Kolumne von Style Writer Wäis Kiani Allein in fremden Welten

Warum man nicht mal so eben zum Judentum konvertiert.

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Ich bin zurück aus London und vermisse schon jetzt alles und ­jeden. Am vorletzten Abend in der Stadt traf ich mich mit Annabel zu Drinks. Sie ist Deutsche, lebt und arbeitet aber seit zehn Jahren in London und hat wie alle, die dort arbeiten, einen sehr harten Job.

Annabel und ich sitzen also in einem seelenlosen, leeren Steakhouse, und sie erzählt mir, wie es mit ihrem neuen Freund läuft. Ich hatte nie nach ihm gefragt, weil der Typ ihr Ex-Chef ist und sie mir vor Jahren schon gesagt hatte, wie sehr sie auf ihn stehe. Schon bevor sie zusammenkamen, wollte sie wegen ihm zum Judentum konvertieren und hatte mit der Konvertiererei auch schon angefangen.

Die Frau war geradezu besessen vom Jüdischsein, und wir hatten deswegen schon einige Streits – weil ich generell gegen Religionen bin und finde, die Menschen sollten besser aus- statt eintreten. Sie erzählt: «Mit dem ­Typen läufts super, aber leider hat er ein Kind.» Ich rattere runter: «Kein Mann mit Kind, kein Mann mit Hund.» Annabel hört aber nicht hin. Das Kind kommt nun alle zwei Wochen zu ihr auf Besuch, weil der Typ nach der Trennung, an der ­Annabel ja nicht ­unbeteiligt war, in ihre Wohnung gezogen ist. Nun müssen sie alle zwei Wochen zur Mutter ihres Freundes fahren, um dort das Kind in Empfang zu nehmen. Die Ex darf nicht wissen, dass er bei Annabel wohnt.

Das war mir alles viel zu krank, also versuchte ich, das Thema zu wechseln. Vergebens. «Die Mutter mag mich nicht», sagte Annabel. «Komisch», ­sagte ich, «warum bloss?» Sie verstand die Ironie nicht. «Vielleicht, weil ich keine Jüdin bin?» – «Du hast doch ­konvertiert.» – «Nein», sagte sie ­zerknirscht, «ich habe den Plan aufgegeben!» Ich: «Aber das weiss doch die Mutter deines Typen nicht!» Ich wusste ja den wahren Grund, warum die Mutter Annabel nicht mochte, liess sie aber weiterrätseln. «Aber wenn die Mutter den Rabbi fragt, ob er mich kennt, sagt er, ja klar, die hat den Kurs abgebrochen.» Sie sah mich an, als wäre Trump eben Präsident geworden. «Welcher Rabbi?», fragte ich. «Die kennen sich doch alle! Alle, alle!»

Ich biss mir auf die Lippe, um nicht vor Lachen zusammenzubrechen. «Ich konnte nicht konvertieren!», rechtfertigte sich Annabel laut. «Denn ich hätte Weihnachten nicht mehr mit meiner Familie feiern können. Und was hätte ich dann an Weihnachten ganz alleine ­gemacht? Ausserdem wäre ich nicht mit all den anderen auf dem ­katholischen Friedhof begraben worden, sondern ganz alleine auf einem anderen!» Jetzt konnte ich nicht mehr, ich bog mich vor Lachen: «Sag das doch ­alles der Mutter, sie hat sicher Verständnis.» Denn sie will sicher auch nicht alleine auf einem fremden Friedhof liegen – niemand will das.

Zur Person

Wäis Kiani, Schriftstellerin und Stil-Liebhaberin, schreibt jeden Sonntag über ihre Beobachtungen im Alltag. Ihr neues Buch «Die Susi-Krise» ist gerade im Piper-Verlag erschienen.

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Publiziert am 04.11.2016 | Aktualisiert am 09.11.2016
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