Kolumne von Style Writer Wäis Kiani Lehre der Amnesie

Wäis Kiani erinnert sich an schwere Zeiten – und heilt sich von ihrem London-Fernweh.

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Seit wenigen Tagen herrscht bei mir wieder Alltag, und die Arbeit stülpte sich sogleich über mich. Mir bleibt nicht einmal Zeit, zum Sport zu gehen, was ich dringend nötig hätte. Gestern Abend lag ich nach getaner Pflicht auf dem Sofa und war unzufrieden. Unzufrieden mit meiner Umgebung, mit den endlos langweiligen Zankereien meiner deutschen Facebook-Freunde und unzufrieden mit meiner drögen

Existenz nach zwei erfüllten Wochen in meiner Lieblingsstadt, in London. So ist der Mensch nun mal (ich). Reicht man ihm den kleinen Finger, will er gleich die ganze Hand.

Dann kam im Fernsehen eine Doku über Amnesie. Die Protagonisten waren teils noch ganz jung. Sie hatten nach einem Sturz oder Unfall und der Zeit im Koma ihr Gedächtnis ganz oder teilweise verloren. Ein Mann war mit 17 eine Treppe runtergefallen und konnte sich danach nie mehr an sein Leben davor erinnern. Fotos von früher berührten ihn nicht, und auch äusserlich war er eine komplett andere Person. Eine Frau Anfang dreissig, im sechsten Monat schwanger war gestürzt. Sie lag fünf Jahre im Koma und wusste weder etwas von der Geburt oder ihrem gesunden Kind noch von sonst etwas. Ein Familienvater kippte beim Grillieren um, und nach ein paar Monaten im Koma wurde er nie wieder so wie vorher. Er lebte mit 44 wieder bei seinen Eltern, und sein betagter Vater musste ihn überallhin begleiten. Das Kurzzeitgedächtnis des Mannes funktionierte nicht mehr.

  • Zur Person

    Wäis Kiani, Schriftstellerin und Stil-Liebhaberin, schreibt jeden Sonntag über ihre Beobachtungen im Alltag. Ihr neues Buch «Die Susi-Krise» ist gerade im Piper-Verlag erschienen.

Ich war bestürzt, denn auch ich hatte einen Zusammenbruch und lag 2007 einige Tage im Koma. Warum und wieso erzähle ich Ihnen ein andermal, dazu reicht die Zeit heute nicht. Nur so viel: Ich bin damals beinahe erstickt, wurde wie durch ein Wunder schnell gefunden und in ein künstliches Koma versetzt. Und es dauerte drei Versuche an drei Tagen, bis die Götter im Unispital Zürich mich wieder zum Atmen gebracht hatten. Bei jedem Versuch lief ich offenbar derart blau an, dass die Ärzte meine Eltern schon darauf vorbereiteten, dass ich nie mehr sein würde wie vorher. Wieder normal leben zu können, hat Jahre gedauert. Aber ich war geistig sofort wieder da. Als ich im Rollstuhl in die Reha in Davos geschoben wurde und auf meinen wackligen Beinen nach vier Wochen zwischen meinen Eltern wieder rauswankte, wollte ich die Welt umarmen. Heute merkt man mir nichts mehr an – und ich hatte das alles lange Jahre einfach vergessen.

Bis ich gestern sah, was es bedeutet hätte, wenn dieses Wunder für mich nicht stattgefunden hätte. Und jetzt bin ich unzufrieden, weil ich nicht in London leben darf? Ich nehme alles zurück und freue mich, diese Sendung gesehen zu haben. TV ist manchmal gar nicht so doof.

Publiziert am 11.01.2016 | Aktualisiert am 11.01.2016
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