Be my Valentine Triebe der Liebe

Das Internet hat die Suche nach einem Partner verändert. Das Muster, weshalb wir uns in Menschen verlieben, ist aber gleich geblieben. Weil uns die Evolution so programmiert hat.

Liebe play
Illustration: Corinna Staffe

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Der Brief kam in einem unauffälligen Couvert. Ich war gerade elf geworden, als ich im Sommer 1996 das Papier auffaltete und las: «Liebe Gabi, ich wollte dich schon ein paar Mal fragen, ob du mit mir gehen willst, aber du wolltest oder hattest schon einen anderen Freund! Ich will dich mit diesem Brief fragen, ob du mit mir gehen willst?» Etwas weiter unten stand: «PS – Bitte schreibe mir zurück.»

Denis, damals zwölf, war ein stets sonnengebräunter Junge mit Pilzfrisur, in der Mitte gescheitelt. Wie Vorhänge hingen die gegelten Haare in die Stirn, die Zähne weiss, das Lachen breit. Er war die ver­fügbare Ausgabe meines damaligen Schwarms Nick Carter, dem schönsten der Backstreet Boys.

Mit Buntstiften verzierte Briefe auf Papier gibts kaum mehr, heute verschickt man Liebesbotschaften als Kurznachrichten mit Emoji-Herzen. Denis und ich lernten uns im Dorf kennen, heute knüpft man Kontakte in Dating-Apps. Die Art, wie wir uns treffen und unsere Liebe bekunden, hat sich verändert. Der Mechanismus aber, wie wir uns verlieben, ist derselbe geblieben. Er wirkt in Menschen seit Tausenden von Jahren gleich, die Biologie hat ihn so programmiert.

Natürlich schrieb ich Denis zurück. Ich wollte mit ihm gehen, und war das erste Mal in meinem Leben so richtig verliebt. Ich schrieb in mein Tagebuch: «Das Schönste, was es gibt, ist, mit ihm zusammen sein. Nicht nur, weil er einfach sooooo gut aussieht.»

Die Attraktivität ist in Liebessachen denn auch der erste und wichtigste Selektionsfilter. Er entscheidet darüber, wem wir überhaupt eine Chance geben. Dating-Apps wie Tinder oder Blinq machen sich das zunutze: Im Schlabberlook kann man sich zu Hause bequem per Smartphone durch eine schier endlose Auswahl potenzieller Partner wischen. Die einzige Entscheidungshilfe sind – natürlich möglichst vorteilhafte – Bilder, die paarungswillige Menschen von sich hochgeladen haben.

Unser Körper ist auf Fortpflanzung programmiert

Manipulieren wir uns und mögliche Partner damit? «Das tun wir die ganze Zeit, auch im realen Leben», sagt Lars Penke (37), Professor für biologische Persönlichkeitspsychologie an der Universität Göttingen (D). «Wir ziehen uns für andere gut an, frisieren uns, Frauen schminken sich. Wir sind uns der Macht des ersten Eindrucks absolut bewusst.»

Penke führte in Deutschland Speed-Dating-Studien durch. Es zeigte sich, dass Männer und Frauen ihr Gegenüber schon nach kurzer Interaktion in vielen Bereichen richtig einschätzen können. In nur 15 bis 20 Sekunden machen sich Menschen einen schlüssigen Eindruck über den sozialen Status, die emotionale Stabilität und die sexuelle Erfahrung des Unbekannten auf der anderen Seite des Tisches. Für ihre Wahl aber bleibt die Attraktivität entscheidend.

Studien zeigen, dass man die Attraktivität schon mit einem ­Wimpernschlag richtig ­einschätzen kann. 500 Millisekunden reichen. Die Biologie hat uns dafür ausgerüstet, weil unser Körper auf Fortpflanzung programmiert ist. Gutes Aus­sehen ist repräsentativ für gute Genetik, Gesundheit und Fruchtbarkeit. «Für Männer ist das Aus­sehen der Frauen deutlich wichtiger als Status und Ressourcen», sagt Penke. Frauen hingegen gehen mehr Kompromisse ein beim Aussehen. «Für sie ist nebst der guten Genetik im Hinblick auf die Erziehung der Kinder die Verlässlichkeit als Partner und Vater wichtig.»

Drei Monate «gingen wir schon zusammen», Denis und ich, als er mir einen Brief auf Diddl-Papier schrieb, auf dem eine Diddl-Maus im Zauberer-Outfit mit einer schmachtenden Diddlina flirtete: «Ich weiss echt nicht, was ich wäre, wenn du nicht wärst. Denn du bedeutest mir so viel, dass ich, wenn es gehen würde, dich am liebsten heiraten würde! Denn ich habe dich sehr, sehr lieb.»

Je später die Nacht, desto attraktiver die Menschen

Und weil Menschen lieben und geliebt werden wollen, machen sie Abstriche. Der renommierte britische Psychologe Robin Dunbar (68) beschreibt diesen Effekt in seinem Buch «The Science of Love and Betrayal» mit der Redewendung «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach». Eher wählt man jemanden, den man kriegen kann, als ganz leer auszugehen. «Je mehr Lebenserfahrung wir haben, desto genauer wissen wir, wie sehr wir gewillt sind, Kompromisse einzugehen», schreibt Dunbar, der lange an der Universität Oxford (GB) forschte.

Er zitiert eine US-Untersuchung aus den 1970er-Jahren, die als Sperrstunden-Studie bekannt ist: 103 nüchterne Frauen und Männer in einer Bar wurden gebeten, die Attraktivität möglicher Partner zu bewerten: um 21 Uhr, um 22.30 Uhr und um Mitternacht. Je später es wurde, je näher die Sperrstunde rückte, desto attraktiver schätzen die Teilnehmer das andere Geschlecht ein. Im Gegenzug beurteilten sie ihre gleichgeschlechtlichen Konkurrenten kritischer.

Paarungswillige passen ihre Ansprüche aber nicht nur den Umständen an, sondern auch ihrem eigenen Marktwert. Sie haben zwar Idealvorstellungen von einem Partner, sind sich aber der eigenen Unvollkommenheit bewusst und wissen, dass sie nicht jede und jeden haben können. «Es ist wichtig, dass man sich einigermassen vernünftig einschätzen kann, damit man im richtigen Gewässer fischt und nicht ewig unglücklich bleibt», sagt Beziehungsforscher Penke. 

Ein Jahr nach dem ersten Brief erhielt ich wieder Post von Denis. Das Briefpapier verhiess nichts ­Gutes: Ein rauchender Diddl lehnt an einer Backsteinmauer, den breitkrempigen Hut tief in die Stirn gezogen, die Hände in den Mantel­taschen. Denis schrieb: «Da wir schon lange (1 bis 2 Monate) nichts mehr mit­einander schwatzten oder unternahmen, glaube ich nicht, dass es noch klappen wird, denn so wie jetzt ­gehen wir eigentlich gar nicht mehr miteinander, also habe ich mich entschieden, dass ich Schluss mache.» Und weiter unten: «PS – Irgendwann musste es ja so kommen, dass jemand Schluss macht.» 

An der Universität Basel wird weiter zu Paaren geforscht: youtu.be/U4ZZMaUPGgE

Publiziert am 14.02.2016 | Aktualisiert am 03.08.2016
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