Kolumne von Style Writer Wäis Kiani Begegnung im Nirgendwo

Wäis Kiani über ihre Nachbarin, die leider im Nirgendwo verschwindet.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Tickets für die Fespo gewinnen Holen Sie sich ein bisschen Wärme
2 B&B Air im Test Schweizer Top-Kopfhörer mit Schönheitsfehler
3 «Halo Wars 2» angespielt Strategie und Action perfekt abgemischt

Life

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
Fehler
Melden

Vorgestern komme ich abends vom Training und stehe vor der offenen Kühlschranktür. Ich überlege gerade, wie ich meinen Hunger stillen könnte, da klingelt es an der Tür. Ich spähe durchs Guckloch und sehe draussen im Treppenhaus meine Nachbarin. «Oh nein», denke ich, «meine Musik. Wie immer viel zu laut!» Kleinlaut öffne ich die Tür, die alte Dame steht samt ihrer Gehhilfe vor mir. Ich sehe sie so gut wie nie und weiss von ihr nur, dass sie die Witwe eines berühmten Mannes ist, von einer Pflegerin betreut wird und eine alte Katze besitzt, die gerne ihr Geschäft auf meiner Terrasse verrichtet.

  • Zur Person

    Wäis Kiani, Schriftstellerin und Stil-Liebhaberin, schreibt jeden Sonntag über ihre Beobachtungen im Alltag. Ihr neues Buch «Die Susi-Krise» ist gerade im Piper-Verlag erschienen.

Ich will schon sagen, ich mach leise, da kommt mir die Lady zuvor: «Guten Abend, ich muss hier durch», sagt die alte Dame, und schon rollt sie in meinen Flur. An einem der Gehhilfengriffe hängt ihre Kroko-Handtasche. «Wo wollen Sie denn hin?», frage ich sie verdutzt. «Ich muss hier durch.» – «Äh, nein, hier können Sie nicht durch. Kommen Sie denn gerade nach Hause oder wollen Sie weg?» Sie sieht mich an. «Das weiss ich jetzt gar nicht, aber ich muss da durch.»

Wo ist die Katze?

Ich überlege, was zu tun ist. «Lassen Sie uns zu Ihnen gehen.» Ich schiebe die Frau sanft hinaus ins Treppenhaus und in Richtung ihrer Haustür. Ich klingle, vergebens. «Haben Sie einen Schlüssel?» – «Nein, ich wollte ja gar nicht raus, ich habe geschlafen.» Sie kramt einen Schlüsselbund aus der Kroko. Ich überlege in Panik, was ich mit ihr mache, wenn wir die Tür nicht aufbekommen – der letzte Schlüssel passt. Die Wohnung ist hell erleuchtet, meine Nachbarin rollt ins Schlafzimmer, das Bett ist gemacht. «Hier habe ich geschlafen... Aber jetzt weiss ich gar nicht mehr, ob ich geschlafen habe.» – «Wo ist Ihre Katze?» Sie sieht mich fragend an.

«Kann ich jetzt schlafen?»

Ich sehe, wie von aussen die Katze an der Fensterscheibe kratzt, und lasse sie rein. «Wie heisst Ihre Katze?» – «Das weiss ich gar nicht.» Ich muss lachen. Kein Stress. Ich sehe, wie sie angestrengt nachdenkt, dann ruft sie: «Minou!» – «Minou!», rufe auch ich, hurrah! Die Dame sieht mich durchdringend an: «Sagen Sie, ist das hier ein Heim?» Ich muss wieder lachen, nein, nein, ist es nicht. «Dann kann ich jetzt schlafen?» – «Ja, kann ich Sie denn alleine lassen?» Ich habe Angst, dass sie wieder rausläuft, diesmal ohne Schlüssel und die Treppe hinunterfällt. «Ja natürlich, ich bin doch schon gross.» Sie sieht mich an, und ist so niedlich und unschuldig wie ein kleines Mädchen. Ich schreie ihr zu: «Ihr Schlüssel liegt auf der Kommode!» 

Zurück in meiner Wohnung. Der Kühlschrank steht immer noch offen. Heute begegnete ich der alten Dame und ihrer Pflegerin vor dem Lift. «Hallo, wie gehts?» Sie sieht mich an, sagt dann zur Pflegerin: «Ach, das ist meine alte Arbeitskollegin.»

Mehr zum Thema
Publiziert am 22.03.2016 | Aktualisiert am 22.03.2016
teilen
teilen
0 shares
Fehler
Melden