«W» wie «Weltwoche»

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • von lena tichy

Sie war mal eine Zeitung, heute ist sie ein Grund zum Aufheulen: Die «Weltwoche». Und von niemandem wird die Zeitschrift mehr verachtet als von jenen, die sie lesen.

Obwohl es auch Leute gibt, welche die «Weltwoche» wirklich nicht mehr lesen. Die mir bekannte Theaterregisseurin zum Beispiel: Als ich kürzlich nach einem guten Essen bei ihr zu Hause auf dem Sofa sass und von einem Artikel in ebenjener Zeitschrift sprach, sagte sie in angewidertem Ton: «Liest du die immer noch?» Damals sagte ich noch freimütig ja. Diese Situation hat sich mittlerweile aber so oft wiederholt, dass ich jetzt schon so tue, als boykottiere ich dieses Blatt ebenso wie alle anderen Autonomen, Armen, Auszubildenden und Alkoholiker. Dies war vor einigen Wochen übrigens Urs Paul Engelers Charakterisierung von Berns Einwohnerstruktur. Aber auf jene, welche seine Erzeugnisse nicht mehr lesen mögen, passt die Beschreibung auch ganz gut.

Wer sie noch liest, und das sind ja immer noch Einige, macht ihr den Vorwurf, dass sie zu weit Rechts sei. Das ist jeweils der Moment, wo ich sage, dass konservatives Denken oft mit intellektueller Unabhängigkeit verwechselt wird. Aber bevor ich Roger Köppel und seinem Team jetzt zuviel Honig ums Maul schmiere: Die intellektuelle Unabhängigkeit zeigt sich oft in den eingekauften Artikeln, während die «Weltwoche»-Redaktoren tatsächlich oft durch politisch rechts stehende Stellungnahmen glänzen.

Abgesehen von den A-Menschen, die der «Weltwoche» die Feindschaft gekündigt haben, scheinen also nur noch jene zu bleiben, die es gut finden, wenn eine Zeitschrift das Gegenteil von dem schreibt, was sie denken. Bis letzten Donnerstag zählte ich mich dazu. Aber offensichtlich gibt es bei uns allen eine Grenze des Erträglichen. Meine heisst «Die klassische Familie» und ist der Aufhänger in einer Publikation, die mit «W» anfängt. «W» wie «Warum zum Teufel stellt ihr Journalisten euch nicht mal auf die Seite von alleinerziehenden Müttern und schlecht verdienenden Kleinfamilien?» Oder «W» wie «Was glaubt ihr eigentlich wofür die Frauen in der Schweiz die letzten 30 Jahre gekämpft haben?» Aber auch «W» wie
«Was solls?» Nächsten Donnerstag liegt eine neue «Weltwoche» im Briefkasten. Und die aktuelle Nummer liegt dann schon lange im Müll.

Bei diesem Magazin scheiden sich die Geister: Die Weltwoche.

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