Küssen Sie den Bildschirm?

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • von simon hehli

ZÜRICH – In «Second Life» basteln wir uns online eine schöne neue Welt, chatten mit Menschen, deren reales Gesicht wir noch nie gesehen haben. Vereinsamen wir vor dem Bildschirm?

Millionen Menschen chatten und flirten mit Freunden von Neuseeland bis Südafrika, stellen ihre Urlaubsvideos auf YouTube, betreiben intensives Seelen-Striptease auf MySpace. Und legen sich nun auch ein zweites Leben zu: Als grossbusige Sexbomben oder geschniegelte Macker wandeln Internet-Junkies durch die virtuelle Welt von «Second Life». Sie bauen sich ein schönes Häuschen, fliegen von Ort zu Ort oder machen sich an andere aufgebrezelte Wesen heran, die wie Marionetten von wirklichen Menschen gesteuert werden.

Sitzt nun bald die ganze Welt zuhause vor dem Bildschirm, flüchtet sich in virtuelle Welten – und vereinsamt dabei?

Nein, findet Soziologie-Professor Hans Geser. Herkömmliche Beziehungsnetze wie die starke Verankerung in der Familie haben zwar in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren – der einzelne Mensch geht heute unabhängiger und freier durchs Leben.

«Doch dank Internet – und auch dem Handy – schaffen es die Menschen heute wieder, ihre Kontakte stärker zu pflegen, auch wenn sie ihre Freunde und Eltern nicht mehr so häufig sehen», sagt Geser.

Eher Chance als Gefahr sieht auch Psychotherapeut Marius Neukomm in Chatforen und Onlineplattformen: «Früher sass ich in meiner Beiz und kannte die Leute, die um mich rum sassen. Jetzt schliesse ich schnell und unkompliziert Freundschaften mit Menschen in Buenos Aires oder New York».

Trügerische Phantasie

Doch Neukomm weiss: «Damit solche Freundschaften nicht versanden, braucht es viel Arbeit.» Denn eine solche Beziehung sei trügerisch, warnt der Psychotherapeut.

Einen Freund aus Fleisch und Blut kann auch der hippste Second-Life-Bewohner nicht ersetzen. Der virtuelle Planet ist und bleibt ein Phantasiegebilde. Dass wir uns in solche Welten flüchten ist nichts Neues: Gerne identifizieren sich die Menschen ja mit einem Romanhelden oder fiebern im Kino mit Indiana Jones mit.

Doch wenn wir das Buch zuklappen oder das Kino verlassen, kehren wir in unsere kleine, meist wenig heldenhafte Welt zurück. Gelingt das auch den Menschen, für die das Internet zu einer zweiten Heimat geworden ist? «Es ist reizvoll, in eine Rolle zu schlüpfen und plötzlich das Gefühl zu haben, bedeutsam zu sein. So kann man auch Spannungen abbauen», sagt Neukomm.

«Doch man muss auch unterscheiden können zwischen Schein und Sein. Da ist es wie beim Drogenkonsum: Wenn jemand nicht mehr in die Realität zurückfindet und dem Schein verfällt, wird er süchtig.»

Leben im Überfluss lockt

Auch Soziologie-Professor Geser sieht ein enormes Suchtpotential bei Second Life – in der Zukunft. «Derzeit ist es für die Menschen so mühsam, sich für diese Online-Fasnacht eine Maske zu erstellen, dass sies aus reiner Bequemlichkeit bald vorziehen, wieder sich selber zu sein», betont der Wissenschaftler.

Doch für den Bewohner einer Dreizimmer-Blockwohnung sei die Vorstellung von seiner eigenen Villa mit Yachtquai ebenso verlockend wie für den einfachen Angestellten die Aussicht, selber mal das Chefzepter zu schwingen – wenn auch nur virtuell. Kompensation für den langweiligen Alltag, nennt das Geser.

Wenn dann nächstens die Second-Life-User mit den eigenen Stimmen aus dem Mund ihrer Pixel-Figürchen miteinander plaudern und flirten können, kommt die Simulation dem echten Leben noch ein Stück näher. Es gebe dann für viele Menschen noch weniger Grund, aus dem Haus zu gehen, um Freunde zu sehen, befürchtet Geser. Soziale Angst und Menschenscheu könnten zunehmen.

Haben wir es bald mit lauter asozialen und unglücklichen Internet-Süchtigen zu tun? «Das werden wir sie dann fragen müssen», sagt der Sozialwissenschaftler vorsichtig.

Auf neues Glück hoffen auch die halbe Million Schweizerinnen und Schweizer, die derzeit gemäss Geser in Online-Partnerbörsen auf der Suche nach einer besseren Hälfte sind. Spätestens wenn sie Amors Pfeil durch die Breitband-Verbindung trifft, müssen die Turteltäubchen die Finger von der Tastatur nehmen – wenn sie die neue Liebe in die Arme schliessen wollen.

Leseraufruf

Haben Sie in Second Life auch schon Spannendes, Erotisches, Erschreckendes erlebt? Schreiben Sie uns! hhs@ringier.ch

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