hip, dass man nicht reservieren kann. Die Jungs vom Som Saa haben ihr erstes richtiges Restaurant eröffnet, vorher gab es nur Pop-ups, also temporäre Lokale, die wohl unglaublich erfolgreich waren. Sogar Kochbuchautor Tom Parker Bowles, der Sohn von Camilla, schwärmte davon, und der Mann versteht etwas von Essen und Kochen. Immerhin musste er jahrelang in Eton hungern, im ­nobelsten Eliteinternat Englands, wo auch die Prinzen waren. Es gibt in englischen Nobel­internaten nämlich nur übles Essen und ausserdem viel zu wenig davon, damit die Jungs nicht verweichlichen.

In Deutschland und Zürich gehe ich ja nie freiwillig essen, weil es nirgends geil ist und mir das Essen auch nicht besonders schmeckt – dafür aber in London gerne zweimal am Tag. Wir fuhren also in den Thai-Laden, im ­Lokal sassen viele junge gut aussehende Menschen. Eine hübsche Engländerin setzte uns an einen kleinen Tisch und gab uns das Menü. Wir sahen zu dritt darauf, runzelten die Stirn, und meine Schwester sprach es aus: «Wollen wir gehen?» Wir nahmen schweigend ­unsere Handtaschen und standen nach zwei Minuten wieder draussen. Denn auf der Karte standen nur drei Vorspeisen und drei Hauptspeisen, und wir mochten nichts davon: Austernsalat, Dry-Aged-Angus-Beef-Curry und irgendwas Eingelegtes mit Schweinebacken. Als wolle man der Thai-Küche neue Raffinesse durch kreative Ideen geben.

Ich hasse kreative Ideen beim Essen, ich will, dass alles so schmeckt, wie es sich gehört. Also riefen wir ein Uber und fuhren dahin, wo wir Schwestern immer hinfahren, ins Mangal 2. Das ist ein Kebab-Grill-Lokal, in dem jeden Abend, wirklich jeden Abend, das Künstler-Duo Gilbert & George speist. Sie sitzen da in ihren Tweed-Anzügen, reden kaum ein Wort, essen Salat und sehen super aus. Wir dagegen assen mit den Fingern auf dem Feuer gegrillte Lamb Chops, die so scharf waren, dass ich auf die Toilette rannte, um mir den Mund auszuwaschen. Und freuten uns aufs Neue, nicht in einem Elite­internat so sehr Hunger gelitten zu haben, dass wir beim Hipster-Thai essen müssen.

Zur Person

Wäis Kiani, Schriftstellerin und Stil-Liebhaberin, schreibt jeden Sonntag über ihre Beobachtungen im Alltag. Ihr neues Buch «Die Susi-Krise» ist gerade im Piper-Verlag erschienen.

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Publiziert am 21.10.2016 | Aktualisiert am 31.10.2016
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